Vorolympischer Pistentest Whistler mit Wendy

Kilometerlange Abfahrten, trockener Pulverschnee und kein Liftgedrängel: Kurz vor den Olympischen Winterspielen herrscht im kanadischen Skiparadies Whistler Blackcomb Normalbetrieb - allerdings auf höchstem Niveau. Ole Helmhausen testet Pisten namens Excalibur, Burnt Stew Trail und Jersey Cream.


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Skigebiet Whistler Blackcomb: Pisten der Olympioniken
"Da fahren die hinunter!? Nie im Leben!" Ich starre auf das gelbe Schild am Ende der Chainsaw Ridge. "Experts only" steht da in schwarzen Blockbuchstaben. Eine Handbreit dahinter gähnt ein mehrere hundert Meter tiefer Abgrund. Diese Zahl kann ich nur daran schätzen, dass die beiden Jungs, die sich soeben in den Tiefschnee der Jersey Cream Bowl hinabgestürzt haben, schnell auf Stecknadelkopfgröße geschrumpft sind. Jetzt gehen neben uns die nächsten zwei in Position, dahinter warten fünf weitere Verrückte. Der eine kaut auf seinem Kaugummi herum, der andere steht still wie eine Salzsäule.

Niemand spricht, keiner drängt. Jeder hier oben auf dem Blackcomb Mountain weiß: Die nächsten Züge wollen wohlkalkuliert sein. Von ihnen hängt ab, ob dieser Tag bei Kokanee Lager und Nachos im G.L.C., dem Hangout der Skiverrückten in Whistler, endet oder auf der Krankenstation. Endlich setzt sich der Erste in Bewegung. Auf den Kanten seiner Skier rutscht er vorsichtig bis zu dem Buckel an der Kante. Dann setzt er zum Schwung an. Wie das Manöver ausgeht, sehen wir nicht mehr. Der Junge ist so schnell verschwunden wie ein Murmeltier bei Luftalarm. Sein Kollege folgt einen Lidschlag später.

"Mindestens 70 Prozent Gefälle hat es hier", sagt, nein, jauchzt Wendy Brookbank und strahlt dabei mit der Sonne um die Wette. Der Himmel über Whistler ist wolkenlos und stahlblau, mit minus zwölf Grad ist es etwas kälter als sonst im Dezember. Die Abfahrt vor unseren Brettern gilt als die steilste in Nordamerika. Sie heißt Couloir Extreme und ist - natürlich - mit einem schwarzen Diamanten für den höchsten Schwierigkeitsgrad ausgewiesen.

Wendy, sehnig und hyperaktiv, hat sie schon x-mal gefahren. Früher, "in the olden days", wie sie gerne sagt, als professionelle, aber mittellose Rennläuferin, um ein paar Dollar zum Überleben in Whistler zusammenzukratzen. Heute als Skiguide für Extremely Canadian, einen Spezialveranstalter, der seine Kunden zu den schönsten Abfahrten im 33 Quadratkilometer großen Skigebiet von Whistler Blackcomb führt.

Als Erste durch 80 Zentimeter Neuschnee

Wendys Lebenslauf ist typisch für die "Ski Bums" genannten Skisüchtigen des Ortes. Sie jobbte als Kellnerin und Köchin, wohnte in feuchten Kellerräumen und riskierte in den Skifilmen des legendären Warren Miller für mitreißende Actionszenen Kopf und Kragen - all das, um die Liebe ihres Lebens zu finanzieren. Hat ein derart im Perma-Rausch lebender Mensch so etwas wie ein schönstes Skierlebnis?

Wendy braucht nicht lange zu überlegen. Mit glänzenden Augen erzählt sie von jenem Morgen, als sie die Erste oberhalb der treppenartige Felsformation Spanky's Ladder war und vor allen anderen Skibums durch 80 Zentimeter Neuschnee hinabbretterte: "Ich versank im Pulverschnee, schoss wieder heraus, schnappte nach Luft und auf der nächsttieferen Stufe schlug der Pulver wieder über mir zusammen. Wow! So etwas erlebt man nur einmal im Leben!"

Ich selber brauche keinen Neuschnee mehr zum Abheben, schon das Skigebiet Whistler Blackcomb ist überwältigend. Zwei Stunden von Vancouver entfernt, ist es das größte Nordamerikas und wird während der Olympischen Winterspiele im Februar 2010 Austragungsort unter anderem der alpinen und nordischen Wettbewerbe sein. 38 Lifte, darunter vier Gondeln und 18 Sessellifte, führen von Whistler Village zu über 200 Abfahrten.

Der Berg Whistler (2182 Meter) bietet Pisten durch enge Waldschneisen und jede Menge kaum abgelegener, vor allem bei Neuschnee traumhafter Abfahrten. Die Abfahrten am Blackcomb-Berg (2240 Meter) sind steiler, von hier aus ist der Zugang zum "Back Country" genannten, nur von erfahrenen Skifahrern genutzten Hinterland leichter. Die längsten Abfahrten sind elf Kilometer lang, und knapp die Hälfte ist für Fortgeschrittene ausgewiesen. Ein Drittel ist für Anfänger, der Rest für Experten. Und mit zehn Meter Schnee pro Saison ist Whistler Blackcomb absolut schneesicher.

Kaum weniger berühmt ist Whistlers Nachtleben. Über hundert Restaurants und Bars erwarten den Gast, dabei reicht die Palette von preisgekrönten Gourmet-Restaurants wie dem für seine Northwest Coast Cuisine berühmten Araxi und dem Bearfoot Bistro mit seinem extravaganten Weinkeller bis zu lärmenden Kantinen wie dem Garibaldi Lift Co., wo die Snowboarder Tunfisch-Sandwiches mampfen und der Schnee an den Skischuhen unter den Tischen zu kleinen Seen zerschmilzt. Zur Übernachtung stehen 115 Hotels und B&B's mit insgesamt über 10.000 Zimmern zur Verfügung.

Leichte Abfahrten zum Aufwärmen

Frühmorgens nehmen Wendy und ich zunächst die Village Gondola den Whistler Mountain hinauf. Was folgt, ist Skifahren der Extraklasse, ohne Staus und Warteschlangen an den Liften. Die Pisten sind frisch präpariert, bis 9, 9.30 Uhr liegen sie noch fast unberührt da. Der Schnee ist, typisch für Skigebiete in Küstennähe, hart und schnell ausgefahren, hält aber zumindest noch vormittags, so dass ich mich getrost in jeden Schwung hineinfallen lassen kann. Von der Roundhouse Lodge knapp über der Baumgrenze aus machen wir zunächst ein paar leichte Abfahrten zum Aufwärmen, darunter Lower Whiskey Jack und Papoose.

Irgendwann kreuzen wir Franz's Run, in weniger als zwei Monaten die Abfahrtstrecke der Damen. Dann nehmen wir die Gondel Harmony Express auf den Little Whistler Peak, genießen von dort aus den Blick auf die hochalpine Bergwelt der Coast Mountains und gleiten, nein, schweben anschließend gemächlich auf dem Burnt Stew Trail und Pika's Traverse zurück zur Roundhouse Lodge. Es wird Zeit für den "anderen" Berg, ab in die nagelneue Peak-to-Peak-Gondola zum Blackcomb Mountain! Für die viereinhalb Kilometer hinüber brauchen wir elfeinhalb Minuten, wobei wir bis zu 440 Meter über dem Talboden schweben und den Blick durch den Glasboden genießen.

"Let's ski", jubelt Wendy bei der Ankunft, springt in die Bindungen und ist weg. Dass sie mit mir nicht die Couloir Extreme machen kann, tut ihrer guten Laune keinen Abbruch. Über die bucklige Jersey-Cream-Abfahrt im Gipfelschatten fahren wir zunächst durch enge Schneisen zum Glacier Express. Auch diesen zeichnet vor allem eines aus: keine Warteschlangen, kein Gedrängel, nur freundliche junge "Lifties", die immer ein munteres "G'Day" oder "How do you do?" auf den Lippen haben - je nachdem, ob sie aus Australien oder Großbritannien stammen.

Abwärts auf Excalibur

Die nächsten drei Stunden sind ein Traum in Weiß. Meine Carvingski lassen mich selbst auf den steilen, für Fortgeschrittene ausgewiesenen Abfahrten Upper Cloud Nine und Hughes' Heaven gut aussehen. Auf der Crystal Traverse fahren wir durch einen engen Canyon und lassen dabei Spanky's Ladder rechts liegen. Bei der Crystal Hut erreichen wir schließlich wieder den Wald und sausen über die Schulter des Blackcomb Mountain talwärts, auf Strecken, die Ridge Runner, Glacier Road und Excalibur heißen.

Verfahren kann man sich nicht in Whistler Blackcomb. Alle Pisten führen zurück ins Village. Die Skier abschnallen und die letzten hundert Meter ungelenk in Skistiefeln durch den Schnee stapfen muss hier niemand. Stattdessen fährt man bis unmittelbar vor die Whistler Village Gondola, steigt aus der Bindung und sucht sich einen freien Tisch im wenige Meter entfernten G.L.C. Als Wendy und ich dort gegen 16 Uhr ankommen, liegen die Hänge über dem Village bereits im Schatten. Zielstrebig steuert sie einen Tisch mit Blick auf den Berg an und bestellt eine Kanne Kokanee Lager.

"Wenn du wiederkommst, zeige ich dir Spanky's Ladder", sagt sie und richtet den Blick himmelwärts. "Schau", flüstert sie. Die Umrisse des Whistler Mountain werden von Alpenglühen rot und purpur gemalt.



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