Weltreise mit Rollstuhl: "Ins Flugzeug steigen kann doch jeder"

Aus Moskau berichtet Julia Katharina Brand

9000 Kilometer bis nach Moskau hat er schon geschafft, nur in Zügen und Bussen: Der Rollstuhlfahrer Mohoram Ali aus Bangladesch hat einen Traum. Mit einer Reise bis in die USA will er für mehr Staatshilfen für Behinderte werben - trotz vieler Hindernisse auf dem Weg.

Rollstuhl-Weltreisender: Von Bangladesch nach Westen Fotos
bezgraniz.com

Als Mohoram Ali seiner Familie berichtete, er habe nun endlich ein Visum für Amerika erhalten, schaute seine Mutter den 24-Jährigen verwundert an. "Was ist Amerika?", fragte sie. Die Frau eines Tagelöhners hatte nie Lesen und Schreiben gelernt. Sie ist noch nie über die Grenzen ihres kleinen Dorfes im Nordwesten Bangladeschs hinaus gekommen. "Amerika ist ein Land wie unseres auch - nur viel größer und mächtiger", erklärte Mohoram seiner Mutter. "Dort sind die Menschen, die ich von meiner Idee überzeugen muss."

Die Menschen, mit denen er sprechen will, sitzen 20.000 Kilometer von der Blechhütte entfernt, in der seine Familie haust, in einem spiegelverglasten Wolkenkratzer im noblen New Yorker Stadtteil Manhattan, im Hauptquartier der Vereinten Nationen. Oder sie sitzen in Berlin, wo er gerne Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen möchte. Oder in Moskau, wo Mohoram gerade versucht, eine dieser Straßen zu überqueren, die so breit sind wie Autobahnen.

In sechs Monaten will der junge Mann mit dem Rollstuhl durch 16 Länder und drei Kontinente reisen, um dafür zu werben, dass Regierungen künftig 0,2 Prozent des Brutto-Inlandsproduktes ihrer Länder ausgeben, um das Leben von Behinderten zu verbessern. Er hat ein Konzept erarbeitet. Er träumt von einer Stiftung, dem "Word Disability Fund".

Riskantes Manöver im Dunkeln

Zuerst aber muss er über diese Straße. 9000 Kilometer durch Indien, Nepal und Kasachstan hat er schon hinter sich, in Zügen und Bussen. "Ins Flugzeug steigen kann doch jeder", sagt er.

Nun ist weit und breit keine Ampel in Sicht. Es gibt eine Fußgängerunterführung, doch dort gibt es nur Treppen. Jamil, ein Freund und Landsmann, den er in der russischen Hauptstadt getroffen hat, überlegt noch, wie er Mohoram über die Straße bringt.

Da schlängelt sich der Rollstuhlfahrer schon durch den Strom der Fahrzeuge. Es ist dunkel, und die Autos rasen mit wenigen Zentimetern Abstand an ihm vorbei, manchmal weichen sie ihm, der ohne Licht oder Katzenaugen unterwegs ist, erst in letzter Sekunde aus. Mohoram lässt sich davon nicht beeindrucken. "Halb so schlimm", sagt er. "Im Vergleich zu Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, ist Moskau geradezu behindertenfreundlich." Lächelnd wartet er auf der anderen Straßenseite auf seinen Freund, der die Unterführung benutzt.

Mohoram hat früh gelernt, für seine Ziele zu kämpfen. Er hat erreicht, zur Schule gehen zu dürfen, um als Erster in seiner Familie Lesen und Schreiben zu lernen. "Wenn Menschen mir sagen, das kannst du nicht alleine, ist das für mich erst recht Ansporn zu beweisen, dass ich es doch kann!", sagt er. Er war 18 Monate alt, als er an Kinderlähmung erkrankte. Seitdem ist er halbseitig gelähmt und sitzt im Rollstuhl.

Treffen mit Wirtschaftsbossen

Am nächsten Tag trifft Mohoram Vertreter der Weltbank, der russischen Fluglinie Transaero und der Russischen Eisenbahnen zu einer Podiumsdiskussion. "Bravo, Mohoram! Weiter so! Alle großen Dinge beginnen mit einem kleinen Schritt", postet ein Fan auf Mohorams Weblog.

Am Nachmittag sitzt der junge Mann aus Bangladesch mit seinem Laptop im Büro des russisch-deutschen Internetportals Bezgraniz.com, übersetzt "Ohne Grenzen". Die Web-Seite ist ein Informations- und Kommunikationsforum für Behinderte und Fachleute. Seit 2010 arbeitet Mohoram als Bezgraniz-Botschafter für Südostasien. Eine Mitarbeiterin von Bezgraniz kommt herein. "Mohoram, dein Taxi ist jetzt da", sagt sie.

Der kleine, dunkelhäutige Mann in Jeans und weißem Hemd steht auf, hüpft auf einem Bein die Treppenstufen der Eingangslobby herunter. Der Taxifahrer trägt seinen Rollstuhl zum Wagen. "Sie müssen ihn auseinander nehmen, so passt er nicht in den Kofferraum", weist Mohoram den Russen auf Englisch an. Der Fahrer versteht ihn nicht. Mohoram macht es vor, auf einem Bein balancierend, entfernt er erst das eine Rad, dann das andere, faltet den Rollstuhl zusammen, hüpft zur Beifahrertür und setzt sich in den Wagen.

Bordsteine, Treppen, Landesgrenzen

An einem Hotel hält das Taxi an. "Macht 900 Rubel", murmelt der Fahrer, während er den Rollstuhl aus dem Kofferraum holt. Mohoram ist fassungslos. "Das ist fast das Doppelte von dem, was ich sonst bezahlt habe!", schimpft er. Umgerechnet mehr als 20 Euro für ein Taxi sind viel Geld für ihn. Mohoram weiß nicht, wie er den Rest seiner Reise finanzieren soll. Über das Internet sucht er noch immer Landsleute oder andere hilfsbereite Menschen in Europa und den USA, die ihn für ein paar Tage aufnehmen.

"200 für die Wartezeit und das Ein- und Ausladen der Rollstuhls, 100 für die Beförderung von Gepäck", entgegnet der Taxifahrer. "Mein Rollstuhl ist doch kein Gepäck!", empört sich Mohoram, ein Passant hilft beim Übersetzen. Der Taxifahrer klopft mit dem Zeigefinger auf die Armbanduhr. "Wenn ich hier noch länger stehen muss, kommen noch mal 100 Rubel Parkgebühren oben drauf. Zahlst du jetzt, oder was?" Mohoram resigniert und gibt ihm das Geld.

Die untergehende Sonne taucht die Moskauer Skyline in orangefarbenes Licht. Mohoram blickt aus dem Fenster seines Hotelzimmers im 20. Stock. Aus 70 Meter Höhe betrachtet er die vom Verkehr überfüllten Straßen, die sich zwischen Hochhäusern und Plattenbau-Blocks winden. Wie ein rot leuchtender, verästelter Fluss.

Hohe Bordsteine, Treppen, Landesgrenzen - all das könne man überwinden, irgendwie, sagt Mohoram. Die Einstellungen in den Köpfen der Menschen nicht. Vor einem Jahr ist seine Freundin quasi über Nacht verheiratet worden. Die Eltern wollten keinen Behinderten zum Schwiegersohn haben.

Diese "Geschichte", wie er sagt, habe in ihn zum ersten Mal das Gefühl völliger Ohnmacht spüren lassen. Nachts habe sie ihn angerufen, heimlich, flüsternd erklärt, dass sie sich nicht wieder sehen würden. Ab und zu schreiben sie sich noch. "Sie hat jetzt ein Kind", sagt er leise. Mohoram wendet sich ab, für einen kurzen Moment bröckelt die Fassade des ewig optimistischen, unerschütterlichen Kämpfertypen. Doch ist er sich sicher: Er wird eine Frau finden - eine Frau, deren Familie ihn und seine Behinderung akzeptiert.

Spätestens im nächsten Juli wolle er heiraten, sagt er. Das habe er sich fest vorgenommen.

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1. Interessant
Bisonte 21.10.2011
Liebe Spiegel-Redaktion, das ist ja ein schöner Artikel. Leider fehlt das Interessanteste: Wie hat er es geschafft, sich durchzusetzten und in die Schule zu gehen (was dort auch Gled kostet)und sogar englisch zu lernen? Wie hat er seine Reise von diesem kleinen Dorf aus organisiert? Wie kriegt er das alles finanziert? Bitte mal etwas besser recherchieren!
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