Wadi-Wanderung in Oman Unter Geiern

Palmen, wilde Feigenbäume, geheimnisvolle Höhlen und Wasserpools: Das Flussbett Wadi Shab in Oman sieht aus wie eine orientalische Variante des Grand Canyon. Ein Weg führt durch Wasserfälle steil hinauf - oben wartet eine Mutprobe.

Linus Geschke

Von Linus Geschke


Südlich von Muskat erstreckt sich eine wilde, zerklüftete, fast schon archaische Landschaft. Hohe Berge und tiefe Schluchten. Man kann sich gut vorstellen, wie hier einst arabische Reiterhorden durchgezogen sind, Händler mit ihren Waren in Richtung der Hauptstadt reisten und Karawanen Rast machten, um ihren Kamelen Ruhe und einen Schluck Wasser zu gönnen.

Es ist keine Gegend, in der man gerne eine Autopanne haben möchte. Oder Hunger. Oder Durst. Obwohl der nächste McDonald's nur anderthalb Fahrstunden entfernt liegt und eine unansehnliche Autobahnbrücke direkt über unseren Köpfen entlangführt. "Das hier ist der Oman, der wahre Oman", sagt Fahrer Thomas Werner. Er lebt seit fünf Jahren in dem Land, welches erst in letzter Zeit von Touristen entdeckt wurde.

Am Anfang hat er hier als Küchenchef in einem Hotel gearbeitet. Dann als Tauchführer. Jetzt ist Werner als Touristenführer bei der Firma Adventure Tours Oman angestellt, die einer Deutschen und einem Omaner gehört und sich auf Touren abseits des Pauschaltourismus spezialisiert hat. Zumindest, wenn es nach Werner geht. Aber wenn die Gäste stattdessen lieber auf den nächtlichen Markt nach Muskat möchten, bringt er sie auch dorthin.

Er stoppt den Landcruiser an einem kleinen See nahe dem Fischerdorf Tiwi, in dem sich Neubauten mit alten Lehmhütten abwechseln. Hier leben Fischer, die einen mit ihren Booten für wenig Geld auf die andere Seite des Sees bringen. Dazu noch ein paar windschiefe Holzhütten, in denen Souvenirs verkauft werden. Teppiche. Weihrauch. Silberarbeiten. Dinge, die man den Lieben mitbringen kann, wenn man aus dem Sultanat wieder nach Hause reist.

Wo gut gebaute Menschen anmutig von Felsen sprangen

Der Blick streift über den erbsengrünen See. Auf der anderen Seite: Wadi Shab; von den Einheimischen nur "Schlucht zwischen Klippen" genannt. Steil ragen die Felsen auf beiden Seiten auf. Obstbäume und rosafarbene Oleanderbüsche haben sich an sie geschmiegt, als suchten sie vor der Mittagshitze Schutz. Wir steigen ins Boot.

Die meisten der Touristenführer kommen aus Indien, erzählt der faltenzerfurchte Fischer auf der Überfahrt. Aber die seien nicht gut: Weil sie ihre Gäste nur auf der anderen Seite absetzen und zu faul wären, um sich selbst auf den Weg zu machen. Wer Oman richtig erkunden wolle, meint er, müsse dies mit einem Omaner tun. Oder mit diesem lustigen Deutschen, wobei er auf Thomas Werner deutet, der das Lob lächelnd annimmt, aufsteht und dem Fischer mit tiefer Verbeugung die Hand schüttelt. Freundschaften sind etwas Wichtiges im Orient, und in fünf Jahren hat der gebürtige Stendaler gelernt, wie man sie pflegt.

Wadis sind ausgetrocknete Flussbetten, die nur nach heftigen Regenfällen vorübergehend Wasser führen. Lediglich die tiefen Becken bleiben ganzjährig mit Wasser gefüllt, sogenannte Pools. Und der erste große Pool im Wadi Shab ist historisches Gebiet - je nachdem, was man unter Historie versteht.

2012 ließ hier ein österreichischer Hersteller von Energydrinks gut gebaute Menschen anmutig von den Klippen springen - es war das Finale der "Cliff Diving World Series". Kameras wurden aufgebaut, Hubschrauber filmten das Ganze aus der Luft und ein paar Promis waren auch dabei. Seitdem gehört der Wadi Shab zu den bekanntesten des Sultanats. Dass er dennoch nicht überlaufen ist, liegt an den im Verhältnis immer noch geringen Touristenzahlen und an seiner abgeschiedenen Lage. "Außerdem wollen wir ja noch tiefer rein", sagt Werner. "Dahin, wo es wirklich spektakulär ist."

Im Canyon

"Dahin" liegt ungefähr 90 Minuten Fußmarsch entfernt. Dann erreicht man den letzten Pool, der von einem Wasserfall gespeist wird. An seinen Ufern wachsen Palmen, und wilde Feigenbäume verströmen einen betörenden Duft. Ein geierähnlicher Greifvogel zeichnet sich scharf vor dem Himmel ab, der in einem fast schon unanständigen Blau leuchtet. Augenblicklich fühlt man sich wie in einer orientalischen Variante des Grand Canyon.

Von Weitem ist der halboffene Höhleneingang auf der Stirnseite kaum zu sehen. Man muss durch den Pool in die Höhle schwimmen, wobei zwischen Wasser und Decke nur noch der Kopf passt, und den sollte man tunlichst vor den scharfkantigen Felsen schützen. Im Inneren dann: Schummriges Licht.

Anschließend beginnt die Kletterei an einem Seil nach oben. Jeder Ton hallt von den Wänden wider, sodass man das eigene Schnaufen gleich mehrfach hört. Von der linken Seite fallen manchmal Sonnenstrahlen ein; ein toller Anblick. Der Aufstieg fühlt sich nach fünfzig Metern an. In Wirklichkeit sind es wahrscheinlich nur fünf.

"Wie kommen wir denn jetzt wieder runter?"

"Abwärts klettern ist gefährlich", sagt Werner, und irgendwie klingt es, als grinse er dabei.

"Was dann?"

"Springen!"

Einen Schritt ins Leere und etliche Meter unter uns befindet sich Wasser. Der Sprung sei sicher, behauptet er.

"Oh", sage ich.

Dann geht er an den Rand und ist kurz darauf verschwunden. Der Platsch klingt nach tiefem Wasser. Kann also nicht so schlimm sein. Vor allem dann nicht, wenn die Alternativen fehlen. Also einmal durchatmen. Direkt am Abgrund stehend.

Einen Moment lang bedauere ich, dass kein Produzent von Energydrinks die Heldentat finanziert. Keine Kamera und kein Hubschrauber filmen, was ich vollbringe. Kein Top-Model klatscht und jubelt, wenn ich wieder auftauche. Dann lande ich im Wasser. Etwas schräg, fast auf dem Hintern. Schlucke Wasser und huste. Und revidiere meine Meinung: Manchmal kann Einsamkeit auch gnädig sein.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
actiovitalis 19.01.2015
1. Warum
lieber Linus diese einseitige Werbung für den Oman. Es ist und bleibt ein frauenfeindliches Land. Das deckt für mich leider alles andere zu.
login37 19.01.2015
2. Wadi Shab abgeschieden, der wahre Oman?
Wadi Shab ist wie das benachbarte Wadi Tiwi eines der bekanntesten und meistfrequentierten Wadis im Oman. Es führt eine Autobahnähnliche Straße hin und man ist von der Hauptstadt aus in einer Stunde da. Wie das abgeschieden sein soll und wie man da den wahren Oman finden soll, ist mir schleierhaft? Den wahren Oman findet man da, wo es im Umkreis von 200km kein Hotel gibt. Nizwa, Wadi Shab, Nordteil der Wahiba Wüste, Wadi Bani Khaled und andere Plätze, die in letzter Zeit in deutschen Medien vorgestellt wurden, sind touristisch weitestgehend versaut...
kloppskalli 19.01.2015
3. wie siehts denn mit der bademode aus im Oman?
muss meine Frau einen Bademantel tragen? und was ist wenn die abgelenen, wenig frequentierten Touri Attraktionen mal von ein paar bekoloppten islamisten besucht werden - hat einer der Reisefuehrer gute kontakte zu den ansaessigen banditen, oder muss man sich da generell keine Sorgen machen?
login37 19.01.2015
4.
Zitat von actiovitalislieber Linus diese einseitige Werbung für den Oman. Es ist und bleibt ein frauenfeindliches Land. Das deckt für mich leider alles andere zu.
Waren Sie schon im Oman? Was genau wissen Sie über den Oman? Der Oman ist nicht Saudi-Arabien. Frauen dürfen dort Auto fahren, arbeiten und unverschleiert herum laufen..., sind gleichberechtigt. Wenn Sie mal einen echten Tiermarkt besuchen (also nicht die Touristennummer in Nizwa), dann werden Sie feststellen: Die Männer verhandeln. Die Frauen treffen häufig die letzte Entscheidung und haben das Geld. Ob Sie es glauben oder nicht: Die Frauen, die dort verschleiert umher laufen, machen das freiwillig. Genau so schwer zu begreifen: Der Sultan hat 1970 seinen Vater weggeputscht und ist nun seit fast 45 Jahren uneingeschränkter Herrscher des Landes (absolute Monarchie). Eigentlich beste Voraussetzungen für eine üble Diktatur. 99% der Omanis lieben ihren Sultan, weil es das Land voran gebracht hat. Das gehört alles zu Dingen, die man nur lernen und begreifen kann, wenn man sich auf andere Länder und Kulturen einlässt.
login37 19.01.2015
5.
Zitat von kloppskallimuss meine Frau einen Bademantel tragen? und was ist wenn die abgelenen, wenig frequentierten Touri Attraktionen mal von ein paar bekoloppten islamisten besucht werden - hat einer der Reisefuehrer gute kontakte zu den ansaessigen banditen, oder muss man sich da generell keine Sorgen machen?
Ich kann Ihnen sagen, was an den "abgelenen, wenig frequentierten Touri Attraktionen" passiert. Sie treffen die gastfreundlichsten, hilfsbereitesten, nettesten Menschen, die Sie sich vorstellen können. Im Oman wird übrigens der Ibadismus praktiziert. Das ist eine besonderes tolerante Strömung des Islams, die sich weder den Sunniten noch den Schiiiten zuordnen lässt. Es ist dort noch nie etwas mit islamistischen Hintergrund passiert. Es gibt keine Kriminalität. Ich kenne kein anderes Land, in dem man so entspannt und relaxt reisen kann. Nicht in Europa, nicht in Afrika, usw ... Ich hoffe nur immer, dass diese Omanis nie unsere "Gastfreundschaft" hier in Deutschland erleiden müssen und dabei möglicherweise noch Menschen wie Sie treffen.
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