Reise-Blogger Christoph Pfaff: Die Jogginghose muss mit

Er filmt beim Eisbaden in Finnland, beim Wasserski-Unfall in Lyon: Video-Reiseblogger Christoph Pfaff hat die Kamera immer dabei, auch wenn es wehtut. Hier berichtet er von seinen verrücktesten Trips - und verrät, welches Reiseziel völlig unterschätzt wird.

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Christoph Pfaff

Persönliche Texte, neue Blickwinkel: Die deutschsprachige Reiseblogger-Szene hat sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt, ein riesiger Schatz von inspirierenden Berichten aus aller Welt ist entstanden. Im Fragebogen-Interview stellen wir die Menschen hinter den originellsten Webseiten vor. Heute: der Kieler Video-Blogger Christoph Pfaff, verantwortlich für VonUnterwegs.com.

Bitte schreiben Sie für uns exklusiv einen Kurz-Blog über Ihre letzte Reise - und zwar in einem Satz:

Das Geräusch, das ich nie vergessen werde, ist ein Mix aus Knattern und Rattern, als ich mit einem hustenden Solex-Motorroller durch das sommerliche Lyon bretterte, um im Museum den ersten Kinofilm der Welt von den Brüdern Lumière anzusehen, und mir dabei spontan die Idee kam, selbst einen Stummfilm zu drehen. Der unerlaubte zweite Satz: Hab' ich dann auch gemacht.

Ohne welchen Gegenstand würden Sie niemals reisen?

Da muss ich gar nicht lange überlegen: meine Jogginghose. Von Schreikindern mal abgesehen, gibt es auf Langstreckenflügen keine größeren Quälgeister als Gürtelschnallen und Jeansknöpfe. Deshalb habe ich mir irgendwann angewöhnt, nur noch gemütlich ins Flugzeug zu steigen. Zugegeben: Den einen oder anderen irritierten Blick kassiere ich dafür schon. Aber ich glaube fest daran, dass die Erde ein besserer Ort wäre, wenn wir alle in Jogginghose reisen würden.

Wo fühlen Sie sich am wohlsten: Gebirge, Meer, Großstadt oder Wüste?

Da ich selbst am Meer lebe und dahingehend befriedigt bin, macht in diesem Quartett auf jeden Fall die Großstadt den Stich. Metropolen wie Bangkok, New York und Tokio sind für mich das, was für Kinder von Ikea-Kunden das Småland ist: Setz mich rein, und hol mich nie wieder raus! Pappkaffee in die Hand, hinsetzen, Leben gucken. Gebirge und Wüsten nehme ich auch schon mal mit, wenn sie eh gerade auf dem Weg liegen. Aber da fehlt mir wohl ein bisschen die Leidenschaft. Oder die Kondition.

Die verrückteste Reise Ihres Lebens?

Die hätte eigentlich jetzt gerade stattfinden sollen. Ich hatte eine interaktive Reise namens "In zehn Tagen um die Welt" mit fünf Stopps auf fünf Kontinenten geplant, bei der meine Social-Media-Gemeinde bestimmen sollte, welche verrückten Aufgaben ich an den jeweiligen Orten zu erfüllen habe. Leider musste ich einen Teil der Organisation an einen Fernsehsender, der mich begleiten wollte, abgeben - und der hat das längst festgezurrte Projekt dann tatsächlich noch drei Tage vor Abflug platzen lassen. Ich vermute, das ist das, was man Showbusiness nennt.

Ihr bester Blog bislang?

Wenn ich mich für meinen persönlichen Favoriten entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich die Episode "Eisbaden in Finnland" nehmen, die in diesem Jahr durch die Nominierung für den Deutschen Webvideopreis ordentlich Aufmerksamkeit bekommen hat. Was mich aber viel mehr beschäftigt, ist eine Ironie, die ich bisher noch nicht verstanden habe: Da reise ich das ganze Jahr um den Globus, um spannende und vor allem exotische Filmchen mit nach Hause zu bringen - und welches ist das mit Abstand meistgeklickte Video? Das über meine Heimatstadt Kiel, das ich letzten Sommer mal eben so im Vorbeigehen gedreht habe. Aber irgendwie ist das auch okay. Ich mag Kiel. Es ist mein Hafen.

Ein völlig unterschätztes Reiseziel ist:

Meine Blog-Besucher haben es anscheinend kapiert: Kiel natürlich! Weil es mir in meiner Sprottenseele wehtut, wenn ich - zum Beispiel bei SPIEGEL ONLINE - lesen muss, dass die Stadt ja doch "eher unspannend" sei. Stimmt doch gar nicht, rufe ich dann laut und stampfe beleidigt mit dem Fuß. Aber vermutlich ist meine feste Überzeugung, dass es im Sommer wirklich keinen besseren Ort als das Kieler Fördeufer gibt, einfach etwas herzverzerrt. Oder der Kieler Sommer ist einfach zu kurz, um die Antwort gelten zu lassen. Ich möchte die Frage schieben.

Hat das Bloggen die Art verändert, wie Sie reisen?

Sagen wir mal so: Ich bin früher deutlich seltener über große Plätze und Straßen voller Menschen gegangen und habe mit einer Videokamera gesprochen, als sei sie mein Publikum. Wäre ich die anderen und könnte mich von außen betrachten, würde ich mich wahrscheinlich ziemlich komisch finden.

Wie oft sind Sie im Jahr unterwegs, wie finanzieren Sie Ihre Reisen?

Die Finanzierung ist ein Mix aus drei Töpfen: Im Idealfall erhalte ich den Auftrag zu einer Reisereportage von einer Zeitschrift, die die Reisekosten trägt. Da sich das die meisten Medien aber nicht mehr leisten können, springen vermehrt die Tourismusämter der entsprechenden Destinationen als Unterstützer ein. Und der dritte Topf ist mein eigener, an dem ich mich natürlich am liebsten für private Reisen bediene. Insgesamt komme ich dieses Jahr auf knapp 20 Reisen, die etwa viereinhalb Monate dauerten. Genügend Zeit, um meine Sehnsucht zu stillen. Aber zum Glück doch nicht ausreichend, um die Neugier aufs nächste Abenteuer zu verlieren.

Der größte Luxus, den Sie sich unterwegs gönnen?

Muss ich hier jetzt wirklich noch beichten, dass ich ein tierisch knauseriger Mensch bin? Ich gönne mir - auch zu Hause - kaum etwas. Nicht, weil ich denke, mein Geld irgendwann mal für wichtigere Dinge brauchen zu können, sondern weil ich recht genügsam bin, glaube ich. Der größte Luxus, den ich mir in meinem Leben gönne, ist das Reisen selbst.

Lesen Sie hier die weiteren Blogger-Fragebogen dieser Serie:
Die Fragen stellte Stephan Orth

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1. Wird SPON die neue
hermes69 13.08.2013
Werbeseite für Reiseblogger oder wie darf ich die letzten Berichte verstehen?
2. super
Buxhux 13.08.2013
Zitat von sysopChristoph PfaffVideo-Reiseblogger Christoph Pfaff hat die Kamera immer dabei, auch wenn es weh tut. Er filmt beim Eisbaden in Finnland, beim Wasserski-Unfall in Lyon - und erzählt, warum er im Flugzeug irritierte Blicke erntet. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/vonunterwegs-com-blogger-christoph-pfaff-im-interview-a-915575.html
Oh wie wunderbar, habe viele Parallelen zu meinen Reisen und Vorlieben entdeckt und bin erleichtert, nicht der einzige Exot zu sein, der ähnlich denkt, denn bei den vielen Malle/Gran Canaria Urlaubern kann man schon mal ins Grübeln kommen. Was ich immer dabei haben muss, außer der Kreditkarte natürlich, ist Oropax, die originalen aus Wachs, dann kann man auch bei der gräuschvollsten ratternden Klimaanlage sehr gut schlafen denn exotische Länder sind nicht immer die leisesten.
3. Ist ja schön ...
pekanut 13.08.2013
... wenn Menschen ihr Hobby so ausleben können. Aber 4,5 Monate im Jahr verreisen ist ja doch ganz schön viel ... CO2 Wo SPON doch gerade letzte Woche erst über "Die schlimmen Folgen der deutschen Reiselust" berichtete ... http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/flugreisen-deutsche-reiselust-negativ-fuer-klimabilanz-a-912126.html Naja, jedem das seine
4. Oropax
yogibimbi 13.08.2013
Zitat von BuxhuxOh wie wunderbar, habe viele Parallelen zu meinen Reisen und Vorlieben entdeckt und bin erleichtert, nicht der einzige Exot zu sein, der ähnlich denkt, denn bei den vielen Malle/Gran Canaria Urlaubern kann man schon mal ins Grübeln kommen. Was ich immer dabei haben muss, außer der Kreditkarte natürlich, ist Oropax, die originalen aus Wachs, dann kann man auch bei der gräuschvollsten ratternden Klimaanlage sehr gut schlafen denn exotische Länder sind nicht immer die leisesten.
Kann ich nur zustimmen, obwohl mir die Watteversion besser passt. Ansonsten noch eine Bandana, oder gleich zwei. Eine gegen die Klimaanlagen in Flugzeugen und Bussen um den Hals, und eine zweite über die Augen und die Stirn wg. Licht und Zugluft. Oder beim Radfahren als Schweissfänger. Bandanas sind klasse. Ich suche allerdings immer noch nach der Gore-Windstopper-Bandana.
5. Gepäckminimierung
carolian 13.08.2013
Jogginghose? Unterhose ist wichtiger. Joggen kann man auch in auswaschbarer Badehose.
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ZUR PERSON

Christoph Pfaff, 29, war sechs Jahre lang Moderator bei delta radio in Kiel. Im Januar 2011 machte er sich als Reisejournalist selbständig und startete den Video-Blog VonUnterwegs.com, der 2013 für den Deutschen Webvideopreis nominiert wurde. Pfaff schreibt Reisereportagen für Magazine, Onlinemedien und Tageszeitungen.


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