"Sailing Conductors" In jedem Hafen ein Liedchen

Hannes Koch und Benjamin Schaschek segeln um die Welt, um als "Sailing Conductors" bei jedem Landgang Lieder aufzunehmen. Ein Jahr hatten sie geplant, fast drei Jahre sind es geworden. Schuld ist die Musik.

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Sailing Conductors

Das Meer lässt sie nicht los. Als Hannes Koch und Benjamin Schaschek im April 2011 von den Salomonen im Südpazifik aus lossegelten, hatten die beiden Tontechniker ein Jahr auf See eingeplant, als Auszeit nach dem Studium. Heute, fast drei Jahre später, sind sie noch immer unterwegs. "Das hat sich so ergeben", sagt Koch. Schuld sind die Wellen, die Musik und wohl auch der Wunsch, nicht ankommen zu müssen in jenem Alltag, der für andere Mittzwanziger Normalität ist.

Das Leben der "Sailing Conductors", wie Koch und Schaschek sich nennen, folgt einem Drei-Wochen-Rhythmus, drei Wochen Wasser, drei Wochen Land. Von Urlaub will Koch nicht sprechen, "ich habe Urlaub immer gehasst", auch wenn ihre Zottelhaare und Badeklamotten, ihre Quatschgeschichten und Strandfotos bei Facebook das nahelegen. Seemänner haben in jedem Hafen ein Mädchen, sagt man, die segelnden Dirigenten suchen bei jedem Landgang nach Liedchen - auf ihre eigene, entspannte Art.

"Wir versuchen, dem Begriff Weltmusik eine neue Bedeutung zu geben", erklärt Koch. Dafür nehmen sie bei jedem Halt eine Melodie auf, ein Instrument oder eine Stimme, von Künstlern, die sie zum Beispiel in Bars kennenlernen - vom Jugendorchester in Brasilien über den Sänger, der sein Stück auf einer Toilette in Thailand einsingt, zu der Steel-Drum-Spielerin in Trinidad und Tobago.

"Expedition Music" nennen sie das Konzept: Jeder Song entwickelt sich auf der Reise weiter, in jedem Land kommt ein Element hinzu. Zusammengefügt wird das Ganze am Laptop, an Bord der "Marianne", ihrem Boot. Strom liefern Solarpanels an Deck.

Sie eint die Enge an Bord und viele gemeinsame Erfahrungen

Schaschek kam die Idee für den Törn in Australien, wo er studiert hatte. Sein Rückflugticket war abgelaufen, als der heute 27-Jährige sich entschied, übers Wasser in die Heimat zurückzukehren. Er fragte den zwei Jahre jüngeren Koch, ob er ihn begleiten wollte, der sagte zu. Beide waren vorher in Berlin Kommilitonen gewesen.

"In unserem Kurs waren 13 Idioten, Benny und ich", sagt Koch. Aus ihnen wurden Kumpels, die gerne gemeinsam im Studio bastelten. Heute sind sie Segel- und Geschäftspartner, die mehr als die Enge auf dem knapp neuneinhalb Meter langen Boot verbindet.

Sie haben gemeinsam Segeln gelernt, Koch hatte keine Erfahrung. Sie haben mit der Selbststeuerungsanlage gekämpft, mit Reparaturen. Ein Tanker hat sie fast überfahren. Im Schlauchboot vor Australien haben sie alles in Frage gestellt, mit Brüllerei und bösen Worten. Es blieb nicht der letzte Streit, sagt Koch. "Aber dann trinken wir immer ein Bierchen zusammen, und alles ist wieder gut."

Dass sie Beiträge von "Hunderten Musikern aus 35 Ländern" aufnehmen, wie sie auf ihrer Website verkünden, ist allerdings Seemannsgarn. "Es sollten mal Hunderte werden", sagt Koch. "Jetzt sind wir bei 70." Sie haben den Indischen Ozean durchquert, sind an Madagaskar vorbei zum Kap der guten Hoffnung gesegelt, über den Atlantik nach Brasilien. Gerade ankert die "Marianne" in Land Nummer 19, Jamaika. Das erste Album, "AAA", ist im September erschienen.

14 Titel, eingefangen vor allem draußen, an "schönen Orten", sagt Koch. "Wenn wir drinnen gewesen wären, hätten wir uns auch in Deutschland einschließen können." Man merkt den Liedern an, wie sie entstanden sind, die Sprachen mischen sich, Elemente aus Reggae, Pop, Rock, Blues kommen zusammen. Es sind luftige, sommerlich leichte, lebensfrohe Grüße aus der Ferne.

Ohne eigene Plattenfirma wäre ihr Album nie entstanden

Die CD ist nur im Webshop der beiden erhältlich, samt bedrucktem Jutebeutel, dem typischen Accessoire für "Großstadtsegler", wie sie sich bezeichnen. Sie haben eine Plattenfirma gegründet, weil niemand sie vertreten wollte. Von den 2000 CDs, die Schascheks Vater finanziert hat, sind vielleicht 250 verkauft, sagt Koch. "Uns kennt immer noch fast niemand." Sie geben sich große Mühe, dass sich das ändert.

Immer wieder fliegen sie nach Deutschland, wo sie Interviews geben und Vorträge halten. Ein Segelverlag will ein Buch mit ihnen machen, das Fernsehen hat angefragt. "Smutje Hannes Hafenklang" und "Captain Ben Bart" kommen offenbar an mit ihren Auftritten in den Matrosenanzügen, die sie sich in Thailand haben schneidern lassen, Kapitänsmütze und Pfeife im Mundwinkel. Zum Leben reichen die Einnahmen bislang aber nicht.

Das 11.000 Euro teure Boot haben sie durch ein vorzeitiges Erbe von Benjamin Schaschek finanziert, sagt Koch. Sein Vater überweist ihnen monatlich 500 Euro. "Der schönste Tag in meinem Leben wird sein, wenn ich endlich sagen kann: 'Danke, Papa, du kannst den Dauerauftrag löschen'", sagt er.

Im August zurück nach Deutschland

Im August wollen sie zur Hanse Sail in Rostock einlaufen, Kochs Heimathafen. "Wir sind ein Spitzenteam, trotzdem braucht man jetzt auch mal wieder Abstand", sagt Koch. So ist der Plan. Aber sie haben schon oft geplant - dann kam wieder was dazwischen.

Ob er noch mal auf so einen Törn gehen würde? Koch weiß es nicht, "vermutlich wäre ich zu bequem", und er weiß auch nicht, was kommt, wenn sie wieder daheim sind. Missen möchte er die Erfahrung nicht. Er hat viel gelernt: wie wichtig eine strenge Ordnung für den Bordfrieden ist. Dass Ananas ihm doch schmeckt, wenn sie nur frisch gepflückt wird. Wie schön es ist, wenn das Boot nachts, im Indischen Ozean, durch fluoreszierende Wellen rauscht, einen "Sternenstaubschwanz" hinter sich herziehend.

Wirklich vermisst hat er in all der Zeit nur eines, sagt Koch: "Gutes deutsches Bier." Davon gibt es in Übersee einfach nicht genug.

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Seite 1
troy_mcclure 10.02.2014
1. Guter Beitrag
Zitat von sysopSailing ConductorsHannes Koch und Benjamin Schaschek segeln um die Welt, um als "Sailing Conductors" bei jedem Landgang Lieder aufzunehmen. Ein Jahr hatten sie geplant, fast drei Jahre sind es geworden. Schuld ist die Musik. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/weltreise-mit-segelschiff-sailing-conductors-segeln-fuer-musik-a-945793.html
Nur in den Anzügen sehen sie aus wie "Seehipster". ist vermutlich ironisch gemeint von den Jungs. Aber was sie machen finde ich klasse.
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