Planet Erde

Vulkan Ol Doinyo Lengai in Tansania Kalte Lava, heißer Schweiß

Michael Martin

Nur wenige Bergsteiger erklimmen den Ol Doinyo Lengai in Tansania - der Aufstieg ist mühsam, die Temperaturen hoch. Doch der brodelnde Vulkan ist auf seine Art einzigartig. Fotograf und Geograf Michael Martin war oben.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Nach zwei Stunden Pistenfahrt durch den äußersten Norden Tansanias zeichnet sich der Ol Doinyo Lengai schemenhaft am Horizont ab. Die typische Form des 2960 Meter hohen Vulkans ist mir von früheren Besteigungen vertraut. Meine Frau Elly und ich wollen die anstrengende Besteigung ein weiteres Mal unternehmen, denn seit einem großen Ausbruch von Juli 2007 bis 2008 hat sich der Ol Doinyo Lengai stark verändert.

Um 3 Uhr morgens klingelt der Wecker in unserem Zelt. Zusammen mit dem lokalen Guide Sumleki, einem Massai, und unserem tansanischen Fahrer Siggi geht es im Landcruiser vom Camp aus Richtung Vulkan. Nach einer halben Stunde Fahrt ist die holprige Piste zu Ende, vor uns liegt ein Anstieg von 1600 Höhenmetern über die Westflanke des Vulkans.

Die erste Stunde steigen wir im Schein unserer Stirnlampen über einen kleinen Pfad nach oben, dann setzt die Dämmerung ein und der nahe Natronsee sowie das "Hochland der Riesenkrater" wird sichtbar.

Wir befinden uns unmittelbar am Steilabbruch des Ostafrikanischen Grabenbruchs, der sich von Äthiopien bis zur Mündung des Sambesi in zwei Armen durch Ostafrika zieht. Der Ol Doinyo Lengai gehört zu den zahlreichen Vulkanen, die seinen Verlauf kennzeichnen. Und doch ist er einzigartig, stellt er doch den einzigen Vulkan der Erde dar, der circa 500 Grad Celsius heiße und damit vergleichsweise kalte Karbonatitlava fördert.

Bei dem Ausbruch 2007 kam es zu einer gewaltige Explosion mit einer bis zu zehn Kilometer hohen Säule aus Asche, die dann auf dem Berg niederging. Entsprechend mühsam ist das Aufsteigen, wahlweise in tiefer Asche oder in engen Rinnen, die sich zwischen verfestigter Asche durch Regenwasser gebildet haben.

Schwefeldampf und Höllentor

Während Elly dem Tempo unseres Guides Sumleki gerade noch folgen kann, schleppe ich schwer an meinem vollen Kamerarucksack. Gegen 9 Uhr morgens treffen uns die ersten Sonnenstrahlen, und bald verstehe ich, dass die wenigen Bergsteiger, welche den Lengai besteigen, meist um Mitternacht losgehen. Wir führen zum Glück neun Liter Wasser mit uns und können den Durst löschen, ohne sparen zu müssen.

Im oberen Viertel ändert sich der Untergrund. Asche und spärlicher Bewuchs gehen in kahle, 45 Grad steile Lavaplatten über. Ein Abrutschen wäre lebensgefährlich, ließe sich doch ein Sturz kaum abfangen. Zum Glück greifen die Bergschuhe auf der rauen Lava gut. Ich bewundere Sumleki, der mit aus Autoreifen gefertigten Sandalen und einem Hirtenstock in dem schwierigen Gelände sicher unterwegs ist.

Am späten Vormittag steigen wir zwischen Lavafelsen hindurch, aus Ritzen steigt nach Schwefel stinkender Dampf auf. Nach einer weiteren halben Stunde stehen wir am Kraterrand und blicken in das gut 100 Meter tiefe Loch. Was für ein Unterschied zu 1996, als der Krater fast bis zum Rand mit erstarrter Lava gefüllt war. Am Boden tritt Lava aus - und ich denke mir, so könnte das Tor zur Hölle aussehen. In der Mythologie der Massai ist der Vulkan der Sitz des Gottes Engai. Für sie symbolisieren seine Ausbrüche den Zorn Gottes.

Keine Alternative zu extensiver Viehhaltung

Wir fotografieren und filmen eine Stunde lang. Unter der nun senkrecht stehenden Sonne teilen wir die mitgebrachten Sandwiches mit unserem Guide und treten dann den Abstieg an. Dieser erweist sich aufgrund der extrem schiefen Lavaplatten, auf denen manchmal feiner Sand liegt, als heikel und aufgrund der Hitze als überaus anstrengend.

Sumleki erzählt beim Abstieg in gutem Englisch, dass er seine Sprachkenntnisse von anderen Bergsteigern habe und seine Frau Englisch in einer Schule lerne. Auch seine zweijährige Tochter solle einmal die Schule am Fuße des Lengai besuchen. Stolz trägt er ein Smartphone an dem mit Plastikperlen besetzten Gürtel. Zum Abschied wird er uns um unsere Handynummern bitten, um per WhatsApp in Kontakt bleiben zu können.

Wie alle Hirtenvölker sind aber auch die Massai Traditionalisten und würden niemals ihre Herden gegen Acker und Pflug oder gar Lohnarbeit eintauschen. Extensive Viehhaltung ist sowieso die einzige Möglichkeit, die Dornbuschsavannen im Ostafrikanischen Grabenbruch landwirtschaftlich zu nutzen.

Nach einer Nacht in dem von Massai hervorragend geführten Camp, folgen wir einer Piste, die den Steilabbruch des Ostafrikanischen Grabenbruches erklimmt. In den höheren Gebieten regnet es mehr, sodass Trockenfeldbau möglich ist. Bald sind die letzten Massai verschwunden. Es sind drei Fahrstunden bis zum Nordeingang der Serengeti.

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