Vulkan Yasur auf Tanna Auf dem Leuchtturm der Südsee

Michael Martin

Alle paar Minuten bricht der Vulkan Yasur auf der Pazifikinsel Tanna aus - und das seit 800 Jahren. Fotograf Michael Martin hat sich an den Rand des Kraters gewagt.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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Um 3.30 Uhr klingelt der Wecker. Von unserem Baumhaus aus blicke ich direkt auf die südliche Milchstraße, die sich über die Insel Tanna spannt. Flankiert ist sie von rot leuchtenden Nachtwolken, die die glühende Lava des Yasur reflektieren.

Seit 800 Jahren bricht der Vulkan ununterbrochen aus und gilt als "Leuchturm der Südsee". Er hatte auch James Cook 1774 den Weg gewiesen, als er in einer nahen Bucht vor Anker ging, die bis heute den Namen seines Schiffes "Resolution" trägt.

Meine Frau Elly und ich sind mit einer Propellermaschine aus Vanuatus Hauptstadt Port Vila auf die Insel Tanna geflogen und bei Kelson im Jungle Oasis Guesthouse untergekommen. Da wir die einzigen Gäste sind, bekamen wir das beste Zimmer - hoch oben in der Krone eines mächtigen Banyanbaumes.

Der Blick auf den Yasur entschädigt sogar für die dreckige Bettwäsche und den maroden Zustand des Baumhauses. Zum Abendessen hatte Kelsons Frau Fisch serviert, Kelson sang für uns "Hotel California" und andere Hits der Popgeschichte, während eine Karaoke-App die Melodien aus seinem Smartphone zauberte.

Fotostrecke

16  Bilder
Vulkan Yasur auf Tanna: Feuerwerk im Pazifik

Wir klettern von unserem Baumhaus die steile, morsche Treppe hinunter und in Kelsons Geländewagen. Unser Ziel: der Vulkan. Mit dabei sind der französische Vulkanologe Yashmin Chebli und ein lokaler Guide. Es geht über eine steile Piste 15 Minuten durch dichten Regenwald hinauf auf ein Plateau, dann zu Fuß 150 Höhenmeter durch schwarzen Sand zum Kraterrand hinauf.

Sechsmal am Tag auf den Kraterrand

Es ist sternenklar, wir sind alleine am Vulkan, ab und zu unterbricht ein Grollen die Stille der Nacht. Oben angekommen, schießt sogleich rot glühende Lava vor unseren Augen Hunderte Meter nach oben, um dann wieder in den Krater zurück zu stürzen. Dort unten befinden sich derzeit drei Förderschlote, aus denen die flüssige Magma explosionsartig nach oben dringt. Erst die Dämmerung setzt dem Fotografieren ein Ende, das Morgengrauen lässt die Farbe der Lava verblassen.

Der Yasur gehört aufgrund seiner kurz aufeinander folgenden Ausbrüche zum strombolianischen Typ der Vulkane, für den der Stromboli in Italien Namensgeber ist. Mit 500 Ausbrüchen pro Tag übertrifft der Yasur seinen Bruder aber an Aktivität. Wie die anderen Vulkane auf den Inseln Vanuatus ist er Teil des "Pazifischen Feuerings", der über eine Gesamtlänge von 40.000 Kilometern den Rändern der Pazifischen Platte folgt.

Der Yasur gilt nicht nur als einer der aktivsten, sondern auch zugänglichsten Vulkane der Erde. Wer den Weg in diese entlegene Region drei Flugstunden nordöstlich von Australien gefunden hat, ist in weniger als einer halben Stunde auf dem 405 Meter hohen Vulkan. Das gibt uns die Möglichkeit zu insgesamt sechs Aufstiegen, drei am frühen Morgen und drei am frühen Abend.

Abends sind wir nicht alleine am Kraterrand. Die Regierung Vanuatus hat das touristische Potential des Vulkans erkannt und einer Privatfirma die Vermarktung erlaubt. Der Eintritt kostet derzeit 9750 Vatus, knapp 100 Euro, beim zweiten Besuch gibt es Rabatt, der dritte ist kostenlos. Die Zeit am Krater ist auf zwei Stunden jeweils bei Sonnenuntergang und -aufgang beschränkt. Zum Glück hat Yashmin als Vulkanologe gute Beziehungen, und so können wir auch mitten in der Nacht auf den Vulkan.

Sohn Gottes aus den USA

Die Zeiten zwischen den Kraterbesuchen nutzen wir für Touren in die nähere Umgebung. Kelson fährt uns in die Resolution Bay, die auch knapp 250 Jahre nach James Cook bei Weltumseglern einen glänzenden Ruf als gut geschützter Ankerplatz hat. Wer hier ein Strandrestaurant erwartet, wird enttäuscht. Touristische Infrastruktur gibt es nur ansatzweise an Tannas Westküste.

Eine andere Tour bringt uns in das Dorf Lamakara, das als Zentrum der John-Frum-Bewegung gilt, die auf der Insel Tanna etwa Tausend Anhänger hat. Sie glauben, dass der Yasur der Ursprung der Welt sei und der Sohn Gottes unter dem Krater wohne. Sein Name: John Frum, seine Herkunft: Amerika.

Chief Isaac Wan
Michael Martin

Chief Isaac Wan

Um das Jahr 1940 als Gegenbewegung zur christlichen Missionierung entstanden, fühlte sich der Kult durch die Stationierung US-amerikanischer Soldaten auf Tanna bestätigt. Sie wurden als Abgesandte von John Frum angesehen. Chief Isaac Wan empfängt uns auf dem Dorfplatz. Der 78-Jährige ist seit 48 Jahren der höchste Vertreter der Bewegung und hütet das Erbe seines Vaters, der 17 Jahre im Gefängnis saß.

Unsere beeindruckendsten Stunden auf Tanna erleben wir aber am Kraterrand des Yasur. Elly und ich können uns nicht satt sehen an dem Feuerwerk, das alle paar Minuten vor uns gezündet wird. Und obwohl ich schon 2000 Bilder fotografiert habe, gelingen mir auch am letzten Morgen ganz andere Bilder, welche die Ausbrüche und gleichzeitig die Morgendämmerung zeigen.

Nach dem letzten Abstieg serviert uns Kelsons Frau Spiegeleier und Kelson singt uns zum Abschied noch einmal "Hotel California". Dann bringt er uns zum winzigen Flughafen an der Westküste.

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frank2013 29.08.2018

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