Abenteuer Langzeittrip 20 Erkenntnisse eines Weltreisenden

Seit mehr als vier Jahren reist der Blogger Florian Blümm um die Erde - hier fasst er zusammen, was er unterwegs gelernt hat. Wichtigste Erkenntnis: Reisen ist simpel, Pläne sind nutzlos.


Was wir erleben, sagt oft mehr über uns selbst als über die Orte, die wir bereisen: So steht es im Vorwort des Buches "The Travel Episodes". Es ist eine Sammlung von Reisegeschichten, die Lust machen sollen, selbst aufzubrechen und "zu staunen, zu leiden und zu lachen", wie Herausgeber Johannes Klaus schreibt. Blogger und Reisejournalisten berichten darin von ihren abenteuerlichsten Erlebnissen.

Einer ist Florian Blümm, der das Blog flocutus.de betreibt. Im Juni 2011 kündigte der Informatiker seinen Job, um für ein Jahr auf Weltreise zu gehen. Aus einem Jahr wurden mehr als vier Jahre, heute ist er immer noch unterwegs.

Hier ein Auszug aus dem Buch, in dem er seine wichtigsten Lehren von unterwegs zusammenfasst:

1. Das Schlimmste, was auf Reisen passiert, ist nicht besonders schlimm

Reisen ist gefährlich? Ich kann dir gar nicht mehr berichten, was das schlimmste Ereignis war, das mir in vier Jahren Dauerreise passiert ist. War es eine Lebensmittelvergiftung in Bangladesch, eine Rangelei in Laos, ein gebrochener Zeh in Vietnam, ein gebrochenes Herz in Peru oder einer von mehreren Diebstählen? Was auch immer das schlimmste Erlebnis war, es hätte auch daheim passieren können.

2. Reisen ist unglaublich einfach

Du musst keine Reiseblogs und Reiseforen studieren, du weißt schon alles Notwendige. Zum Reisen in Asien und Lateinamerika musst du nämlich gar nichts können. Die Infrastruktur ist super, und es gibt Reiseführer für jeden Winkel. Du musst auch nichts planen, weder Busse noch Übernachtungen vorher buchen. Du gehst einfach zur Ecke mit den Guesthouses und bekommst ein Zimmer – immer! Reisen ist kinderleicht.

3. Reisepläne sind im Prinzip nutzlos

Du musst also nicht planen, und du kannst auch gar nicht planen. Klar, du kannst vorher Reiseführer wälzen und dir deine Reiseroute tagesgenau zurechtlegen. Aber: Kein Schlachtplan besteht den ersten Feindkontakt, und kein Reiseplan besteht den ersten Kontakt mit neuen Freunden, neuen Lebensweisen, deinen neuen Vorlieben und einer deiner neuen Wertschätzungen für das Reisen selbst. Sei flexibel und plane nur das Nötigste.

4. Reisen muss nicht teuer sein, wenn du reich an Zeit und offen bist

Zeit ist eine Währung! Du kannst auf einer Reise genauso Zeit gegen Geld tauschen wie auf der Arbeit. Wenn du einen Monat Zeit hast, um ganz Südostasien zu sehen, dann kostet das 2000 Euro, und du bist danach urlaubsreif. Wenn du dir viele Monate Zeit nimmst, dann kostet ein Monat 500 Euro oder sogar weniger. Reisen kann günstiger sein als deine Miete daheim.

5. Es geht um Erlebnisse und nicht um Listen zum Abhaken

Ich habe als Langsamreisender eher das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich zu kurz an einem Ort bin, als wenn ich "zu lange" an einem Ort bin. Es geht beim Reisen nicht darum, möglichst schnell eine Bucket List abzuarbeiten. Der Weg ist das Ziel, wie es so schön heißt, und die besten Erlebnisse kannst du nicht planen. Mach langsam, damit die Geschichten dich finden können.

6. Die wenig besuchten Orte sind oft aus gutem Grund wenig besucht

Der Traum eines "echten" Reisenden ist, off the beaten path zu gehen, abseits der Touristenpfade. Mach das ruhig, aber bitte verpasse trotzdem nicht die beliebten Reiseziele. Wenn du lange genug reist, kommst du von ganz allein immer wieder in wenig besuchte Gegenden. Es ist meistens viel schwieriger, die anderen Touristen zu finden, als ihnen zu entkommen. Off the beaten path musst du nicht erzwingen.

7. Eine Langzeitreise ist kein Urlaub

Reisen heißt nicht am Strand liegen oder an der Hotelbar sitzen. Reisen kostet viel Zeit und Aufmerksamkeit. Reisen ist ein Vollzeitjob. Wenn du einen Reise-Burn-out vermeiden willst, musst du langsam reisen und viele Pausen machen. Du kannst auch nicht gleichzeitig reisen und produktiv arbeiten, zumindest ich kann das nicht. Gönn dir vom Reisen auch mal einen Urlaub!

8. Menschen sind unglaublich freundlich und grundsätzlich gut

Fünf Minuten "Tagesschau", und du denkst, die Welt ist schlecht. Fünf Minuten mit einem beinahe x-beliebigen Menschen irgendwo auf der Welt, und du denkst, wir sind alle Brüder und Schwestern. Die Menschen mit dem einfachsten Leben sind oft die herzlichsten.

9. Je mehr du gesehen hast, desto mehr willst du sehen

Die Welt ist groß und vielfältig. Je länger du reist, desto größer scheint sie zu werden. Du stellst erst auf einer langen Reise fest, wie wenig maßstabsgetreu deine innere Weltkarte war. Es braucht Jahrzehnte, um die ganze Welt zu sehen. Und wenn du alles gesehen hast, musst du gleich wieder von vorne anfangen, weil sich die Welt heute so schnell verändert. Reisen wird nicht so schnell langweilig!

10. Auf einer Reise bist du nie allein

Auch wenn du solo unterwegs bist, du musst nie einsam sein. Es sind zu jedem Zeitpunkt unglaublich viele Individualreisende in aller Welt unterwegs. Nach einer gemeinsamen Busfahrt hast du manchmal einen Reisepartner für die nächsten Wochen oder für den Rest des Lebens. Wenn du länger an einem Ort bleibst, kommst du mit Einheimischen in Kontakt. Du bleibst nur dann allein, wenn du es so willst.

11. Europäer? Amerikaner? Australier? Wir sind alle Westler

In Deutschland scheint es so, als gäbe es große Unterschiede zwischen einem Polen und mir. In Asien oder Lateinamerika sehe ich nur noch Gemeinsamkeiten. Meine Freundin ist aus den USA, und trotzdem ist unser kultureller Hintergrund fast identisch, verglichen mit dem der Asiaten, Latinos und Afrikaner. Und zu guter Letzt sind wir alle Erdenbürger.

12. Was wir für ein Naturgesetz halten, ist für andere Menschen völlig absurd, und andersherum

In den USA wirst du für das Trinken eines Bieres in der Öffentlichkeit verhaftet, und in manchen muslimischen Ländern wird dies mit der Todesstrafe geahndet. Wir sind gerne braun gebrannt, aber die meisten Menschen versuchen, ihre Haut möglichst blass zu belassen. Viele kulturelle Regeln und Gesetze sind beliebig, und in den meisten Ländern wuselt man sich um diese Regeln wie um die vielen Schlaglöcher. Es gibt ganz sicher nicht den einen, richtigen Weg, etwas zu tun.

13. Deutsche, Österreicher und Schweizer sind überall

Zusammen kommen diese drei deutschsprachigen Länder zwar nur auf circa hundert Millionen Menschen. Aber wir haben im globalen Vergleich fast die meisten Urlaubstage und mit das höchste verfügbare Einkommen. Noch dazu sind wir neugierig auf die Welt und überall gerne gesehen. Du kannst nach Timbuktu fahren, und am Nachbartisch spricht jemand deutsch.

14. Zu Hause geht es uns sehr gut

Uns geht es in Deutschland, Österreich und der Schweiz so gut wie nur ganz wenigen anderen Menschen auf der Welt. Es ist Teil unserer Kultur, gemeinsam zu jammern und die negative Seite zu suchen. Ironischerweise ist unser einzig guter Grund zu jammern das schlechte Wetter in unseren Breitengraden. Fast jeder andere Mensch auf der Welt würde sofort mit dir tauschen.

15. Reisen ist die absolute persönliche Freiheit

Du kannst dich auf Reisen neu erfinden, jeden Tag. Niemand weiß, wer du bist. Du kannst ohne Widerstand neue Rollen ausprobieren, bis du eine findest, die dir passt. Du bist wahrscheinlich gerade in einer Rolle gefangen, wie in einem Theaterstück. Dein Umfeld hat Erwartungshaltungen an dich, und es fällt schwer, daraus auszubrechen. Erst wenn du Abstand von dir nimmst, kannst du dich finden.

16. Mit dir selbst klarzukommen ist die wichtigste Fähigkeit

Du kannst auf Reisen vor fast allem davonlaufen. Aber anders als im Alltag kannst du nicht mehr vor dir selbst davonlaufen. Wenn die ganzen beinahe minütlichen Ablenkungen wegfallen und der erste Kulturschock abklingt, bist du plötzlich mit dir und deinen Gedanken allein. Kenne und liebe dich selbst, je früher, desto besser.

17. Du musst keine Sachen kaufen

"Konsum macht glücklich", das ist der rote Faden unseres Zeitalters. Aber mal unter uns: Konsum macht nicht glücklich, oder wenn, dann ist es nicht der einzige Weg. Ich kaufe nur noch das Allernötigste und bin glücklicher als vorher. Wir brauchen nicht immer den neuesten Scheiß. Mein Rucksack ist immer noch der von vor vier Jahren, mein Laptop auch. Du brauchst nicht viel, und dir fehlt es an nichts, ohne Mangel und Entbehrung.

18. Du gewöhnst dich an fast alles

Der erste 40-Stunden-Zug zum Auftakt meiner Reise nach Moskau war noch so eindrucksvoll, dass ich danach eine Postkarte nach Hause geschrieben habe. Der zehnte 40-Stunden-Zug/Bus ein oder zwei Jahre später war schon längst Reisealltag und nicht mehr der Rede wert. Der Bus ist übervoll und ein paar Stunden zu spät? Heute Nacht war es eine zu harte oder zu weiche Matratze? Bei extremem Verkehr Roller fahren? Dauer-Hupkonzert? Hocktoiletten? Gar kein Klo? Na und? Du musst kein Zen-Meister sein, um dich an fast alles zu gewöhnen.

19. Mit Sonne und gutem Essen ist das Leben doppelt so schön

Meine Geduld fällt von mir ab wie ein welkes Blatt im Herbst, wenn ich die Sonne ein paar Tage nicht sehe oder wenn ich wochenlang Bakso und Soto essen muss. Ich messe meinen Reichtum in Sonnenstrahlen, in scharfem Curry und in Som-Tam-Papaya-Salaten. 15 Grad Celsius ist der neue Gefrierpunkt, und auf Jahreszeiten kann ich gerne verzichten. Wie du dein Leben gestaltest, ist eine Frage von Prioritäten.

20. "Eines Tages" ist heute

Benjamin Franklin meinte: "Viele Menschen sterben mit 25, aber werden erst mit 75 beerdigt." Du hast Träume? Gut! Das heißt, du lebst noch. Aber Träume sind nicht zum Träumen da, sondern zum Leben. Morgen ist der zweitbeste Tag, um deine Träume zu verwirklichen. Der beste ist heute.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
vrdeutschland 04.02.2016
1. Immer wieder schön
von solchen Leuten zu lesen, die einfach machen. Ich sag ja schon immer, daß man eigentlich erst mit 40 in den Beruf einsteigen sollte und dann arbeitet, bis man tot umfällt. Viel zu sehr hebt man sich alles für die Rente auf und dann fällt man tot um (gerade gestern erst einem Kollegen passiert mit 58).
Hupert 04.02.2016
2. Prinzipiell richtig...
Zitat: "Zum Reisen in Asien und Lateinamerika musst du nämlich gar nichts können. Die Infrastruktur ist super, und es gibt Reiseführer für jeden Winkel. Du musst auch nichts planen, weder Busse noch Übernachtungen vorher buchen. Du gehst einfach zur Ecke mit den Guesthouses und bekommst ein Zimmer – immer!" Trifft aber mitnichten auf Latein und Südamerika zu. Der Kauf eines Bustickets sollte auf viel befahrenen Routen durchaus im Vorraus erfolgen, dieses wird aber erheblich durch eventuell nicht vorhandene Spanischkenntnisse zur nahezu nicht zu bewältigenden Aufgabe. Das gilt auch für Hostels oder Guesthouses... mal eben unterkommen kann gut gehen, wenn es das aber nicht tut, findet man sich nach Einbruch der Dunkelheit schnell in Gegenden wieder, in denen man lieber hinter einer geschlossenen Tür wäre und dann wird aus Reiselust schnell Reisefrust. Gerade wenn man alleine und vielleicht nicht ganz so reiseerfahren unterwegs ist. Ihr wollt nach Südamerika? Lernt Spanisch... Auf den asiatischen Raum trifft die Aussage des Authors übrigens uneingeschränkt zu. Für Einsteigertraveller meiner Meinung nach die ideale Startregion :-)
HH-Hamburger-HH 04.02.2016
3. Keine wirklich neuen Erkenntnisse ...
... die uns der Herr da mitteilt. Leider ist ein Dauerurlaub nur für die wenigsten Menschen realisierbar und auch EUR 500 im Monat müssen ohne Einkommen erst mal realisiert werden. Ein Start in das Berufsleben erst mit 40 (um dann den Kredit für die 20 Jahre vorangegangenen Urlaub abzutragen) dürfte ebenfalls keine Lösung sein, denn wer will schon nach vielen erlebnisreichen Jahren mit der Perspektive weitermachen, für den Rest seines Lebens nur noch vor einem Berg von Arbeit zu stehen ...
a-mole 04.02.2016
4.
ich bin noch nicht so lange am Stück gereist (= Land & Leute erkunde, NICHT in der Hotelanlage einbunkern) und meine letzte Reise war dank Jobwechsel 1.5 Monate lang im Sommer 2015, ich war alleine unterwegs. Vorher erlaubte mir das Arbeitsleben immer nur max 3 Wochen. Ich habe aber viel im Ausland auf verschiednen Kontinenten gelebt & diese Länder dann erkundet. Die aufgeführten "Weisheiten" unterschreibe ich alle sofort. Sie bringen es absolut auf den Punkt. Besonders schön finde ich den Tagesschau Spruch & die Zeit/ Geld Erkenntnis.
From7000islands 04.02.2016
5. Sicherheit in Asien
Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei ein wenig Umsicht Reisen in Asien ( China, Vietnam, Philippinen, Malaysia) ziemlich ungefährlich sind, wenn man sich nicht in Grosstädten nachts herum treibt. Auf jeden Fall sicherer als in Deutschland in diesen Zeiten. Man muss das sagen, da sich in Deutschland zur Zeit ein Drama abspielt, was innere Sicherheit betrifft. Also besser nach Asien, wer es sich erlauben kann, das augenblickliche gefährliche Chaos in D auszusitzen.
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