Wettstreit der Meistgereisten Wer hat die meisten Stempel im Pass?

Reisen als Wettkampf: Im Internet konkurrieren Tausende in Foren darum, wer der Meistgereiste ist. Die 193 offiziellen Staaten reichen ihnen längst nicht mehr als Ziel - und zum Einsatz kommt sogar der Privatjet.

Stoepasius

September 2011 am Flughafen von Juba: Ein Mann - hochgewachsen, mit kräftigem Schnauzer - läuft durch das flache, sandsteinfarbene Gebäude in den Außenbezirken der Hauptstadt des Südsudan. Er ist soeben aus einem Flieger der Air Uganda aus Entebbe gestiegen. Ein Offizier prüft das Visum, drückt ihm den Sichtvermerk "Republic of South Sudan, International Airport, 7. September 2011" in den Reisepass. Dann entlässt er ihn in das Gewirr von Juba.

Der Reisende ist weder für eine Hilfsorganisation tätig noch etwa ein Botschaftsangestellter, sondern er ist der damals meistgereiste Deutsche. Und er ist es bis heute, zumindest wenn es nach dem Internetportal Most Traveled People geht. In der "Hall of Fame" der Plattform nimmt Wolfgang Stoephasius mit 676 von 875 möglichen Zielen unter den Deutschen Rang eins ein, weltweit rangiert er derzeit auf Platz 22.

Bereits wenige Wochen nach der Unabhängigkeitserklärung des Südsudan stand der Münchner in der jungen Hauptstadt. "Um komplett zu werden", wie Stoephasius sagt. Denn seit Juli 2011 ist der Südsudan nicht nur der 193. und damit jüngste Uno-Staat, sondern auch eine der 875 besuchenswerten Destinationen der Internetplattform, bei der der Münchner registriert ist.

Alle 193 Länder reichen nicht

Portale wie Most Traveled People boomen. Die vom US-amerikanischen IT-Millionär Charles Veley gegründete Internetseite startete 2005 mit einer Handvoll Mitglieder, heute sind es mehr als 12.000, darunter fast 500 Deutsche. Damit ist sie weltweit die größte ihrer Art. Dabei haben Klubs für Vielreisende schon viel länger Tradition. Der älteste von ihnen ist der Londoner Globetrotters Club von 1945, dicht gefolgt vom US-amerikanischen Travelers Century Club, einer elitären Vereinigung, die seit 1954 ausschließlich Menschen aufnimmt, die wenigstens hundert Länder bereist haben.

Auch der Travelers' Century Club ist in der Zwischenzeit enorm gewachsen: von einst zwei Dutzend Mitgliedern zu Beginn auf heute rund 2000. "Durch das Internet, immer günstigere Flugpreise und Flugverbindungen selbst in die abgelegensten Regionen der Erde erleben solche Foren einen enormen Boom", sagt Norbert Lüdtke. "Für viele Menschen liegt ein spielerischer Reiz darin zu sehen, welchen Platz sie in der Rangliste einnehmen."

Lüdtke ist ebenfalls weit gereist und Vorsitzender der Deutschen Zentrale für Globetrotter, dem mit 850 Mitgliedern größten europäischen Globetrotter-Club. Anfang Juli feierte sein Verein das 40-jährige Bestehen. Allerdings geht es Lüdtkes Globetrottern bei ihren Reisen vorrangig um Erlebnisse. Die über die Jahre aufgebaute Destinationsdatenbank diene weniger dem Wettbewerb als vielmehr dem Informationsaustausch.

Und da ist Lüdtke auch gleich beim strittigsten Punkt. Die Uno listet derzeit 193 Länder. Doch das ist den meisten Vielreisendenklubs nicht genug. Je nach Vereinigung teilen sie die Welt in mehr als 300 oder sogar fast 900 Destinationen ein. Beim Travelers' Century Club sind es derzeit genau 321, auf der Liste von Most Traveled People stehen 875 Staaten, Bundesstaaten, Territorien, Inseln und autonome Gebiete.

Wem das System nicht klar ist: Zu Deutschland zählen neben den 16 Bundesländern auch die Nordseeinsel Helgoland und die Gemeinde Büsingen, eine deutsche Enklave in der Schweiz. Andere Länder haben gar Dutzende zählbare Gebiete, Russland allein 85. Jahrelang führte Charles Veley, der 49-jährige Gründer der Plattform, die Liste an. Derzeit schmücken sein Konto 834 von 875 möglichen Destinationspunkten. Vor einigen Tagen wurde er von seinem Landsmann Donald Parrish Jr. mit 839 Punkten überholt.

Mit dem Privatflieger an den Südpol

Es war noch nie einfacher, um die Welt zu reisen, als heute. Doch für viele scheint das Ländersammeln zur Obsession geworden zu sein. Mag die Realität von Ländern wie dem Sudan, Irak oder Kongo auch noch so finster aussehen, es wird immer Reisende geben, die dorthin reisen, nur um einen Stempel in den Pass zu bekommen.

Über Most-Traveled-People-Gründer Veley erzählt man sich zum Beispiel, er habe vor einigen Jahren einen Privatflieger an den Südpol gechartert, um alle sieben Sektoren der Antarktis auf einmal zu besuchen. Einige Mitglieder des Travelers' Century Club sollen ein ganzes Schiff samt Mannschaft gemietet haben, um von den Seychellen nach Diego García zu gelangen, die letzte Insel des britischen Territoriums im Indischen Ozean und heute militärisches Sperrgebiet. Für die An- und Abreise benötigten die Klubmitglieder je fünf Tage.

"Die meisten der Menschen, die in diesen Rankings ganz vorne sind, sind sehr wohlhabende Reisende, die sich mit ihrem Geld einen Lebenstraum erfüllen", sagt Wolfgang Stoephasius. Der 73-Jährige hingegen war nie reich. Er finanzierte seine Reisen jahrzehntelang ausschließlich von seinem Gehalt als Erster Kriminalhauptkommissar beim Bayerischen Landeskriminalamt. Seit er den Polizeihut vor 13 Jahren an den Nagel hängte, muss seine Pension herhalten.

Seine beste Platzierung bei Most Traveled People war trotz vergleichsweise geringem Budget Platz sechs. Ums blinde Ländersammeln ging es Stoephasius ohnehin nie. Zwar hat er es mittlerweile auch auf 676 von 875 Destinationspunkten gebracht. Für sich hat der Münchner aber längst entscheiden: "Alle 85 Russland-Destinationen einzusammeln, interessiert mich nicht. Ich fahre nur noch dorthin, wo es auch etwas zu sehen gibt."

Stoephasius allernächster Plan ist allerdings kein Land, sondern ein Buch, denn er will seine Reisen aus mehr als fünf Jahrzehnten zu Papier bringen. Den Titel hat er schon im Kopf: "Der Meistgereiste". Derzeit sucht der Münchner einen Verlag.

Doch er muss sich beeilen, denn der nächste Deutsche ist ihm bereits dicht auf den Fersen. Er heißt Sascha Grabow, ist um einiges jünger und hat bei Most Traveled People bereits 637 Länderpunkte gesammelt. Nur 43 weniger als Stoephas.

Fabian von Poser/srt/abl

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insgesamt 12 Beiträge
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pelochinomais 04.08.2014
1. Been there - done that
es gibt in London auch einen Klub, exklusiv versteht sich, wo man wettet welcher Regentropfen zuerst die Scheibe runterrollt. Länder sammeln ist wie Weltrekord im hot dog fressen. A waste of time and dogs.
FrankDr 04.08.2014
2.
Wer die Welt zu entdecken als "waste of time" bezeichnet, hat den Schuss nicht gehört. Natürlich ist es dekadent, ökologisch (Privatflieger) manchmal bedenklich, teuer, usw. Aber hey... wahnsinniges Gefühl sicherlich
tlatz 04.08.2014
3. Weltentdecken
Zitat von FrankDrWer die Welt zu entdecken als "waste of time" bezeichnet, hat den Schuss nicht gehört. Natürlich ist es dekadent, ökologisch (Privatflieger) manchmal bedenklich, teuer, usw. Aber hey... wahnsinniges Gefühl sicherlich
Die Welt entdeckt man aber nicht, in dem man wie gejagt von einem Ort zum anderen hetzt, nur um einen Stempel zu bekommen. Die Welt entdeckt man, wenn man an einen Ort fährt, an dem man noch nie war und der völlig anders ist als der, wo man herkommt, und dort dann ein paar Wochen oder sogar Monate verbringt. Aber einmal schnell den Flughafen verlassen, um offiziell eingereist zu sein und weiter zu reisen: Greatest waste of time possible.
dbgollum 04.08.2014
4. Travel Wankers
Wie passend, vor 5 Tagen ist folgender Beitrag über Reiseangeber veröffentlicht worden: http://www.thevine.com.au/life/travel/the-life-and-times-of-the-travel-wanker-20140801-283935/ Amüsanter Artikel in englisch. Travel Wankers werden diese speziellen Reisenden genannt, die nicht nur viel reisen, sondern überzogen damit prahlen und andere niedermachen. :-)
geotie 04.08.2014
5. yoooh
Ich habe Norwegen mit dem Fahrrad bereist und habe mir viiiiiel Zeit dafür genommen. Es war herrlich! Später bin ich mit dem Auto gefahren und musste feststellen, es gab keine Verbindung mehr mit dem Land, der Natur, kein Gefühl für den Regen, den Sonnenschein oder dem Schnee. Ich sag mal, wer den Stempel im Pass sucht, wird eine Menge an Stempel finden. Mir reichen einige wenige Länder, aber dafür intensiv.
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