Als Frau allein um die Welt "Ihr könnt jeden Tag 'ne andere sein"

Viele Frauen würden gerne allein auf Weltreise gehen, trauen sich aber nicht so recht. Zwei weltenbummelnde Reise-Bloggerinnen treiben den zögerlichen Damen mit einem Coaching nun die Ängste aus.

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Felicia Hargarten könnte nicht viel freier leben. Die Reise-Bloggerin besitzt nur noch einen großen Rucksack und "drei Ikea-Tüten voll mit Kram", sonst nichts. Ihre Berliner Wohnung hat sie untervermietet, alle drei Monate zieht sie um, wohnt nur noch zur Zwischenmiete. "Das finde ich spannend", sagt die 32-Jährige. Zweimal schon hat die studierte BWLerin einen unbefristeten Job gekündigt, um in die Welt hinauszuziehen.

Alle Kontinente hat Hargarten mittlerweile bereist, vergangenen Winter war sie sechs Monate unterwegs - Thailand, Myanmar, Philippinen. Ihr Geld verdient sie als digitale Nomadin. Ihren Blog Travelicia.de schreibt sie von unterwegs, ist also ortsunabhängig - und nutzt diese Freiheit voll aus. Und auch ohne Rucksack sieht Hargarten aus wie das personifizierte Backpacker-Klischee: sonnengebräunte Haut, die Haare von der Sonne ausgeblichen. Sie trägt Jeans, Chucks und Longsleeve.

In Hamburg sitzen Hargarten 17 Frauen gegenüber, die gerne so wären wie sie. Oder zumindest gerne so reisen würden wie sie: allein und unabhängig. Sie sind Teilnehmerinnen des Seminars "Solo auf Reisen - ein Mutmacher-Wochenende für Frauen". Hargarten leitet es zusammen mit der Reise-Bloggerin Carina Herrmann von "PinkCompass". Kosten für zwei Tage: 47 Euro. Letztes Wochenende waren sie in München, und nun fordern sie die Frauen der Hansestadt dazu auf, die Welt zu entdecken.

Mutmacher-Wochenende klingt so, als wären Frauen hilfsbedürftige Geschöpfe, die sich allein nicht viel zutrauen. Zu Beginn wirken die Teilnehmerinnen zunächst tatsächlich, als brauchten sie unbedingt einen starken Typen an ihrer Seite: Auf die Frage, wie sie sich ihren Traumurlaub vorstellen, schwärmen einige davon, mit dem Fahrrad durch Balis Reisfelder zu fahren. Als hätten sie den Film "Eat, Pray, Love" mit Julia Roberts zu oft gesehen, in dem die Hauptfigur auf der indonesischen Insel den Mann ihres Lebens findet und so endlich glücklich wird.

Solo herausfinden, wer man ist

Carina Herrmann findet die Idee, nach Bali zu fahren, zwar gut. Sie sagt, die Insel wäre neben Südostasien und Australien ein perfekter Ort, um ohne einen Partner zu reisen, weil sie ungefährlich und voll auf Touristen ausgerichtet sei. Jedoch sieht sie im Solo-Reisen den Vorteil, auch wirklich allein zu sein: "Zu Hause erfüllt ihr immer das Bild, das die anderen von euch haben. Allein unterwegs kennt euch niemand, ihr könnt jeden Tag eine andere sein. Das ist eine große Chance, sich neu zu erfinden und herauszufinden, welcher Mensch ihr wirklich sein wollt."

Außerdem lerne man, flexibler, selbstbewusster und unabhängiger zu werden. Wenn man zurückkommt, sei man oft eine andere. "Fast jeder, der auf Weltreise geht, sucht irgendetwas und ist in seinem Leben nicht ganz zufrieden", sagt Hermann.

Auch Teilnehmerin Steffi, 28, möchte etwas ändern. "Ich hab meinen Job jetzt acht Jahre und will noch mehr von meinem Leben", sagt die Betriebsassistentin. Vielleicht noch einmal studieren? "Vielleicht. Jetzt ist mein einziger Plan erst mal die Reise nach China, Thailand, Sri Lanka und Australien. Ob ich danach in den Job zurückgehe oder nach Berlin, weiß ich noch nicht."

Dass sie nach ihrem Sabbatical weiter als Grundschullehrerin arbeiten kann, findet Rebekka, 45, hingegen beruhigend. "Meine Stelle ist mir sicher." Ihre Auszeit hat sie lange geplant: Vor fünf Jahren hat sie bei der Schulleitung ein Sabbatjahr beantragt, 100 Prozent gearbeitet und nur 75 Prozent Gehalt bekommen. Die freie Zeit will sie jetzt nutzen, um sich mit dem Trip nach Bali, Kambodscha und Kuba einen ihrer Träume zu erfüllen. "Privat hat es nicht so geklappt in den letzten Jahren. Ich brauche einen Cut und etwas Neues."

Ist es allein gefährlich?

Manche der 17 Frauen wollen sich heute ermutigen lassen, vielleicht zu einem Solo-Kurztrip in eine europäische Stadt. Andere planen schon den großen Trip allein, haben aber auch Angst davor. Kann etwas passieren? Ist es gefährlich? Und wenn ja, wo? "Südamerika und alle muslimischen Länder sind anspruchsvollere Reiseziele", sagt Hargarten. Dass man sich vor einem Aufenthalt in einem fremden Land nicht nur über gefährliche Gegenden, sondern auch über die kulturellen Unterschiede informieren und in manchen Ländern dementsprechend züchtig kleiden müsse, sei selbstverständlich. "Mit Südamerikanern sollte man auch nicht flirten, die verstehen das schnell falsch", sagt Hargarten und lacht. Ihr selbst sei in den 14 Jahren Weltenbummelei noch nichts passiert, nicht ein Cent sei ihr geklaut worden. Allerdings habe sie auch stets Regeln beachtet, Glück gehabt. Und einige Tricks befolgt:

  • Wertsachen wie Schmuck und Kamera nicht offen tragen.
  • Originalreisepass kopieren und eine Fotografie davon bei Dropbox und einem USB-Stick speichern.
  • Den Ho(s)tel-Angestellten immer sagen, wo man ist.
  • Laptop und Kreditkarten in einem Pacsafe (Rucksack mit Zahlenschloss) im Ho(s)tel sichern.
  • Um sich zu wehren: Selbstverteidigungskurs oder Trillerpfeife. "Nichts mitnehmen, was gegen einen verwendet werden kann. Das gilt auch für Pfefferspray und Messer."
  • Nie mit nicht-lizenzierten Taxis fahren.

Vor ihrer ersten Solo-Reise nach Mittelamerika habe Hargarten auch Schiss gehabt, gesteht sie. "Aber wenn ich vor etwas Angst habe und es nicht völlig absurd ist, mach ich es trotzdem." Außerdem brauche sie das Reisen für ihr Glück.

"Wenn ich an das Kaff denke, in dem ich aufgewachsen bin, spüre ich so eine Art Stillstand. Wenn ich hingegen unterwegs bin, habe ich das Gefühl zu leben und zu lernen. Ich mag es, unterwegs zu sein. Je unruhiger es um mich herum ist, desto ruhiger werde ich. Dann fühle ich mich lebendig." Sie könne sich vorstellen, irgendwann mal ein Hostel aufzumachen oder einen Co-Working-Space, sagt Hargarten. Bis es so weit ist, will sie möglichst oft unterwegs sein.

Seminarteilnehmerin Jenny, 30, plant auch gerade einen Großtrip. Ihren sicheren Job als Gewerkschaftssekretärin gibt sie dafür erst einmal auf. "Beruflich kümmere ich mich um die Auszubildenden und trichtere denen immer ein: Folgt euren Träumen." Genau deswegen müsse sie jetzt endlich auch ihren eigenen verwirklichen. "Sonst bin ich irgendwann unglaubwürdig." Gekündigt hat Jenny schon. Ob und wann sie zurückkommt? Weiß sie noch nicht.

Weitere Seminartermine werden auf den Blogs von Hargarten und Herrmann bekanntgegeben.

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Ge-spiegelt 11.07.2014
1. Warum so weit weg und was suchen die
und wovor laufen die weg? Wie wäre es mit einer Rad oder Railroad Tour in Deutschland oder Europa? OK, fremde Kulturen 'kennenlernen' bildet, aber wie effektiv ist die Reiserei? Es gibt moderne Alternativen über das Internet, gute Berichte. .. Ausserdem will ich manches gar nicht kennen lernen, wie Religionen, Armut, Umweltverschmutzung und Kriminalität.
peter_gurt 11.07.2014
2. Mutig mutig..
Was ist aber mit den Reisenden die nicht das fehlende 'Glück' haben? Glaube eher, dass das eine nette Geschichte für den SpOn ist, oder für ein Buch. Aber ob das alles genau so geschehen ist. Schätze, dass 'unschöne' Ereignisse geflissentlich aus den Berichten geschwärzt werden, damit sich das Seminar besser verkauft.
lupidus 11.07.2014
3.
warum ist es nur für frauen gefährlich ? ich bin ein mann und würde mich auch nicht trauen durch usbekistan oder liberia zu wandern. ist eben gefährlich, das ist es mir nicht wert. jammere ich deswegen ? nein, ist eben eine tatsache...ansonsten:herzlichen glückwunsch für jeden, der sich seinen reisetraum erfüllt :-)
ich2010 11.07.2014
4.
ich war auch solo in kuba, indonesien, usa, australien und in der südsee unterwegs . allerdings nicht alles auf einmal. ich habe weder einen (reise)partner vermisst noch war's mir langweilig. im gegenteil. man ist völlig frei, kann buchstäblich tun und lassen, was man gerade möchte. auf erstaunen bin ich allerdings dann doch des öfteren gestoßen. vor allem bei frauen. eigentlich schade, die meisten wissen nicht, was ihnen entgeht.
ich2010 11.07.2014
5.
Zitat von Ge-spiegeltund wovor laufen die weg? Wie wäre es mit einer Rad oder Railroad Tour in Deutschland oder Europa? OK, fremde Kulturen 'kennenlernen' bildet, aber wie effektiv ist die Reiserei? Es gibt moderne Alternativen über das Internet, gute Berichte. .. Ausserdem will ich manches gar nicht kennen lernen, wie Religionen, Armut, Umweltverschmutzung und Kriminalität.
es geht um die eigenen erfahrungen, ein fremdes land zu erleben. ein reisebericht ist nett, aber ersetzt die reise nicht. fernreisen hat mit weglaufen nichts zu tun, sondern mit neugier auf fremdes, andersartiges. und es ist halt ein himmelweiter unterschied einen netten reisebricht und bücher - sagen wir mal übers australische outback zu lesen, oder selbst mittendrin zu stehen, die weite, die stille tatsächlich zu erleben. das kann kein reisebericht ersetzen. übrigens hatte ich auf meinen reisen (indonesien, kuba, australien, südsee usw) kein einziges mal probleme mit religionen, kriminalität oder ähnliches. im gegenteil - es war sehr interessant auch mal andere lebensweisen kennen zu lernen. das veranlasst dann auch mal die eigenen ansichten gründlich zu überdenken.
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