Weltwanderer Jean Béliveau: 11 Jahre, 64 Länder, 75.000 Kilometer

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Mission beendet, Midlife-Crisis bewältigt: Als der arbeitslose Kanadier Jean Béliveau vor 4077 Tagen in Montreal aufbrach, war sein Leben ein Trümmerhaufen. Zu Fuß lief er einmal um die Welt, jetzt ist er wieder zu Hause - und wurde gefeiert wie ein Nationalheld.

Es ist ein sonniger Herbstmorgen in Montreal, als Jean Béliveau mit fast gemächlichen Schritten über die Lachapelle-Brücke in seine Heimatstadt läuft. Hinter ihm spazieren Dutzende Menschen, die ihn auf seinen letzten Kilometern begleiten. Er schiebt eine Art überdimensionalen Rollator auf drei Rädern. Darin befindet sich ein Zelt, Proviant und Kleidung, ein Rucksack wäre zu schwer gewesen, denn er hat eine lange Reise hinter sich.

Béliveau winkt, schüttelt Hände, lässt sich feiern, in ganz Kanada werden am Sonntag diese Fernsehbilder gezeigt. Kurz hinter der Brücke erwartet ihn seine Frau Luce Archambault, die beiden umarmen sich, sie sind von Kamerateams umgeben. "Es ist ein sehr emotionaler Moment", bringt er dann nur hervor. "Ich kann es nicht beschreiben."

Jean Béliveau ist am Ziel einer Reise, die elf Jahre und zwei Monate gedauert hat. Er hat die Erde umwandert, sechs Kontinente durchquert und mehr als 75.500 Kilometer zu Fuß bewältigt - eine Distanz, die fast einer zweimaligen Umrundung des Äquators entspricht. Im Schnitt lief er 18,5 Kilometer pro Tag, 54 Paar Schuhe gingen unterwegs kaputt. Zwischen den Kontinenten nutzte er Schiffe und Flugzeuge. Die ursprüngliche Idee, wirklich jeden Kilometer auf dem Land zu laufen, gab er schon in Lateinamerika auf: Kolumbien musste er überfliegen, weil ihm das Land zu unsicher erschien; später ließ er Libyen aus, weil er kein Visum bekam. Zu Hause war er die ganze Zeit nicht, einmal pro Jahr kam ihn Archambault besuchen.

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Jean Béliveau: Zu Fuß um die Welt
Im Februar erreichte Béliveau Vancouver. "Als ich nach fast elf Jahren wieder in Kanada ankam, war das ein Kulturschock", sagt der grauhaarige 56-Jährige mit den markanten Augenbrauen und dem charmanten französisch-kanadischen Akzent. "Es wird noch etwas dauern, bis ich mich wieder an mein eigenes Land gewöhnt habe", erzählt er am Telefon. "Wenn ich nun an die letzten elf Jahre denke, werde ich nostalgisch, das ist ein echtes Gefühlschaos."

Bei der Ankunft am Flughafen von Vancouver aus Neuseeland gab es eine große Party, zu Trommeln und Trompeten tänzelte Béliveau extrem euphorisch und zugleich ein bisschen ungelenk durch die Empfangshalle. Dutzende Menschen jubelten ihm zu, hielten Fähnchen und Weltkarten in die Höhe.

Schüchterne Bären, diebische Eichhörnchen

Von Vancouver aus waren es immer noch 5400 Kilometer bis nach Montreal. Die meisten Nächte konnte Béliveau in Privatunterkünften schlafen. "Die Leute waren unglaublich gastfreundlich, haben teilweise Freunde angerufen, die 30 Kilometer entfernt wohnten, um mir dort eine Übernachtung zu organisieren." In seinem Heimatland steht er jetzt ständig in der Zeitung, er ist nun ein berühmter Mann.

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Weltreise zu Fuß: Die Route von Jean Béliveau

Im Bundesstaat Ontario allerdings gibt es mancherorts kaum Siedlungen und viel Wald, da musste er wieder im Zelt schlafen. Weil es dort Bären gibt, hängte er seinen Proviant nachts an einen Baum. "Da kam kein Bär ran, dafür haben es die Eichhörnchen gefressen", erzählt er lachend. "Einmal habe ich dann tatsächlich einen Bär gesehen, aber die haben Angst vor Menschen." Er erzählt dies in einem so unaufgeregten Ton, als würde er von einem Zoobesuch berichten. Béliveau hat viel zu viel erlebt in den vergangenen Jahren, um sich von einem Raubtier in seinem Heimatland noch schrecken zu lassen.

In Algerien musste er eine Prostata-Operation überstehen - ein Chirurg erklärte sich bereit, das kostenlos zu machen, denn eine Krankenversicherung hat Béliveau nicht. In Chiles Atacama-Wüste verbrachte er eine Nacht ohne Zelt in Todesangst, weil er aus nächster Nähe das laute Fauchen eines Raubtiers vernahm. In Südafrika kam er eine Nacht im Gefängnis unter und wurde am nächsten Morgen in der Zelle vergessen.

Er übernachtete in Schweineställen und sogar in einem Mausoleum. In Strohhütten und Luxusvillen genoss er die Gastfreundschaft von Fremden, als Gegenleistung erzählte er ihnen Anekdoten von seiner Reise. "Ich glaube, es gibt keinen König, Präsident oder Premierminister, der sagen kann, dass er von 1500 Familien aufgenommen wurde", sagte er einem kanadischen Fernsehsender.

Treffen mit dem Enkel in Hamburg

Im Oktober 2006 lief er durch Deutschland, was für ihn eine besondere Erinnerung blieb, denn zum ersten Mal konnte er in Hamburg sein fünfjähriges Enkelkind treffen. "Manchmal denke ich selbst, dass ich ein bisschen verrückt bin", sagte er damals in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Sein zweites Enkelkind traf er am Samstag zum ersten Mal in Montreal, ebenfalls im Alter von fünf Jahren. Vorher hatten sie nur über Skype Kontakt. Béliveau hat seine Wanderung den Kindern dieser Welt gewidmet, doch um seine eigenen Enkel konnte er sich bisher kaum kümmern. "Ab jetzt werde ich viel Zeit für die Familie haben", verspricht er. "Ich werde ihm Ketten anlegen", scherzt Archambault, als sie sich am Sonntag in Montreal treffen.

Der Weltwanderer Béliveau, der jetzt seine Heimatstadt erreichte, ist ein anderer Mensch als der Werbeschilderhersteller Béliveau, der 1999 sein kleines Unternehmen aufgeben musste und unter schweren Depressionen litt.

Wenn Männer eine Midlife-Crisis durchmachen, gibt es zwei gängige Problemlösungsstrategien: Wer viel Geld hat, kauft sich einen Sportwagen. Wer wenig Geld hat, trainiert für einen Marathon. Béliveau hatte 4000 Dollar auf dem Konto, also fing er an zu joggen. Irgendwann überlegte er, wie es eigentlich wäre, immer weiter zu laufen, anstatt abends immer wieder nach Hause zurückzukehren. Man könnte auch sagen: Er weitete seine Runde ein wenig aus, auf mehr als 75.000 Kilometer.

Laufen als Therapie

"Als ich mich entschieden hatte, um die Welt zu gehen, war die Midlife-Crisis vorbei", sagt der 56-Jährige. "Ich hatte wieder ein Ziel." Das behielt er zunächst für sich, erst drei Wochen vor dem Start erzählte er seiner Frau davon. Die war zunächst schockiert, doch später besuchte sie ihn jedes Jahr dort, wo er gerade war, und betreute mit viel Sorgfalt die Internetseite wwwalk.org, auf der jeder Zeitungsschnipsel über die Mammut-Tour durch 64 Länder nachzulesen ist.

Welche drei Länder würde er denn noch einmal besuchen, wenn er die Wahl hätte? "Nooo! Warum fragst du mich das?", Béliveau lacht laut. "Ich muss jetzt 'Deutschland' sagen, oder?" Tatsächlich sei ihm aufgefallen, dass in Deutschland die Menschen ganz besonders begeistert von seinem Abenteuer waren, dass besonders viele Medien berichteten. "Ich tue mich sehr schwer mit dieser Frage - alle Länder haben eine dunkle und eine helle Seite", versucht er weiter auszuweichen.

Dann nennt er doch noch drei Kandidaten: "Also gut: Guatemala, Mosambik und Borneo in Malaysia." Dort habe er besonders freundliche Menschen erlebt, die schwierige Lebensbedingungen mit viel Optimismus und Herzlichkeit meisterten.

Von dem, was er in der Ferne erlebt hat, möchte er nun etwas weitergeben. "Diese Wanderung soll der Menschheit dienen, sie dazu inspirieren, sich über den Frieden Gedanken zu machen." Béliveau will ein Buch schreiben und Reden halten über seine Erfahrungen, sich für lokale Hilfsorganisationen einsetzen. Manchmal klingt er schon jetzt wie der Leiter eines Motivationsseminar, zum Beispiel wenn man ihn fragt, was am besten gegen Depressionen hilft: "Einfach mal rausgehen und einen Spaziergang machen", empfiehlt er.

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insgesamt 17 Beiträge
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    Seite 1    
1. 11 Jahre
Dosengabel 17.10.2011
Wenn ich überlege, was ich in den letzten elf Jahren alles erlebt und gesehen habe... Das ist ja nix dagegen (schnief)
2. Hut ab...
sappelkopp 17.10.2011
...der Mann hat was erlebt, das kann ihm niemand nehmen.
3. geld?
924Frg 17.10.2011
Wie finanziert sich so etwas? Er war ja offenbar pleite und selbst wenn er kostenlos übernachten konnte... Die Verpflegung, die Flüge, die Schuhe, das kostet doch alles etwas.
4. bzgl. Geld
derknecht 17.10.2011
Ich kann mir nur vorstellen, dass er die ersten Etappen mit seinem Geld klar kommen musste, danach wird sich die Reise mit Hilfe von Interviews finanziert haben. Da wird er einen Tag von einem Reporter-Team begleitet und schon ist der nächste Flug bezahlt. Anders kann ich mir das nicht vorstellen
5. Titel
SirJazz 17.10.2011
Zitat von 924FrgWie finanziert sich so etwas? Er war ja offenbar pleite und selbst wenn er kostenlos übernachten konnte... Die Verpflegung, die Flüge, die Schuhe, das kostet doch alles etwas.
Kennen Sie den Begriff: von der Hand in den Mund?
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