Walhaie vor Dschibuti Gipfeltreffen der Giganten

Nirgends versammeln sich alljährlich so viele junge Walhaie wie vor Dschibuti. Trotzdem pilgern nur wenige Taucher zu den größten Fischen der Welt im Golf von Tadjoura - sie müssen die Riffe mit Militärs teilen, die von hier aus zur Piratenjagd aufbrechen.

Tony Backhurst

Von Linus Geschke


Langsam schiebt sich der Bug der "Djibouti Divers 1" in das leicht trübe Wasser des Golfs von Tadjoura. Unweit des Bab el-Mandeb, des "Tor der Tränen", welches das Rote Meer mit dem Indischen Ozean verbindet, steckt der Tourismus noch in den Kinderschuhen. Lediglich eine Handvoll abenteuerlustiger Taucher zieht es jährlich hier hin, die sich die Riffe dann zumeist mit Angehörigen der in Dschibuti stationierten Militäreinheiten teilen.

Es ist kein Ort, an dem man eines der großartigsten Naturwunder unseres Planeten erwartet: Ringsherum liegen düstere Berge, ab und zu sind Schüsse der Fremdenlegion zu hören, die in der Nähe ein Übungscamp unterhält. Doch das trübe Wasser ist reich an Plankton, jenen mikroskopisch kleinen Organismen, die dem größten aller Fische als Nahrung dienen: dem Walhai. "Hier hat man von Oktober bis Ende Januar sogar eine Garantie auf sie", verspricht der französische Tauchguide Luc Poirier, bevor er den Anker setzen lässt.

Die 20 Gäste an Bord, Taucher und Schnorchler, wollen dann auch ausschließlich ihn sehen, den gepunkteten Riesen des Meeres. Und sie werden nicht enttäuscht. Schon kurz nach den Abstieg taucht der erste Walhai auf, ein Männchen, knapp vier Meter groß. Mit weit aufgerissenem Maul schwimmt er langsam an den staunenden Tauchern vorbei und filtriert dabei, was ihm im Wege steht: neben Plankton auch kleinere Fische. Für den Menschen ist die Begegnung absolut ungefährlich; nur die Freude über die Sichtung treibt den Herzschlag nach oben.

Piraten als Walhaischützer?

Schon kurz darauf taucht ein zweites, dann ein drittes Exemplar auf. Alles sind männliche Jungtiere, maximal fünf Meter groß. Walhaie werden erst mit vier bis sechs Metern geschlechtsreif, ausgewachsene Tiere können dann bis zu zwölf Meter Länge erreichen. Warum sie sich gerade im Golf von Tadjoura in solch großen Gruppen zusammenfinden, ist Forschern bislang noch ein Rätsel. Neben dem guten Futterangebot vermutet man, dass die Gruppe dem einzelnen Jungtier mehr Schutz bietet - auch Walhaie können zu Beutefischen werden, wenn sie beispielsweise auf große Makrelenhaie treffen.

Als die Taucher nach einer Stunde das Wasser wieder verlassen, erfüllt ein zorniges Brummen die Luft, welches rasend schnell anschwillt. Rotorblätter eines Militärhubschraubers peitschen durch den blauen Himmel und entfernen sich zügig in Richtung Süden. "Keine Angst", beruhigt Luc die Tauchtouristen. "Das sind in Dschibuti stationierte Hubschrauber der US-Marines, die sich auf die Jagd nach Piraten aus Somalia machen." Für Claude Robillard, einem Frankokanadier an Bord, ist das schon ein wenig "surreal, in der Nähe eines Kampfgebietes Urlaub zu machen".

Überhaupt Piraten: Für die Schifffahrt sind sie ein ernstes Problem; auf die Unterwasserwelt haben sie dagegen ungewollt sogar einen positiven Einfluss. "Ich bin jetzt seit zehn Jahren in Dschibuti, und seitdem die Piraten so aktiv sind, trauen sich die jemenitischen Fischer nicht mehr auf die afrikanische Seite hinüber. Sie sind die größte Gefahr für die Walhaie gewesen; haben ihnen bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten und dann nach Asien verkauft."

Sind die Piraten nicht auch eine Gefahr für die Tauchschiffe? "Oh Gott, nein", winkt der Franzose ab. "Hierhin trauen sie sich nicht, nicht bei all der Militärpräsenz. Die bleiben viel weiter im Süden, eher in Richtung der kenianischen Küste."

Unerforschte Giganten

Die "Djibouti Divers 1" hat derweil den Tauchplatz gewechselt und liegt jetzt vor einem Riff, das die Einheimischen Ras Koralai nennen. Bis in 20 Meter Tiefe ist hier nicht viel los, darunter jedoch explodiert das Leben. Papageifische und Süßlippen schwärmen um das Riff herum, Barrakudas versuchen, aus einem Sardinenschwarm Beute zu schlagen. In vielen Spalten halten sich kapitale Rußkopfmuränen versteckt.

Dann schießt plötzlich ein dunkler Schatten heran, weitet das Maul, und die Barrakudas haben ein paar Beutetiere weniger zur Auswahl: So ein dicht gedrängter Sardinenschwarm scheint auch für Walhaie eine lohnenswerte Zwischenmahlzeit zu sein.

Bis vor wenigen Jahren ging man noch davon aus, dass sich Walhaie ausschließlich von Plankton ernähren. Erst vor kurzem entdeckten Forscher, dass die größte Haiart der Welt auch Fischen bis hin zu einer Größe von Makrelen nachstellt. Der Walhai gilt dabei als aktiver Filtrierer, das heißt, er lässt das Wasser nicht nur passiv durch seinen Körper strömen, sondern saugt es durch das Aufreißen des Mauls geradezu an - bis zu 6000 Liter pro Minute.

Auch sonst hat Luc Poirier schon merkwürdige Verhaltensweisen beobachtet: "Manchmal richten sich die Tiere nahe der Oberfläche senkrecht auf, stehen fast auf ihren Schwanzflossen und schlagen dabei mit den Kopf hin und her." Warum tun sie das? Man weiß es nicht. Ebenso wenig, wo die jungen Riesen herkommen und wohin sie verschwinden.

2006 hat das einheimische "Dolphin Diving Center" einige Tiere markiert und deren Weg per Satellit über drei Wochen verfolgt. Man stellte fest, dass sich die Haie im gesamten Golf von Tadjoura bewegen und oftmals auch flachere Bereiche aufsuchen, jedoch in dieser Zeit niemals die Gewässer Dschibutis verließen. Erst Anfang Februar, wenn das Planktonaufkommen nachlässt, verschwinden sie fast schlagartig - um dann im kommenden Oktober wiederzukehren.

Nirgends so viele Walhaie wie hier

An Bord der "Djibouti Divers 1" sitzen die Taucher bei Einbruch der Dunkelheit noch auf dem Deck beisammen und tauschen sich über das Erlebte aus. Der Qualm einer Wasserpfeife liegt in der Luft; er hüllt die wolkenlose Nacht in einen leichten Nebel. Die meisten von ihnen sind erfahrene Reisende; sie waren am australischen Ningaloo-Riff auf Walhaisuche, vor den Küsten Mosambiks oder Mexikos. So viele Tiere wie hier haben sie jedoch noch nie vor die Maske bekommen, versichern sie, da sind sich alle einig.

Die Reise südlich des Tors der Tränen war für die Gruppe ein voller Erfolg - trotz des ansonsten touristisch wenig interessanten Landes, trotz der Piraten, trotz der Militärpräsenz.



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