Vulkanforscher in Island Haraldurs Reisen zum Mittelpunkt der Erde

Ein isländischer Wissenschaftler sammelt in seinem kleinen Museum alles, was irgendwie mit Vulkanen zu tun hat. Die Ergebnisse seiner Souvenirjagd sind nicht nur Lavasteine aus aller Welt - zu sehen sind Eruptionsmalereien, Poster von Katastrophenfilmen und ein Warhol-Bild.

Henryk M. Broder

Von Henryk M. Broder


Wenn Haraldur Sigurdsson morgens aufwacht, geht er als erstes vor sein Haus und schaut sich um: in den Westen, zum Snaefellsjökull, wo Jules Verne seine "Reise zum Mittelpunkt der Erde" anfangen ließ, in den Südosten zum Ljosufjöll, einem Bergmassiv, das zu dieser Zeit unter einer schweren Wolkendecke liegt. Beide Vulkane sind schon lange inaktiv, aber Haraldur Sigurdsson weiß, dass es so etwas wie "tote Vulkane" nicht gibt. "Die Wahrscheinlichkeit, dass einer plötzlich zum Leben erwacht, ist minimal, aber ganz ausschließen kann man es nicht."

Sigurdsson ist Vulkanologe, Mitherausgeber der "Encyclopedia of Volcanoes" und gehört einem recht exklusiven Club von einigen hundert Forschern an, die sich darüber Gedanken machen, wie es im Inneren der Erde aussieht und warum es mal hier, mal dort zu vulkanischen Eruptionen kommt. 1939 in Stykkisholmur, einem Fischerdorf im mittleren Westen Islands geboren, hat er schon als Kind angefangen, Steine zu sammeln und sie miteinander zu vergleichen.

Nach dem Abitur in Reykjavik ging er zum Studium nach Belfast in Nordirland und Durham in England, promovierte mit einer Arbeit über "Die Herkunft des Magma", um anschließend festzustellen, dass er als Vulkanforscher in Island keinen passenden Job finden konnte. So nahm er 1970 ein Angebot der "University of the West Indies" in Trinidad an. "Es war das Paradies, für einen Vulkanologen und einen jungen Mann."

Warhol im Dorfkino

Nach vier Jahren, die er der Erforschung von Vulkanen und anderen Lebewesen widmete, meldete sich das schlechte Gewissen, oder wie Haraldur es nennt: "The Nordic Negative": Es darf einem nicht zu gut gehen. Und so suchte er sich einen Ort, der mit "weniger Versuchungen" verbunden war: "The University of Rhode Island" im puritanischen Neu-England. Er musste sich nur einen kleinen Ruck geben, weil Nixon damals Präsident der USA war, "ein Mann, den wir alle verachtet haben".

Aber an der "Graduate School of Oceanology" spielte Politik keine Rolle. Haraldur betreute Doktoranden und reiste in der Welt herum, um die Tätigkeit von Vulkanen zu beobachten. Dabei sammelte er alles, was mit den Objekten seiner Leidenschaft zu tun hat: von erkalteter Lava aus Indonesien bis zu einem Bild von Andy Warhol aus dem Jahre 1985, auf dem der Ausbruch des Vesuvs zu sehen ist.

Seit genau einem Jahr ist seine Sammlung zu besichtigen: In seinem Geburtsort Stykkisholmur, in einem ehemaligen Dorfkino, das zu einem Museum umgebaut wurde.

Denn inzwischen ist Haraldur Sigurdsson ein Professor emeritus, er hat noch immer ein Büro und ein "Laboratorium" an der University of Rhode Island", aber mehr Zeit als zuvor, um seinem Hobby nachzugehen: Was ihn interessiert, sind die "kulturellen Aspekte von Vulkanausbrüchen". Dazu gehören naive Malereien aus Ecuador, Mexico, Nicaragua und Armenien, ein Synagogenfenster aus New York, eine Originalseite aus dem Buch "Cosmografia" des deutschen Kartographen Sebastian Münster aus dem Jahre 1551, Poster von Filmen, die am Fuße von Vulkanen spielen, wie "Stromboli" von Ingmar Bergmann mit Isabella Rossellini.

Museumseröffnung trotz Krise

Mit dem Stolz eines Sammlers, der mit jedem Objekt eine Geschichte verbindet, zeigt Haraldur dem Besucher seine Kollektion. "Als Wissenschaftler ist es meine Aufgabe, mein Wissen mit anderen zu teilen." Die Gemeindeväter waren von der Idee so angetan, dass sie die Kosten für den Umbau des Kinos übernahmen und auch zwei Mitarbeiter einstellten, die sich um die Ausstellung und die Besucher kümmern, wenn Haraldur unterwegs ist.

Stykkisholmur mit gerade 1200 Einwohnern lebt vom Fischfang und von der Fischverarbeitung. Und weil die Gewinne aus diesem traditionellen Geschäft solide verwaltet und nicht Spekulanten anvertraut wurden, konnte die Gemeinde mitten in der großen Krise ein Museum über Vulkane und Vulkankunst eröffnen, das erste seiner Art in Island, Europa und möglicherweise in der Welt.

Haraldur Sigurdsson ist wieder heimgekehrt. In ein kleines Haus auf einer Anhöhe mit freiem Blick über den Breidafjord. Aber wenn ein Vulkan ruft, macht er sich wieder auf den Weg. Nächste Woche fährt er nach Indonesien, wo vor einem Jahr der Karangetang auf der Insel Siau ausgebrochen ist. "Mal schauen, was der inzwischen so macht", sagt Haraldur Sigurdsson und fängt an zu packen.

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