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Weltreise mit Fahrrad: "Niemand dachte, dass ich es schaffe"

Ein Interview von

Mit dem Rad um die Welt: 17.918 Kilometer, 365 Tage, 22 Länder Fotos
Felix Starck

Eine Weltreise mit Rad - das war Felix Starcks Traum. Untrainiert fuhr er los. Sein Reisepartner ließ ihn im Stich, sein Opa starb, er bekam eine Lungenentzündung. 17.918 Kilometer, 365 Tage, 22 Länder später ist er ein anderer geworden.

Zur Person
  • Felix Starck
    Felix Starck, 24, wollte schon mal für eine Weltreise das Abi schmeißen. Das hat er zum Glück nicht gemacht. Erst nachdem er im Sportmanagement gearbeitet hatte, ist er mit 23 Jahren losgezogen - die Reise seines Lebens, wie er sagt. Jetzt ist er seit drei Monaten zurück. Und sagt: "Ich könnte sofort wieder los."
  • Felix Starcks Webseite: Pedal the World
  • Facebook-Seite Pedal the World
SPIEGEL ONLINE: Herr Starck, Sie sind über ein Jahr lang in Europa, Asien, Neuseeland und den USA Fahrrad gefahren - ohne vorher trainiert zu haben. Wie schlimm war der Muskelkater am Anfang?

Starck: Brutal. Der Hintern und die Oberschenkel haben wahnsinnig wehgetan. Am dritten Tag ging erst mal nichts mehr.

SPIEGEL ONLINE: 12.000 Euro hatten Sie für die Reise gespart. Wie?

Starck: Ich habe vier Jahre lang Geld von meinem Gehalt abgezapft und vor der Abfahrt alles verkauft: mein Auto, meinen Kühlschrank, meinen Mac. Ich hatte nichts mehr. Aber das war es mir wert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Ihrem Heimatort Herxheim gestartet. Wie waren die ersten Meter auf dem Rad?

Starck: Ganz ehrlich? Beschissen. Anfangs hat mich mein Freund Fynn begleitet. Wir hatten beide ein perfektes Leben daheim. Sehr gute Freunde, ein tolles Elternhaus. Wir wussten: Die sehen wir jetzt über ein Jahr lang nicht. Dazu haben wir beide unsere Jobs aufgegeben - für das Ungewisse. Die ersten Tage waren nicht schön. Wir haben uns gegenseitig runtergezogen. Oft haben wir uns Ausreden ausgedacht, damit es nicht so peinlich geworden wäre, wenn wir abgebrochen hätten. Wie: Die Räder sind uns geklaut worden.

SPIEGEL ONLINE: Dachten Freunde und Familie wirklich, dass Sie das durchziehen?

Starck: Ich bin mir sicher, dass sich 99 Prozent gedacht haben: In vier Wochen ist der in Wien, dann isst er ein Schnitzel und kommt wieder heim.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich nicht oft gedacht: Ich habe keine Lust mehr?

Starck: Am Anfang ständig. Wir sind auch sehr langsam vorangekommen. Nach Wien haben wir fünf Wochen gebraucht und uns dafür jeden Tag auf dem Rad gequält. Wäre ich dort in den Flieger gestiegen, wäre ich in zwei Stunden daheim gewesen. Das war schon demotivierend.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind Sie auch noch schwer krank geworden.

Starck: Ja, das ging in Budapest los. Wir hatten drei Nächte durchgetrunken, und ich vertrage nicht viel Alkohol. Danach war das Immunsystem angeschlagen. Per Rad und Zug fuhren wir dann nach Belgrad, dort sollte die medizinische Versorgung besser sein. Mit 40 Grad Celsius Fieber und Verdacht auf Lungenentzündung lief ich dort aus dem Krankenhaus. Ich habe Blut gekotzt.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Starck: Wir sind beide heimgeflogen, damit ich mich ordentlich behandeln lassen konnte. Zum Glück habe ich das gemacht. Ich habe heute immer noch Bronchialprobleme, bekomme morgens schlecht Luft. Trotz Heimfahrt habe ich das definitiv vernachlässigt und verschleppt. Aber das wird schon werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich zu Hause nicht gedacht: Umsorgt werden ist super, ich bleibe hier?

Starck: Ich habe bewusst alles in einem Hotel in Belgrad gelassen: Fahrrad, Klamotten, Kameraausrüstung, Laptop, alles. Also musste ich zurück.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr Partner?

Starck: Er ist zwar mit zurückgeflogen, aber schon vorher sagte er mir, das würde ihm alles zu viel. Meine Meinung: Er hat eine Ausrede gesucht, um abbrechen zu können. Heute würde ich sagen: Jeder hat nur drei bis vier enge Freunde auf der Welt, mit denen er so eine Reise machen kann. Und selbst da würde es jeden Tag mal knallen. Wir kannten uns erst ein paar Monate. Daher war es ziemlich naiv, gemeinsam zu einer Weltreise aufzubrechen.

SPIEGEL ONLINE: War es hart, so allein?

Starck: Ich hing in Belgrad, war schwach von der Lungenentzündung, hatte Reizhusten. Die Nächte waren schlimm. Hustenanfälle, kalter Schweiß und Besoffene, die grölend durch die Tür fallen. Am dritten Tag fuhr ich weiter. Da wurden mir die Ausmaße von Fynns Abschied bewusst. Kettenwechsel stand an, Navigieren klappte nicht gut - alles Aufgaben von Fynn. Ich schaffte es trotzdem und schlug nach 60 Kilometern mein Zelt auf. In dieser Nacht habe ich dann beschlossen: Ich werde nicht aufgeben und weiterfahren! Ich wollte es allen beweisen. Ab dann wurde es die Reise meines Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Während Ihres Trips haben Sie eine Dokumentation gedreht, der Trailer ist sehr emotional. Was waren die schönsten Momente auf Ihrer Reise?

Starck: Die der Gastfreundschaft: Wildfremde Menschen nehmen dich auf, bekochen dich, bieten dir einen Job an und fragen dich, ob du für immer bleiben willst. Am ersten Tag wurden wir gleich eingeladen von einer Frau. Wir durften in ihrem Garten campen, sie hat uns Nudeln gekocht und uns Wein ausgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wo waren die Menschen am nettesten?

Starck: In Neuseeland bin ich kaum zum Radfahren gekommen. Wenn ich mal an einer Straßenkarte stand, haben die Leute angehalten, mein Rad eingeladen, mich mitgenommen in ihr Haus, ein Barbecue gemacht, und dann konnte ich dort übernachten. Wahnsinnige Gastfreundschaft von Menschen zwischen 20 und 70 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Es gab auch negative Erfahrungen. Sie wurden mal von der Polizei ausgeraubt auf dem Trip.

Starck: Ja, das war in Kambodscha. 150 Kilometer nach Siam Reap, nirgends war irgendetwas, es gab nur eine Polizeistation. Da habe gefragt, ob ich übernachten kann. Um fünf Uhr standen die vor mir, mit Knüppeln, und sagten nur: "Money, Money." Ich meinte: "20 Dollar für die Übernachtung?" Und die: "Alles, was du hast." Dann haben die Polizisten mir meinen Geldbeutel aus der Hand gerissen, alles rausgenommen, Kreditkarten drinnen gelassen und gesagt, ich könne mich jetzt verpissen. Ich hatte gerade 400 Dollar abgehoben.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Angst?

Starck: Es ging. Zum Glück hatte ich meinen Laptop und die Kamera in den Fahrradtaschen und sah arm aus. Das hab ich also alles behalten. Irgendwie habe ich sie verstanden: Da kommt so ein junger Weißer mit 'nem schicken Rad, der Geld hat. Die haben gar nichts. Bevor ich gefahren bin, haben die sich auch bedankt.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Geld, irgendwo in der Pampa - und dann?

Starck: Das Schlimme war: Da waren 40 Grad Celsius, und ich hatte kein Wasser und kein Geld. Ich bin die ganzen 150 Kilometer bei glühender Hitze zurückgefahren und dann kurz vorm Verdursten und völlig unterzuckert in die erste Tankstelle gefallen. Das war echt knapp.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vorhin gesagt, nach den Startschwierigkeiten war es die beste Reise Ihres Lebens. Haben Sie trotzdem noch mal überlegt, abzubrechen?

Starck: Zwei, drei Mal. Wenn ich Heimweh hatte oder als mein Opa gestorben ist. Der war einer der wichtigsten Menschen für mich. Mein Mentor. Drei Stunden saß ich vor dem Computer und hatte den Pfeil der Maus auf den "Jetzt Buchen"-Knopf gerichtet. Ich habe ewig überlegt, ob ich zurückfliegen und abbrechen soll. Ich bin dann weitergefahren. Für Opa. Für die Familie. Und für mich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das mal bereut?

Starck: Nein. Als ich bei meiner Rückkehr in meine Heimatstadt gefahren bin, bin ich erst mal auf den Friedhof und habe mich verabschiedet. Bevor ich irgendjemand anderen getroffen habe.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sagen, Sie sind heute ein anderer als vor der Reise?

Starck: Ich bin heute viel zufriedener. Das hat zwei Gründe: Ich habe ein Jahr lang vollkommen einfach gelebt. Für den Morgenkaffee musste ich erst einmal Wasser organisieren und dann ewig auf dem Gaskocher erhitzen. Anschließend Kaffee- und Milchpulver rein. Nicht so lecker. Hier habe ich jeden Tag ein sauberes Bett und eine Dusche. Morgens drücke ich auf einen Knopf und es kommt warmer Kaffee aus der Maschine. Wahnsinn.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie noch zufriedener werden lassen?

Starck: Im Gegensatz zu den armen Menschen, die ich auf der Reise gesehen habe, bin ich reich. In Kambodscha haben die Menschen gar nichts. Und sind trotzdem glücklich. Dort leben Menschen mit amputierten Gliedmaßen, die sechs Kinder haben und trotzdem alles auf die Reihe kriegen. Ich habe eine Überschwemmung in Thailand mitbekommen, nach einem Taifun. Die Menschen hatten alles verloren, saßen auf der Straße. Und haben mir zugewunken, als ich vorbeigefahren bin.

SPIEGEL ONLINE: Was machen die anders als wir?

Starck: Bei uns will man immer mehr: größer, schneller, besser. Die Buddhisten in Asien sind zufrieden, machen sich nicht so viele Gedanken darüber, was alles anders sein könnte. Wir denken immer im Scheißkonjunktiv. In Asien interessiert die Menschen nicht, was sein könnte. Die leben den Moment.

SPIEGEL ONLINE : Versuchen Sie, auch so zu leben?

Starck: Ja, aber das klappt jetzt ganz automatisch. Ich werde nie vergessen, was ich auf der Reise gelernt habe, kann viel mehr wertschätzen. Meckere weniger, wenn etwas mal nicht so läuft. Wenn ich beim Arzt zwei Stunden warten muss, weil das Wartezimmer voll ist. Vor zwei Jahren wäre ich noch ausgeflippt. Heute lässt mich das kalt.

Felix Starcks Dokumentation zu seiner Reise ist auf seiner Website Pedal the World zu sehen. Hier ist der Trailer:

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insgesamt 66 Beiträge
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1. Weltreise mit...
vincenttriaz 23.09.2014
...dem Flugzeug trifft es wohl eher. Respekt vor der Leistung, mit der Masse an Gepäck rumzuradeln, aber die größten Strecken ist er ja dann doch nicht gefahren...
2. Klasse...
Gela2006 23.09.2014
...dass er das durchgehalten hat. Ich wollte das auch immer einmal machen - und jetzt bin ich zu alt. Das Leben rast an einem vorbei.
3. Schönes Interview
hans_olo_ 23.09.2014
Finde die Aktion schon beeindruckend und dass es ihn als Menschen sehr geprägt hat. Sicherlich kommt hier bald jemand vorbei der ein Haar in der Suppe findet aber vor allem der Mut des Jungen imponiert mir! Eine Frage stellt sich mir dennoch. Er spricht im Plural nachdem fynn weg war... Wer waren die anderen ?
4. Bildung
testpilot1 23.09.2014
Solch eine Reise ist klasse und echte Bildung, der Mut und das Durchhaltevermögen sind Beispielhaft. Lebe deine Träume und Träume nicht dein Leben! Danke
5. Bei jedem neuen Rad - erstmal den Sattel tauschen!
liquimoly 23.09.2014
Es ist leider eine weitverbreitete Unsitte der Fahrradhersteller, auch bei Fahrrädern, die mehr als 1000 € kosten, einen Sattel von 2 € zu montieren. Für nur 20 € bekommt man Sättel, die man auch nach 10 Stunden noch nicht spürt. Gegen den anfänglichen Muskelkater hilft nur eins - langsam anfangen und langsam steigern. Ein Tipp für Nachahmer: Von Herxheim den Rhein nach Freiburg, von dort zur Donauquelle, der Donauradwanderweg verläuft immer bergab - von der Quelle bis zur Mündung. Einen Rat gegen drei Tage Saufen in Budapest kann ich leider nicht geben.
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