Weltkriegs-Tourismus im Pazifik: Insel der tödlichen Andenken

Von Stefan Robert Weißenborn

Drei Monate wütete der Zweite Weltkrieg auf dem kleinen Pazifikeiland Peleliu. US-Amerikaner und Japaner hinterließen den Einwohnern ein Schlachtfeld - und jede Menge gefährlichen Kriegsschrott. Heute locken rostige Panzer, Flugzeugwracks und scharfe Munition die Touristen an.

Peleliu: Schlachtfeld für Touristen Fotos
Stefan Robert Weißenborn

Wer Peleliu besucht, kann nicht sagen, niemand hätte ihn gewarnt. Am Hafen verheißt zwar ein Schild: "Willkommen im Staat Peleliu - Land des Entzückens". Doch schon während das Boot sich dem Kai nähert, fällt ein zweites Schild ins Auge: "Denken Sie daran, die Munition aus dem Zweiten Weltkrieg ist gefährlich und kann Verletzungen oder Tod verursachen."

Das Wasser schillert in verschiedenen Türkistönen, der Sand der Strände ist fein wie Staub, ein laues Lüftchen mildert die Kraft der Tropensonne. Doch es ist eine trügerische Idylle. Das "Land des Entzückens", das zum Inselstaat Palau gehört, war während des Zweiten Weltkriegs Schauplatz eines der heftigsten Gefechte im Pazifik. Noch heute liegen verrostete Granaten und Gewehre auf der ganzen Insel verstreut. Havarierte Flugzeuge oder Panzer sind im grünen Dickicht versteckt und rosten vor sich hin. Nach ihrer letzten Schlacht wurden sie nie mehr bewegt. Der alte Kriegsschrott ist teilweise lebensgefährlich.

"Hier am Orange Beach landeten die Amerikaner am 15. September 1944", sagt Des Matsutaro. Der 36-jährige Guide hat die Touristengruppe am Kai abgeholt und erst einmal zum Strand kutschiert. Mit dem Transporter seiner Firma Peleliu Adventures unternimmt er Zweite Weltkriegs-Touren. Sind Besucher mit ihm unterwegs, seien sie keinem Risiko ausgesetzt, versichert er.

Matsutaro deutet hinaus auf den Ozean und zeigt ein Foto in schwarzweiß: Der Strand steht in dichtem Rauch. Amphibienfahrzeuge nähern sich dem Ufer. "Die Amerikaner wurden von den Japanern in heftiges Kreuzfeuer genommen", erläutert der Guide die alte Aufnahme.

Die alte Munition ist extrem gefährlich

"Die Schlacht um Peleliu sollte nur ein paar Tage dauern, aber es wurde fast drei Monate gekämpft." Schließlich gewannen die Amerikaner. 10.700 Japaner und 2300 US-Marines fanden auf dem tropischen Fleckchen Land im weiten Pazifik den Tod - je nach Quelle variieren die Zahlen leicht.

Matsutaros Touristengruppe ist nicht allein. Mehrere Japaner besichtigen gerade ebenfalls den historischen Ort: Ein Mann mit Hörgerät sammelt mit zittriger Hand Sand in einer Plastikflasche, eine Frau mit ausladendem Sonnenhut hockt bewegungslos im Schatten einer Palme und starrt zum Horizont. Auch amerikanische Veteranen oder deren Nachfahren kommen regelmäßig hierher - etwa zu Gedenkfeiern.

Zurück auf der Hauptstraße, tritt Matsutaro auf die Bremse: "Alle Mann aussteigen." Entlang des Asphalts ist nur Buschwerk zu sehen. Der Fremdenführer verschwindet durch eine Lücke im Grün. Die Gäste folgen und stehen nach fünf Metern vor einem Haufen verrosteten Metalls. Das Bild muss sich erst sortieren: Reste eines Cockpits sind zu sehen, dann das Fahrwerk, dann rote Farbreste auf der Außenhülle.

Von dem alten Flieger geht längst kein Risiko mehr aus. Gefährlicher ist die umher liegende Munition. "Gerade jetzt nach über 60 Jahren rosten die Sicherheitsmechanismen langsam weg", warnt Steve Ballanger. Der ehemalige britische Soldat leitet ein Kampfmittelbeseitigungsteam namens Cleared Ground Demining, das sich auf Peleliu an die Arbeit gemacht hat. Seit Ende 2009 entfernte das Team rund 6500 Waffen und Munitionsreste - neun Tonnen Schrott. Von gedankenlosen Spaziergängen durch den Dschungel rät Ballanger weiter ab.

"Wenn ich auf Peleliu bin, dann spüre ich den Krieg."

Über eine Strecke von 300 Meter führt ein gesäuberter Pfad durchs Death Valley und um den Bergrücken Bloody Nose Ridge, wo es die verlustreichsten Gefechte gab. An dem Felskamm ergreift ein anderer Mann aus Ballangers Team das Wort, der US-Amerikaner David McQuillen: "Genau an dieser Stelle ist mein Onkel während einer Mörser-Attacke getötet worden." In Gedenken an ihn habe er sich den Kampfmittelräumern angeschlossen.

Der Zweite Weltkrieg ist fast drei Generationen später nur noch eine abstrakte Größe in den Köpfen der Insulaner. Zeitzeugen gibt es kaum noch. Und so fällt dem Schlachtenschrott hier eine besondere Rolle zu, findet McQuillen: "Wenn ich auf Peleliu bin, dann spüre ich den Krieg. So lange man nicht hier im Dschungel war, kann man die Schlacht unmöglich verstehen."

Bedenkenloser Umgang mit dem Weltkriegs-Schrott

Die Insulaner indes waren 1945 erleichtert, dass das blutige Gemetzel vorüber war. Mit Ausbruch der Gefechte waren sie evakuiert worden, bei ihrer Rückkehr erkannten die Einheimischen ihre Insel nicht wieder. Die Vegetation war bis auf den Grund niedergebrannt; ihre traditionellen Dörfer existierten nicht mehr. "Die US-Navy verteilte Sonnenbrillen, so grell reflektierten die nackten Kalksteinfelsen das Licht", erzählt der Ex-Marine McQuillen.

Die Rückkehrer, viele von ihnen waren Fischer, wurden mit Thunfisch aus Dosen und Pökelfleisch versorgt, das noch heute auf dem Speiseplan steht. Erst langsam begannen sie, wieder Landwirtschaft zu betreiben. Doch nicht immer war klar, ob sie es an Ort und Stelle auch durften. Denn bei den Gefechten waren jegliche Grundstücks- und Grenzmarkierungen zerstört worden, und es stand kein Baum mehr als Orientierungshilfe. Zankereien um Land sind laut McQuillen noch heute noch an der Tagesordnung.

Mit dem Weltkriegs-Schrott ging man zunächst recht bedenkenlos um. Die Relikte wurden als Altmetall verhökert. Motoren und Flugzeugteile wurden zerkleinert, mit Beton verrührt und als Kaimauer verarbeitet. Und bevor die Mitnahme offiziell verboten wurde, sollen Fundstücke die Heimreise nach Japan oder Amerika im Gepäck von Touristen angetreten haben. Die Einheimischen dekorierten ihre Häuser mit manchem Kriegsgerät.

Heute geht es nicht nur darum, die Insel für ihre rund 500 Bewohner und die Besucher sicherer zu machen, nicht nur darum, rostende Gewehre und lianenumschlungenes Gerät als Touristenattraktion zu präsentieren. Als Mahnmal und Freilichtmuseum weit draußen im Ozean soll Peleliu bewahrt werden. Und so langsam beginnt sich auch die junge Generation wieder für die Geschichte zu interessieren, weiß McQuillen aus seiner ehrenamtlichen Arbeit an der Insel-Grundschule.

Matsutaro hat inzwischen seine Besucher wieder sicher am Kai abgeliefert, das Team von Clear Ground Demining ist zum Abschied mitgekommen und winkt. Als die Palmen der Inselstrände immer kleiner werden, Wolken sich auftürmen und Schwärme fliegender Fische vom fahrenden Boot aufgeschreckt werden, ist eines klar: Ein "Land des Entzückens" ist die tropische Schönheit wirklich. Doch die Schrecken der Vergangenheit kann kein Traumstrand und kein malerischer Sonnenuntergang vergessen machen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. gibt es auch näher
gonz66 06.02.2012
dafür braucht man nicht in den Pazifik zu fahren,da reicht schon ein Ausflug in den Hürtgenwald
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Inselurlaub
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar

Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...