Whitsunday Islands Laut lacht der Kookaburra

Wer es schon ans andere Ende der Welt schafft, sollte von der australischen Ostküste aus auch auf die Whitsunday Islands übersetzen. Der Ngaro Sea Trail führt Wanderer und Paddler durch fantastische Natur zu den Stätten der Ureinwohner.

Tourism and Events Queensland / TMN

Stünden nicht ein Zaun und Schilder vor der Höhle, könnte man die roten Zeichnungen an der Felswand für die Graffiti mäßig begabter Jugendlicher halten. Manche sehen aus wie karierte Ballone, andere wie Wellenlinien. Aber sie sind uralte Kulturschätze.

Vor wahrscheinlich 2000 Jahren kauerte ein Aborigine vom Volk der Ngaro in der Höhle, tauchte seine Finger in Ockerpulver und zog Striche über den Fels. Was seine langsam verblassende Kunst ausdrückt, kann heute keiner mehr sagen. Die Ngaro mussten die Whitsunday Islands vor Jahrhunderten verlassen. Ein Weg folgt den Spuren der frühen Inselbewohner.

Die Whitsundays sind spätestens seit der viralen Kampagne berühmt, mit der das Tourismusministerium des australischen Bundesstaats Queensland 2009 weltweit nach Bewerbern für den "Best Job in the World" suchte: ein Jahr als Ranger auf den 74 Inseln vor der australischen Ostküste zu arbeiten.

Doch man muss nicht erst als Naturhüter anheuern - die Whitsundays sind auch so ein traumhafter Stopp: weiße Strände, grüne Hügel, türkisfarbene Buchten. Segelboote schippern Rucksackreisende und andere Urlauber ab Airlie Beach für ein paar Tage durch die Inselwelt. Von den ersten Bewohnern des Archipels hat allerdings kaum ein Tourist gehört.

Ein Netz aus Kajakrouten und Wanderwegen

Das will der Ngaro Sea Trail - ein Netz aus Kajakrouten und Wanderwegen - ändern. "Der Weg führt auf die Gipfel der Inseln und zu wichtigen kulturellen und historischen Stätten", sagt Damien Head, Direktor der Nationalparks.

Manche Pfade sind nur wenige Hundert Meter lang, andere sind steile Anstiege wie jener auf den 437 Meter hohen Whitsunday Peak, für den Ranger 990 Stufen gebaut haben.

Einer der kürzesten, aber interessantesten Wege beginnt am Nara Inlet, einer tief eingeschnittenen Bucht auf Hook Island. Durch trockenen Busch führt er vom Ufer bergauf zu der Höhle mit den Felsmalereien. Am Wegesrand erklären Stelen Lebensweise und Geschichte des Aborigine-Volks, das einst in Kanus aus Baumrinde von Insel zu Insel paddelte.

Wenn die Regenbogenschlange Eier legt

Die Ngaro haben ihre Geschichte nie schriftlich aufgezeichnet, ihre mündlichen Erzählungen gaben sie am Lagerfeuer weiter. Geschichten wie jene von der Regenbogenschlange, die in der Traumzeit durch das Meer schwamm und dabei Eier legte: die Whitsundays.

Vor mindestens 9000 Jahren kamen die Ngaro auf die Inseln, die Gipfel einer versunkenen Gebirgskette sind. Zunächst besuchten sie sie nur gelegentlich: um Nahrung zu suchen. Sie sammelten Yams und Burdekin-Pflaumen, Mangrovenkrabben und Muscheln, fischten mit Netzen und Angelhaken aus Schildkrötenpanzer. Schließlich blieben sie.

Im Nara Inlet wurden damals viele Krieger der Ngaro zusammengetrieben und getötet. Es war das Ende eines blutigen Konflikts zwischen den Ureinwohnern und den Eroberern aus Europa.

Er begann am 3. Juni 1770. An diesem Tag ließ James Cook vor den Inseln Anker werfen. Einem Pfingstsonntag, auf Englisch: Whitsunday. Cook sagte später, die Ngaro seien die größten Aborigines, die er je gesehen habe. Auf jeden Fall gehörten sie zu den widerspenstigsten. Nachts kletterten sie auf ankernde Schiffe, um sie zu sabotieren oder gleich die Mannschaft zu massakrieren. Die Rache der Europäer war gnadenlos.

Als Wanderer muss man keine Touristenmassen fürchten

Viele Besucher, die heute von den Segelbooten in der Nachbarbucht abgesetzt werden und zum Aussichtspunkt über den Hill Inlet spazieren, wissen nicht, dass sie gerade auf dem Ngaro Sea Trail unterwegs sind. "Die meisten, die den Weg bewusst machen, sind Kajakfahrer", sagt Damien Head.

Das hat auch Vorteile. Als Wanderer zu Land hat man oft eine Insel für sich allein. Oder zumindest fast. An diesem Tag ist ein Mountainbiker in das Wassertaxi nach South Molle Island eingestiegen. Von Shute Harbour braucht das Stahlboot nur zehn Minuten, dann senkt sich die Landungsklappe auf den Strand. Auf der Insel verläuft das längste Teilstück des Ngaro Sea Trail an Land. Und das einzige, auf dem auch Radler fahren dürfen.

"Ich habe in einem Mountainbike-Magazin eine Story über den Ngaro Sea Trail gelesen", sagt Rob Gelczak, während er sein Rad über Sand und abgebrochene Korallenstücke schiebt. Er ist mit seiner Familie aus dem Bundesstaat New South Wales angereist. Frau und Tochter sind im Resort geblieben. "Zu anstrengend für sie", sagt er.

Je höher man steigt, desto schöner werden die Ausblicke

Auch wenn der Weg einfach ist und gemächlich über Grashügel ansteigt, auch als Wanderer gerät man in der Hitze des australischen Frühlings schnell ins Schwitzen. Bekommt dafür aber großartige Ausblicke auf das türkisfarbene Meer und die grünen Hügel der Inseln. Der Blick wird umso fantastischer, je höher man steigt.

Auf dem Weg zum Spion Kop liegt die zweite wichtige archäologische Stätte des Archipels: ein Steinbruch. Hier klopften die Ngaro vulkanischen Tuffstein aus den Hängen, um daraus Werkzeuge zu machen. Ein anderer Weg führt durch fast tropischen Wald zu einem Fels, der über dem Abhang balanciert, und zum Lamond Hill. Schmetterlinge flattern umher, irgendwo lacht ein Kookaburra wie ein Äffchen, in den Ästen knabbert ein bunt gescheckter Papagei an rosa Beeren.

Der Lamond Hill ist benannt nach Henry Lamond, der bis zum Jahr 1927 seine Schafe auf South Molle grasen ließ. Dann tauschte er die Insel gegen die Milchfarm von Ernie Bauer, der ein Resort aufbaute. Eine gravierte Metallplatte auf dem Hügel erinnert an Lamonds Frau Eileen und ihren Sohn Hal. "Sie liebten beide diese Insel", steht darauf geschrieben. Man kann sie gut verstehen.

Florian Sanktjohanser/dpa/ele

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 17.11.2015
1. Whitsunday Islands
Wunderschön, jedoch, mal vorsichtig ausgedrückt, kein Geheimtipp.
ffmfrankfurt 17.11.2015
2.
Geheimtipp? Schon lange nicht mehr. Es gibt noch echte einsame Eilande im Norden und Westen Australiens.
Flying Rain 17.11.2015
3. @layer8
Geheimtipp und Geheimtipp sind nun mal zweierlei,... ich betrachte es auch als Geheimtipp wenn man z.B. Schnorchelausflüge (egal wo) dort ausmacht wo vorrangig viele Chinesen sind ;) ... Warum? Weil man dann in aller ruhe Schnorcheln kann wärend die anderen in Schwimmwesten im Pulk irgendwo rumtreiben ...
Celegorm 17.11.2015
4.
Zitat von Layer_8Wunderschön, jedoch, mal vorsichtig ausgedrückt, kein Geheimtipp.
Wer hat denn behauptet, das wäre ein Geheimtipp? Der Artikel zumindest nicht und auch sonst käme wohl niemand auf die Idee. Insofern betreiben Sie hier rhetorisches Schattenboxen. Ansonsten muss sowieso nichts ein "Geheimtipp" sein, um eine Reise wert zu sein. Das ist ja eh primär ein abgenudelter Marketingbegriff für "Reise-Hipster". Hoffnungslos Überlaufen sind die Whitsunday Islands ja grösstenteils auch nicht gerade, wie es ja eh in Australien glücklicherweise sehr viele Ort gibt, die verhältnismässig wenig frequentiert sind, solange man sich von den paar Rundreise-Hotspots fern hält.
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