SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

24. Februar 2013, 07:39 Uhr

Mit Kindern auf Weltreise

Boutiquebummel mit Babychino

Von Alexandra Frank

Bei einer Weltreise mit der Familie hocken Eltern und Kinder die ganze Zeit aufeinander. Sich zu trennen, wenn auch nur für ein paar Stunden, ist eine hervorragende Idee. Ein Mädchentag in der australischen Provinz.

Vor ein paar Tagen hat mein Mann uns verlassen. Er setzte das Baby in den Kinderwagen, stellte das Kind neben das Auto, beförderte mich zur Tür hinaus - und rauschte mit dem Wohnmobil davon.

Wir blieben allein zurück. Ausgesetzt in Central Tilba, einem 80-Seelen-Ort 360 Kilometer südlich von Sydney.

"Gut", sage ich zu meiner Tochter, "dann machen wir halt einen Mädchentag."

"Au ja", jubelt sie. "Mädchentag!"

Das Baby, angespornt von seiner Schwester, klatscht in die Hände.

Zu Hause in Hamburg machen wir ab und zu ein Mädchenwochenende, wenn mein Mann mit seinen Freunden unterwegs ist. Es gibt auch das Pendant dazu. Das heißt: Papa-Kind-Tag. Seit wir zu viert um die Welt reisen, gibt es eigentlich keine Mädchentage und keine Vater-Kind-Tage. Alle Tage sind Familientage.

Um nicht immer aufeinander zu hocken, schaffen wir Ausnahmen. Wenn einer von uns mal das Bedürfnis auf eine Pause hat, trennen wir uns. Einer hütet die Kinder, der andere macht das, was wir früher zu zweit gemacht hätten. Ich war Kayakfahren, mein Mann reiten. Er geht ab und zu joggen. Ich bummele durch Geschäfte.

Als ich nach zwei Monaten gemeinsamer Reise das erste Mal ein paar freie Stunden für mich hatte, fand ich das zunächst herrlich. Nach einer halben Stunde fing ich an, an meine Familie zu denken. Nach einer Stunde habe ich sie vermisst. "Eine derartige Reise", sagte ich abends zu meinem Mann, "schmiedet noch viel mehr zusammen."

Nun also wieder ein Mädchentag. Von allen kleinen Orten im Süden des Bundesstaats New South Wales, an denen uns mein Mann hätte aussetzen können, hätten wir dafür keinen besseren finden können als Central Tilba.

Babychino und Mädchen-Boutiquen

Central Tilba hat Cafés, in denen Babychino serviert wird. Babychino ist das, was in Neuseeland Fluffy und in Hamburg Kinder-Cappuccino heißt: Warme, geschäumte Milch in einer Tasse, mit Kakao bestreut und hier vor Ort mit einem Marshmallow serviert.

Central Tilba hat Schmuckgeschäfte, Boutiquen, Souvenirläden. Auch ein Internetcafé, das gleichzeitig die Post ist. Innen lächelt Queen Elizabeth von der Wand. Central Tilba hat einen Spielplatz und knarzende Schaukelpferde. Und Central Tilba ist laut Tourismusinformation "sehr alt, hat eine lange Geschichte."

Der Ort ist 175 Jahre alt. Aus europäischer Sicht kann von einer "langen Geschichte" keine Rede sein. Aber Central Tilba ist hübsch. Eine ehemalige Goldgräberstadt mit bunten Holzhäusern am Fuße einer 806 Meter hohen Anhöhe namens Mount Dromedary. Wir trinken Kaffee und Babychino, wippen auf Holzpferdchen, bummeln durch die Läden.

Um fünf Uhr werden, wie an allen Orten in der Provinz, die wir in Australien besucht haben, die Bürgersteige hochgeklappt. Alle Läden machen dicht, alle Cafés schließen. Es gibt einen Pub mit einer Spielecke für Kinder. Wir kehren ein.

Ich erkenne die Gäste wieder: die Cafébesitzerin, den Ladeninhaber, den Mann aus der Post. Es gibt eine Jukebox und Fotos an den Wänden von Einwohnern mit Riesenkürbissen, dicken Fischen, großen Trucks. Ich erkenne die Leute auf den Bildern. Es sind die Cafébesitzerin, der Ladeninhaber, der Mann aus der Post.

In dem Moment klingelt mein Handy. Mein Mann ist zurück. Er kommt uns auf der Straße entgegen, in der Hand seinen E-Book-Reader, den er auf dem letzten Campingplatz vergessen hatte. Was er erst eine Fahrstunde später bemerkte. Weil wir den Kindern keine weiteren zwei Stunden Fahrt zumuten wollten, ist er alleine zurück gefahren. Er sieht erschöpft aus von der Fahrerei mit dem Wohnwagen.

Kängurus zwischen den Zelten

"Und?", fragt meine Tochter, als wir wieder zu viert im Wagen sitzen, "wie war dein Jungstag?"

"Tja", antwortet mein Mann, "so hatte ich ihn mir nicht vorgestellt."

Auf unserer Reise waren viele Tage nicht so, wie wir sie uns vorgestellt haben. Und das ist gut so. Oft strandet man irgendwo, wo einfach nichts los ist. Vor allem, wenn man mit Kindern unterwegs ist.

Manchmal landen wir in Provinznestern, deren größte Attraktion der Spielplatz ist. Manchmal an überfüllten, überteuerten Campingplätzen, auf denen wir uns zähneknirschend niederlassen. Und manchmal finden wir gerade dort, wo wir ohne Kinder niemals angehalten hätten, die schönsten Orte dieser Reise. Wo wir nur deshalb stoppen, weil das Baby gerade weint oder das Kind nörgelt.

Der Hafen des Seeörtchens Mallacoota, wo Fischer Pelikane füttern, ist so ein Ort. Der Wald, in dem wir zwei Meter lange Buntwarane beobachten. Die Anlegestelle einer Fähre, die uns auf eine Insel voller Koalas und Wombats bringt.

"Murramarang Nationalpark", lese ich auf einem Schild. Mein Mann setzt den Blinker, wir biegen ab, fahren zum nächstbesten Campingplatz. Wir erkennen die Vorzüge des Ortes sofort. Es gibt Wege durch den Regenwald, die man nach den besten Wanderstöcken absuchen kann. Sandstrand an der Küste, der zum Buddeln einlädt. Einen Campingplatz, wo Kängurus zwischen den Zelten rumhüpfen und Papageien in den Baumkronen krächzen. Die besten Voraussetzungen für einen perfekten Kindertag. Für den perfekten Elterntag auch.

Bis März 2013 ist Alexandra Frank mit ihrer Familie auf Weltreise. Von ihren Erlebnissen berichtet sie bei SPIEGEL ONLINE.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH