Wandern in Tasmanien Schutzzone für Teufel

Einöde? Fehlanzeige. Australien ist vielerorts völlig überlaufen. Doch Tasmanien, der südöstliche Außenposten des Landes, hat ein paar Wanderwege im Repertoire, die Touristen und kleinen Teufeln ein Versteck vor den reisenden Massen bieten.

TMN

Darlington/Waratah - Adam Kilvert hat starke Nerven. Der Manager aus Brisbane liegt bäuchlings auf der Spitze von Bishop and Clerk, einem Gipfel auf Maria Island, und robbt immer weiter an die Abbruchkante heran. Dann schiebt er seinen Kopf über den Rand des Doleritgesteins - und blickt gut 600 Meter fast senkrecht in die Tiefe. "Sei vorsichtig", ruft seine Freundin Margie, während Adam die Arme ausstreckt und mit seiner Kamera einzufangen versucht, wie dort unten die Wellen des Südpazifiks gegen die Felsen klatschen.

Maria Island ist eine kleine Insel vor der Ostküste Tasmaniens, ein Außenposten Australiens und zugleich ein Nationalpark. Die Tour hinauf zum Bishop and Clerk gehört zu den beliebtesten Aktivitäten hier. Vier bis fünf Stunden hin und zurück sind es von Darlington aus, dem einzigen Ort auf Maria Island.

Erst führt der Weg durch eine hügelige Graslandschaft und lichten Eukalyptuswald, später in Serpentinen rund 150 Höhenmeter über ein breites Geröllfeld. Am Ende sind einige größere Brocken zu erklimmen, dann reicht der Blick weit über den Ozean und zur tasmanischen Hauptinsel, die nur 30 Fährminuten entfernt liegt.

Adam Kilvert und Margie Hayler sind fast am Ende ihres Wanderurlaubs angekommen. Nach dem Abstieg folgt noch eine Nacht in Darlington, dann heißt es Abschied nehmen. Das Paar erkundet in einer kleinen Reisegruppe mit zwei Führern die Insel.

Versteckspiel mit Teufeln

Seit einigen Jahren ist das Wandern auf Tasmanien ein organisiertes Geschäft geworden. Sechs Tourenanbieter haben sich zum Verbund Great Walks of Tasmania zusammengetan, zur Auswahl stellen sie sieben Routen in verschiedenen Inselregionen. Wanderer, die ohne Touranbieter ihre Stiefel schnüren, sind aber weiterhin in der Mehrheit. Wer keine Ausrüstung mitbringt, kann sich Zelte, Schlafsäcke und Kochgeschirr auch in Tasmanien leihen und losmarschieren.

Auf dem Gipfel Bishop and Clerk hat Adam Kilvert inzwischen die Kamera wieder eingesteckt. Vor dem Abstieg bestaunt er Maria Island noch einmal von oben. Nicht zu sehen sind von hier die Painted Cliffs, eine in vielen Braun-, Ocker- und Gelbtönen schimmernde Sandsteinklippe, die bei Ebbe gut zugänglich ist und von fast allen Wanderern auf Maria Island besucht wird. Auch Darlington versteckt sich größtenteils hinter hohen Bäumen.

Im 19. Jahrhundert war der Ort insgesamt 15 Jahre lang ein Gefängnis für Sträflinge, die die Briten nach Australien gebracht hatten. Später bemühte sich der Italiener Diego Bernacchi, aus Maria Island einen reichen Wirtschaftsstandort zu machen: Er ließ Seide produzieren und Wein anbauen und stieg ins Zementgeschäft ein.

Doch von seinen Ambitionen blieben nur Ruinen. Die vier hohen, 1922 gebauten Zementsilos am Hafen fallen bei der Ankunft sofort ins Auge. Von den Häusern der Weinbergarbeiter stehen dagegen nur noch wenige Reste der Ziegelsteinmauern. Mittendrin grasen in der Dämmerung ein paar Forester-Kängurus.

Maria Island ist heute auch ein Schutzgebiet für den Tasmanischen Teufel. Dieses kleine, aggressive Beuteltier ist auf der Hauptinsel durch eine Infektionskrankheit bedroht, die Gesichtstumore auslöst. Im November 2012 wurden die ersten 15 Tasmanischen Teufel ausgewildert. Das Programm soll dazu beitragen, dass die Art nicht ausstirbt. Dazu werden die gesunden Tiere auf Maria Island von den kranken Artgenossen isoliert. Wanderer bekommen die Teufelchen in der Regel nicht zu sehen.

Pritsche im Regenwald

Ein Teil Tasmaniens, der von der todbringenden Tumorkrankheit bisher verschont blieb, ist die Regenwaldregion Tarkine im Nordwesten. Auch sie ist ein exzellentes Wandergebiet - mit einem großen Unterschied zu Maria Island: Die markierten Pfade sind im Grunde nur für Eingeweihte zu finden, die Ausgangspunkte liegen versteckt in einem einsamen Waldgebiet, das fast so groß ist wie das Saarland.

Irgendwo westlich von Waratah biegt Rob Fairlie vom Highway ab. Über holprige Schotterpisten lenkt der 43-Jährige sein Allradfahrzeug fast eine Stunde lang bergauf, bis er den Wagen am Wegesrand parkt. Nun geht es zu Fuß weiter, immer tiefer hinein in eine Landschaft, die ebenso menschenleer und ursprünglich wie rohstoffreich und bedroht ist.

Robs Ziel ist ein Camp, das er im Regenwald gebaut hat, mit einem Haus und einigen Zelten. Dort warten schmale Pritschen auf Gäste, die - abseits aller Handy-Netze - ein paar Tage weit weg von allem sein wollen.

Links und rechts des Pfades bilden Lorbeerbäume, Myrtengewächse und Eukalyptusbäume die Kulisse. Im gemäßigten Regenwald ergänzen sich diese Bäume sehr gut. Manche Eukalyptusbäume werden bis zu 70 Meter hoch und ragen aus dem Blätterdach heraus. "Wenn die mal umfallen, dann geraten sie schnell in Brand", erklärt Rob. "Ganz anders die Myrtengewächse: Wenn die umkippen, saugen sie sich voll mit Wasser und bleiben bestehen, wenn ein Feuer kommt. So ist das hier ein ständiger Kampf um das Werden und das Vergehen."

Um die Tarkine-Region wird in Tasmanien heftig gestritten, denn sie ist reich an Bodenschätzen. Die Mount-Bischoff-Mine bei Waratah galt einst als größtes Zinnvorkommen der Südhalbkugel, auch Eisenerz und Silber könnten hier gefördert werden. Naturschützer träumen allerdings von einem Tarkine-Nationalpark, der übergeht in den Cradle Mountain Lake St. Clair Nationalpark, durch den der berühmte Overland-Track-Wanderweg verläuft. Zwei außergewöhnliche Naturschätze wären dann verbunden.

Christian Röwekamp/dpa/jus

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