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Weltenbummler: Wettstreit der Extrem-Vielreiser

Von Moises Mendoza

Wer hat mehr Stempel im Pass? Mitglieder von Abenteurerclubs liefern sich im Internet einen Wettbewerb darum, wer die meistgereiste Person der Welt ist. Je nach verwendeter Liste geht es um 320 oder gar 872 Ziele - auch Deutsche kämpfen um die Weltenbummler-Krone.

Ziele der Extrem-Vielreisenden: Nauru, Bhutan, Köln und Co. Fotos
Sascha Grabow

Es gibt Leute, die sammeln Briefmarken. Klaus Billep sammelt Länder.

Der aus Düsseldorf stammende 70-Jährige war schon in fast 300 Regionen unterwegs, die in der Liste des Travelers' Century Club als Reiseziel verzeichnet sind. Diesem elitären Verein können nur Menschen beitreten, die schon in mehr als hundert Länder gereist sind. "Zum Teil geht es da schon ums Angeben", gibt Billep zu, der als Vorsitzender des Clubs heute in Kalifornien lebt. "Aber vor allem geht es um die Liebe zum Reisen. Es ist extrem aufregend." Sein Favorit? Hawaii. Mit seinen schönen Stränden und dem blauen Himmel.

Aber wer ist der meistgereiste Mensch der Welt? Es ist wohl unmöglich, das herauszufinden. Dennoch gibt es Leute, die den Titel für sich beanspruchen.

Unterschiedliche Definitionen des Wortes "Land" machen die Sache nicht gerade leichter. Die Vereinten Nationen haben 192 Mitgliedstaaten. Der Travelers' Century Club hingegen präsentiert 320 "Länder" auf seiner Liste. Und auch wenn es dort heißt, nicht alle seien unabhängige Staaten im konventionellen Sinne, wird betont, sie seien zumindest "politisch, ethnologisch und geografisch unterschiedlich". Dementsprechend beinhaltet die Liste auch Transnistrien in Moldawien oder die Westsahara in Afrika. Auch die US-amerikanische Pazifikinsel Guam sowie Alaska werden als "Länder" klassifiziert.

Der Organisation Most Traveled People zufolge besteht die Welt gar aus 872 Ländern, Regionen und Provinzen. Allein in Deutschland gibt es 18 gelistete Orte: die 16 Bundesländer, die Nordseeinsel Helgoland sowie Büsingen, eine winzige Exklave in der Schweiz.

Travelers' Century Club in Deutschland

Ultra-Reisende, die viel Zeit aufwenden, um entlegene Staaten wie Nauru oder Bhutan zu sehen, sprechen nicht gerne von einem Wettkampf ums Viel-Reisen. Doch im Internet arbeiten sie sich mit jedem neuen Land in der Rangliste nach oben, immer größer wird die Konkurrenz. Der Travelers' Century Club hat in den USA bereits mehrere Ortsverbände und 2000 Mitglieder, sagt Billep. Tendenz stark steigend.

30 Deutsche sind darunter. Und weil immer mehr Menschen hierzulande Interesse zeigen, wird Billep im Herbst eine Dependance in Deutschland gründen. Nach England und Kanada ist sie die dritte außerhalb der USA.

Dietrich Deppe dürfte einer der meistgereisten Deutschen sein. Bis auf eines hat er alle vom Travelers' Century Club verzeichneten "Länder" bereist. 319 sind es, nur der Südsudan fehle dem Bayern noch, wie Billep sagt. Im Juli wird dieser ein unabhängiger Staat sein, dafür hatten die Wahlberechtigten in einem Referendum Anfang des Jahres gestimmt. Noch in diesem Frühjahr wird sich Deppe in den Südsudan aufmachen.

Ein teures Hobby

Grips, Hingabe und jede Menge Abenteuerlust - das ist es, was einen Extrem-Reisenden ausmacht. Aber wer wirklich jedes Land sehen will, der braucht vor allem eins: Geld.

Es ist also kein Zufall, dass viele Ultra-Reisende wohlhabend sind. So wie der Unternehmer Charles Veley. Der 45-jährige Amerikaner hat den Verein Most Traveled People gegründet. Und behauptet, der meistgereiste Mensch der Welt zu sein. Immerhin war er an 822 der 872 Orten, die seine Organisation listet.

Andere, wie Rolf Hildebrand aus Tübingen, genießen ein besonderes Privileg: Sie reisen, während sie arbeiten. Als Touristenführer kommt der 70-Jährige so viel rum, dass er allein 257 Travelers'-Century-Club-Reiseziele seinem Job zu verdanken hat. Warum er trotz seines Alters und der häufigen Klagen seiner Ehefrau nicht aufhören will? "Ich hab's im Blut", sagt Hildebrand SPIEGEL ONLINE, während er schon wieder auf dem Sprung ist. Nach China und Nordkorea geht es diesmal, als Leiter einer Reisegruppe. "Ich komme nach Hause, bleibe für ein paar Wochen - und muss dann einfach wieder los."

Der Reiz des Unbekannten

Doch nicht jeder hat das Geld für Flüge, Unterkünfte und Essen locker übrig. Jorge Sanchez aus Spanien - er behauptet, Europas meistgereister Mann zu sein - muss schon kreativ werden, um sich seine Abenteuer leisten zu können. Eine Hälfte des Jahres ist der 53-Jährige stets unterwegs, die andere verdingt er sich als Tellerwäscher oder mit Hoteljobs in den touristischen Ecken der Länder, die er bereist.

765 der Most-Traveled-People-Orte hat er schon abgehakt. Gerade plant Sanchez seine fünfte Weltreise. Mit einem Abstecher auf ein paar Inseln im Südpazifik, die er noch nicht kennt.

Natürlich lauern beim Extrem-Reisen immer auch Gefahren. Im Tschad und in Afghanistan wurde der Spanier schon von misstrauischen Beamten festgehalten. Auf seiner Website prahlt er mit Ausweisungsbescheiden, die er von kolumbianischen und kasachischen Behörden erhielt. Und Rolf Hildebrand brauchte bei Soldaten in Bolivien und Argentinien viel Überredungskunst, damit sie ihn passieren ließen.

Und dann ist da der Reiz des Unbekannten. Die Ahnung, dass die Welt so weit und komplex ist, dass es immer einen Ort geben wird, den man noch besuchen muss. Für viele ist das Reisen eine Leidenschaft oder gar eine Sucht, die den Blick auf die Welt und das Leben verändert.

Sascha Grabow, ehemaliger Tennisprofi aus Heilbronn, drückt es so aus: Er habe so viele Orte bereist (592 laut Most Traveled People), dass er inzwischen sein Lebenskonzept überdacht hat. "Wenn du in so vielen Ländern gelebt hast, ist es schon schwierig, seine deutsche Sicht auf die Dinge zu behalten", berichtet Grabow. "Du erkennst, dass es viele Wege gibt, sein Leben zu leben." Gerade packt er wieder seine Sachen. Als Nächstes geht es nach Mauretanien - Häkchen Nummer 593 wäre das auf seiner Liste.

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Ich machs viel billiger!!
papayu 26.04.2011
An allen Grenzen der Welt gibt es nette Grenzbeamte, die ein strahlenden Laecheln aufsetzen und einen weiteren Stempel in irgendeinen weiteren Pass druecken.Muss nur was drin sein. Brauch bloss einen "inclusive Tourist" dazu. Fernost in 5 Tagen, Suedamerika in 10 Tagen. Idioten und A...l... wird es immer geben. Oft kriegt man das nicht einmal zu sehen, was vorgeschrieben wurde. Haben Sie mal eine Fuehrung durchs...... mitgemacht. Da leiert irgendeiner was herunter, was man nicht versteht. Ist ja auch riesig interessant, wo der Goetz - der mit dem Spruch- seine Faust eingeoelt hat. Und das koennen Sie alle mich mal. Und wenn interessiert sich schon fuer einen Pass voller Stempel. Kein Schwanz, hoechstens Heuchler. Gute Reise.
2. Es gibt sicher bloedere Wettbewerbe ...
worldwatch, 26.04.2011
... aber dieser ist ziemlich weit oben auf der Bloedenliste. Die Quantitaet von Visa-&Passtempel sagt ja nun nichts ueber "Weltenbummler"-Qualitaeten aus. Die Wuerze eines solchen Wettbewerbs laege in v.Huboldt'schen Erkenntniszuwachs, ggf. noch in oeko- u. finanzminimalistischem Reisen.
3. Cool...
BadTicket 26.04.2011
...und die Natur kann im Dreck versinken. Ökologischer Schwachsinn von ein paar die sich auf Kosten aller amüsieren.
4. Reisen kann bilden....
Kurt G, 26.04.2011
....und die Sicht auf die Welt ändern. Doch dies setzt voraus, dass man sich mit Land und Leuten intensiv auseinandersetzt. Ein paar Monate pro Land ist Mindestvoraussetzung. "Länder-auf-Liste-abhaken" ist, sorry, das genaue Gegenteil.
5. Es geht um Geld, nichts weiter
akrisios 26.04.2011
Um Geld Geld & Geld. Denn ansonsten hat man zw. 25-30 Tage Urlaub im Jahr. Wer sich also leisten kann nicht zu arbeiten, wo ist das Problem? Gib mir zwei/drei freie Jahre und ich mach 1000 Ziele. Obwohl das dann wohl nicht geschieht weil ich das schon jetzt als den Gipfel des Schwachsinns und der Dekadenz erachte.
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