Vulkantour auf den Kapverden: Abstieg für Abstauber

Von Stephan Orth

Sengende Hitze, jede Menge Fliegen, keine Schattenpause: Eine Wanderung auf den Vulkan Pico do Fogo ist eine mühsame Angelegenheit. Dafür können Wanderer vom Gipfel mit Glück sämtliche Kapverden-Inseln sehen - und danach folgt ein Abstieg, der das Zeug zur neuen Extremsportart hat.

Pico do Fogo: Tanz auf dem Vulkan
Fotos
Stephan Orth

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In Chã das Caldeiras gibt es nur eine Ampel. Sie ist nicht dazu da, den Verkehr zu regeln, mehr als fünf oder sechs Allrad-Pick-ups kommen pro Tag sowieso nicht hierher. Auf dem metallenen Ampelschild an einem der flachen Steinhäuser im Zentrum des Dorfes steht Grün für "keine Gefahr", Gelb für "Eruptionen möglich" und Rot für "sofort evakuieren".

Wer in diesem Ort auf der Kapverden-Insel Fogo lebt, für den ist die lebensbedrohliche Gefahr des Vulkans Alltag. Wie ein gigantischer grauer Oger erhebt sich der 2829 Meter hohe Kegel des Pico do Fogo über dem Kraterdorf mit seinen grauen Flachdach-Häusern. "Bei der letzten Evakuierung wollten 20 Leute nicht das Dorf verlassen, das Militär musste sie zwingen", erzählt Carlos. Der 25-Jährige führt Touristen auf den Gipfel des Vulkans.

Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor hier oben, 1700 Meter über dem Meer, der zweitwichtigste ist der Wein. Zehntausende Flaschen kommen jedes Jahr auf den Markt, ein paar wurden schon nach Belgien oder Italien exportiert.

Die ersten Meter der Bergtour führen vorbei an jeder Menge Grün, das scheinbar den Naturgesetzen zum Trotz aus dem grauen Vulkansand der Mondlandschaft sprießt: grüne und schwarze Trauben, Quitten, Granatäpfel, Bohnen, dazu eine nur hier wachsende Lavendelsorte. Es gibt nur eine Handvoll Regentage im Jahr, doch der trockene Lavaboden kann Wasser monatelang speichern und ist dadurch überraschend fruchtbar.

Reste eines noch größeren Vulkans

"Jedem Dorfbewohner gehört ein Teil der Felder, er ist für die Bewirtschaftung verantwortlich", sagt Carlos. Er trägt weiße Nike-Basketballschuhe, eine Trainingshose und einen Rucksack mit dem Werbeaufdruck eines Telekommunikationsunternehmens. Seine festen, gleichmäßigen Schritte sind die eines erfahrenen Bergsteigers, nie schlittert er auch nur einen Zentimeter über das lose Gestein.

Je höher man kommt am Vulkan, desto weniger Vegetation gibt es, dafür wird das Geröll etwas farbenfroher, auf dem sich die Wanderer nach oben mühen: Rötlich und gelb schimmern Basalt-, Schwefel- und Eisenbrocken, doch der größte Teil des Berges bleibt dunkelgrau. Schatten gibt es hier nicht, deshalb beginnen die Touren immer schon vor Sonnenaufgang.

Carlos deutet auf drei kleinere Krater, die nun in der Caldeira-Hochebene zu sehen sind: "Das war die Eruption von 1951, das dort die von 1857, und der Pico Pequeño da drüben ist 1995 entstanden." Die Ebene ist genau genommen ein riesiger Krater mit acht Kilometern Durchmesser, aus dem der Pico emporragt. Vor Jahrtausenden befand sich hier ein größerer Vulkan, der mehr als tausend Meter höher war, die schroffen Felsmauern am Caldeira-Rand lassen dessen Dimensionen noch erahnen.

Carlos schreitet zügig voran auf dem immer steiler werdenden Pfad, immer wieder fragt er, ob das Tempo so okay ist. Ohne Führer könnte man hier leicht vom Weg abkommen und in ein Gelände geraten, in dem höchste Steinschlag-Gefahr herrscht.

Seit 1997 ein Fotograf bei der Suche nach dem perfekten Bildausschnitt in den Krater des Pico stürzte und sich schwer verletzte, ist es nicht mehr erlaubt, ohne Guide hier hochzukraxeln. 1997 war auch das Jahr, als Carlos zum ersten Mal auf den Pico kletterte. Er war damals zwölf und durfte gleich einen amerikanischen Touristen nach oben führen - ohne selbst den Weg zu kennen. "Ich habe mich total verlaufen, aber mir nichts anmerken lassen", erzählt er grinsend.

Vokabeln lernen am Berg

Inzwischen ist der Fogo-Tourismus professioneller geworden, die Führer brauchen ein Zertifikat, um Wanderungen zum Gipfel anbieten zu dürfen. Viele von ihnen können die Besonderheiten der vulkanischen Mondlandschaft mehrsprachig erörtern. Carlos' Schullaufbahn endete nach der vierten Klasse, alles andere hat er am Pico gelernt. "Ich spreche Kreol, Portugiesisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch", behauptet er. Als nächstes will er Deutsch lernen, weil "das niemand sonst in Cha kann", dann Chinesisch und Russisch. Auf seinen Touren - normal sind zwei Besteigungen pro Woche, er schaffte aber auch schon einmal ganze neun - übt er mit den Touristen Vokabeln. Die höhere Schule will er nachholen, sobald er genug Geld gespart hat, 30 Euro bringt ihm eine Tour.

Doch die Schule ist in São Filipe, dem Hauptort der Insel. Der Abschied auf Zeit von seinem Dorf und von seinem Vulkan würde ihm schwerfallen. "Wenn ich schlecht gelaunt oder wütend bin, gehe ich auf den Vulkan, bleibe 20 Minuten oben, und alles ist wieder okay", sagt Carlos. "Pico ist mein Freund."

Immer stärker wird der Geruch von Schwefel, nach drei Stunden Aufstieg ist der Gipfel erreicht: Hinter einer Felsklippe geht es etwa 30 Meter tief in den Krater, an zwei Stellen dampfen Fumarolen vor sich hin. Zum Glück liegt der letzte Ausbruch dieses Kraters schon Jahrhunderte zurück.

Sämtliche Bergführer haben aus Steinen ihre Namen in den grauen Sand gelegt. An klaren Tagen kann man von hier fast sämtliche Kapverden-Inseln sehen, heute versperrt ein weißes Wolkenmeer die Sicht aufs Meer. Wenn man die Höhe des Vulkans vom Meeresboden aus berechnen würde, wäre dies ein Achttausender, oberhalb des Wasserspiegels ist es die zweithöchste Erhebung im Atlantik hinter dem Teide auf Teneriffa.

Echsen lieben Touristen

Extrem still ist es hier oben, nur der leichte Wind und das Summen von Hunderten Fliegen, die beim Aufstieg von den bunten Rucksäcken magisch angezogen werden, sind zu hören. Carlos erzählt, dass oben am Krater Echsen leben, die sich sehr über den wachsenden Tourismus freuen, weil jeder Wanderer eine neue Insektenlieferung bringt.

Doch heute zeigt sich keine Vulkan-Echse, die Fliegen dürfen weiterleben und von ihrem Rucksack-Aussichtspunkt den rasanten Abstieg miterleben. Der ist der spaßigste und zugleich der staubigste Teil der Wanderung, mehr als 600 Höhenmeter sind über feine Kiesel mit federnden Sprüngen zu bewältigen. Carlos mahnt zur Eile, denn "manchmal gibt es hier Steinschläge".

Wenn es auf Fogo mehr Touristen gäbe, würde bestimmt bald ein Unternehmer aus Europa einen Lift bauen, den Abstieg als "Volcaning" oder "Dust Running" oder "Abstaubing" anpreisen und sich so lange eine goldene Nase verdienen, bis der halbe Berg abgetragen ist.

Zum Glück ist es noch nicht so weit, noch hat man die Piste für sich und den ganzen Staub, der sich in jeder Pore festsetzt und den weißesten Europäer in einen schwarzen Kapverdier verwandelt. Trotz einiger Pausen, um Steinchen aus dem Schuh zu holen, dauert es so nur 30 Minuten bis ins Dorf Chã das Caldeiras.

Dort zeigt Carlos in seinem winzigen dunklen Zimmer in einem unverputzten Häuschen noch ein paar Fotos. Die ganze Wand ist voller Fogo-Bilder, der Rest der Einrichtung besteht aus einem Regal voller Wörterbücher und Sprachkurse, einem Kleiderschrank und einem Tisch mit einem alten Computer.

Carlos legt ein Bild von seiner ersten Vulkanführung im Jahr 1997 auf den Tisch, die Farben sind matt geworden mit der Zeit: Ein kleiner Junge mit einem breiten Grinsen und jeder Menge Staub im Gesicht steht auf dem Gipfel des Berges. Verdammt stolz sieht er aus.

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  • Donnerstag, 14.10.2010 – 06:34 Uhr
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