Waljagd vor den Azoren "Es war ein wundervolles Leben"

Früher brachten tote Wale den Bewohnern der Azoren gutes Geld, heute sind die riesigen Tiere lebend wertvoller: Anstelle von Harpunieren gehen jetzt Touristen mit der Kamera auf Jagd. Doch manch ein Insulaner trauert der alten Zeit nach.

Andreas Drouve

Von Andreas Drouve


"Wal in Sicht!", meldet Späher Filipe per Handy vom Turm aus. Kurz darauf schießt das Boot aus dem Hafen von Vila Franca do Campo. Plötzlich tauchen im Wasser Flossen und pigmentierte, silbrig glitzernde Körper auf. Es handelt sich allerdings nicht um die Riesen der Meere, sondern um Atlantische Fleckendelfine. Von dem vom Ausguck auf der Azoren-Insel São Miguels gesichteten Wal ist jedoch nichts zu sehen - bis ein neuer Anruf Filipes eingeht: ein Blas, gut zehn Seemeilen entfernt.

"Haltet euch fest!", ruft Bootsführer Nuno seiner Passagierfracht zu und peitscht den Außenborder hoch. Ein Teufelsritt beginnt, die Hände umklammern das Sitzgestänge. Wind und Wogen kommen von vorn. Für ein, zwei Sekunden hebt das Schlauchboot nach jedem Wellenkamm ab in die Luft - bevor es wieder hart im Wellental aufschlägt. Jede Landung staucht den Rücken.

Auf Höhe der Südostspitze von São Miguel drosselt Nuno das Tempo: Wal voraus. "Ein Seiwal," schreit Guide Melissa in den Wind, "dürfte 15 Meter lang sein." Nuno schaltet den Motor aus. Fotografieren? Schwierig. Das Boot dümpelt wie verrückt hin und her und der Riese ist über 50 Meter entfernt.

Nuno fährt wieder an. Der schnelle Kontrollblick aufs Display der Kamera zeigt - nichts. Zumindest keinen Wal. Zu sehen sind lediglich Himmel und See. Der Meeressäuger ist jedoch noch immer da. Dessen Finne ist seitwärts geneigt, sein tonnenschwerer Körper wirkt federleicht. Dreimal zeigt er noch seinen Rücken, dann taucht er ab.

Blutiges Zubrot für den Barbier

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte der Meeressäuger wahrscheinlich nicht so einfach abtauchen können. "Bis in die achtziger Jahre töteten die Fischer von Pico Walfische", sagt Melissa. Erst 1987 fuhren die letzten Walfänger der Azoren aufs Meer hinaus. Damals war Francisco Joaquim Machado, heute Anfang Neunzig, mit an Bord. Eigentlich arbeitete er als Barbier, doch jahrzehntelang verdiente er sich ein blutiges Zubrot und jagte jedes Jahr ab April Wale. Im November war die Saison meist schon wieder vorbei.

Von seinen damaligen Erlebnissen erzählt er ebenso voller Stolz wie Carlos Natal Serpa, der in jener Zeit die Tiere harpunierte. "Es war ein wundervolles Leben", sagt der 76-Jährige. Es ist ein romantisierter Blick zurück. Dass Serpa damals auch erleben musste, wie Kameraden auf See ums Leben kamen, klammert er aus.

Ein zwiespältiges Verhältnis zur Vergangenheit pflegt Manuel Homem da Silva. Der Mitte-Siebzig-Jährige stammt ebenfalls von der Insel Pico. Nach den düsteren Seiten der Waljagd gefragt, antwortet er ohne Umschweife: "Dass wir die Wale töten mussten." Ob ihm das Treiben Spaß gemacht hat, möchte man von ihm wissen - und er fühlt sich tödlich gekränkt. Wem könne es Freude bereiten, das Leben anderer Kreaturen auszulöschen, noch dazu mit "purer Folter", sagt er. Man habe es tun müssen, um selbst zu überleben.

Serpa hingegen ginge jederzeit wieder auf Waljagd, wenn es erlaubt würde. Und unterstreicht es mit einem dreifachen "Jawohl!" Nicht jeder der alten Fischer zählt zu den begeisterten Befürwortern des Whale Watching. "Früher wurde der ganze Ort von den Tieren satt, heute nur ein paar Familien", sagt da Silva. Dabei schwingt nicht zuletzt das Unverständnis mit, dass anderen Nationen weiterhin das Recht zusteht, die Tiere zu töten.

Die Jagd nach den Meeressäugern begann auf den Azoren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert. Damals trafen die ersten Walfänger aus Nordamerika und England ein. Wenig später entdeckten auch die Bewohner der Inseln Pico und Flores die neue Einnahmequelle. Fischer, Bauern und Handwerker verwandelten sich vorübergehend in Harpuniere und Ruderer. Ein gefährliches Unterfangen: Der Verlust von Körperteilen entwickelte sich zur Berufskrankheit, und die Jagd kostete reichlich Menschenleben.

Wal durch den Fleischwolf

Das Walrat der Tiere war flüssiges Gold, ein exzellenter Brenn- und Schmierstoff und "dessen Export der Hauptgrund seiner Gewinnung", liest man auf einer Tafel in der Walfabrik von Porto Pim. Die Produktionsstätte war noch bis 1974 in Betrieb, inzwischen hat hier eines von mehreren Walfangmuseen des Archipels seine Heimat gefunden.

Kocher für Speck und Knochen, Fleischwolf, Dampferzeuger, Siebanlage - die alten Fabrikhallen von Porto Pim zeigen die Hinterlassenschaften der Walfangindustrie. Hier, an der Südostküste von Faial, verarbeitete man alles frisch, zog das Tier von der Bucht herauf und zerteilte es gleich neben dem Gebäude.

Die Abläufe waren bestens durchdacht, die Wege kurz. In der Hallenluft hängt unverändert ein Hauch Maschinenöl, im Hinterhof sind noch Rampe, die Winden und der benachbarte Schlot. Und die kleinen Kanäle auf dem Boden, die das Walblut auffingen, das dann in einen Sammeltank kam.

"Bei uns im Museum lernt man alles über diesen Industriezweig, der zu seiner Zeit so wichtig war, weil es kaum andere Ressourcen zum Überleben gab", sagt die portugiesische Anthropologin Márcia Dutra. Sie hat mitgeholfen, das Walmuseum von Porto Pim aufzubauen. Den Wandel von der Waljagd zum Whale Watching sieht sie "als neuen Zyklus in der Beziehung zwischen Azoren und den Walen." Und fügt hinzu: "Die meisten Museumsbesucher sind wirklich froh, dass das Töten vorbei ist." Und mit ihm der barbarische Geruch, der mit der Verarbeitung riesigen Kadaver einherging.



insgesamt 15 Beiträge
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widower+2 16.10.2012
1. Wie wild hin und her dümpeln
geht nicht. "... der mit der Verarbeitung riesigen Kadaver einherging." Aua!
max-mustermann 16.10.2012
2. Widersrüche über Widersprüche
Zitat von sysopAndreas DrouveFrüher brachten tote Wale den Bewohnern der Azoren gutes Geld, heute sind die riesigen Tiere lebend wertvoller: Anstelle von Harpunieren gehen jetzt Touristen mit der Kamera auf Jagd. Doch manch ein Insulaner trauert der alten Zeit nach. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/vila-franca-do-campo-whale-watching-auf-den-azoren-a-861306.html
Da fragt mann sich doch glatt wie die Inselbewohner vorher Jahrtausende lang überlebten ohne Wale zu jagen, wo dieser Industriezweig doch erst in der zweiten Hälfte des 18 Jahrhunderts entstand. Zumal der Autor am Anfang des Textes noch eindeutig Zubrot schreibt, warum dem Autor diese Widersprüche nicht auffallen bleibt sein Geheimnis.
Rahvin 16.10.2012
3. optional
Bin mir nicht sicher, warum das Whale Watching als derart aufregendes, naturnahes Schauspiel gefeiert wird. Nach zweimaligem zweifelhaftem Genuß eines solchen Ausfluges kann ich sagen: Absolut unspektakulär (wohl zumeist). Sehen kann man kaum etwas, und über den Stress, den man bei den Tieren verursacht, darf man auch nur spekulieren. Immerhin nähern sich die Boote mit voller Geschwindigkeit, um möglichst nahe an die Tiere heranzukommen, die dann nicht grundlos meist schnell abtauchen. Natürlich ist das Whale Watching dem Walfang vorzuziehen, aber das Ausnehmen von sensationshungrigen Touristen wird auch nicht ewig weitergehen. Und irgendeiner wird dann schon wieder auf die Idee kommen, Wale "nachhaltig" zu nutzen, wie auch immer das aussehen sollte.
moev 16.10.2012
4.
Ich frag mich ja wie der Walfang entstanden ist. Welcher Urzeitmensch kam auf die brilliante Idee ausseiner kleinen Nussschale heraus so einen Behemoth zu harpunieren? Und wer hat es ihm dann immer wieder nachgemacht obwohl doch alle ersten Versuche sicher in einer Katastrophe endeten? Bei der Mammutjagd greift man die Riesen ja wenigstens auf vertrauten Terrain an, aber sobal der Wal das Bot umwirft ist man im Waffer ziemlich verloren.
bonnehomme 16.10.2012
5. Ureinwohner
Tja, max mustermann, die azoren wurden erst im 15. 16.Jahrhundert besiedelt. davor waren sie absolut unbewohnt
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