Seychellen: Ökokampf unter Passionsfrucht-Ranken

Giftige Nadelbäume, eingeschleppte Wucherpflanzen und eine Rattenplage: Das Ökosystem von North Island war in den Neunzigern zusammengebrochen. Doch Umweltschützer machten aus der Seychelleninsel wieder ein Paradies für bedrohte Vogelarten, Wasserschildkröten - und Touristen.

North Island: Seychellen-Paradies reloaded Fotos
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La Digue/North Island - Den Handrücken von Jules Radegonde ziert eine lange Narbe. "Ein Andenken ans Leinenfischen", erzählt der Seychellois lapidar, "vermutlich war das ein großer Wahoo oder ein Thunfisch." Sein Hauptgeschäft ist inzwischen wesentlich weniger gefährlich. Mit seiner Freundin betreibt Radegonde vor dem gemeinsamen Haus an der dünn besiedelten Ostküste von La Digue, der kleinsten der drei bewohnten Seychelleninseln, eine kleine Saftbar. Fruchtcocktails aus Mangos, Bananen und Passionsfrüchten haben sie im Angebot, oder ganze Kokosnüsse, die sie mit der Machete aufschlagen.

Das Obst kommt aus den Gärten der Insel. Die Frucht-Cocktail-Stände ersetzen gewissermaßen die Tankstellen auf der fast autofreien Insel, wo Einheimische wie Touristen vornehmlich auf klapprigen Fahrrädern unterwegs sind - und bei ganzjährig tropisch-warmen Temperaturen reichlich Durst haben.

Radegonde ist einer von vielen, die davon profitierten, dass das Ökosystem rund um seine Heimatinsel La Digue wieder weitgehend intakt ist. Er merkt es täglich am späten Vormittag, wenn seine Lieferanten - hagere Jungs mit Metallspeer und Schnorchelausrüstung - ihm die Tintenfischration für seinen Meeresfrüchtesalat aus dem Meer bringen. Die Hummerbestände, gibt der Fischer zu, seien früher noch wesentlich größer gewesen, aber nachts, wenn sie aus ihren Felsspalten kriechen, könne man immer noch viele Krustentiere fangen.

Neben seiner Bar picken ein paar Hühner fotogen vor dem türkisblauen Meer in den ausgepressten Obstschalen. Sorgen und Probleme, das demonstrieren die Einheimischen wann immer möglich, hat niemand auf La Digue. Für die Fahrräder gibt es nicht einmal Schlösser, was zwar zu etlichen Verwechslungen bei den Urlaubern, aber eigentlich nie zu Diebstählen führt.

Treffen mit dem Nasendoktorfisch

Ein paar hundert Meter südlich von Radegondes Saftbar ist für die Drahtesel Endstation. Zu den fast menschenleeren Traumstränden in den Buchten Anse Caiman und Anse Cocos führt der Weg bei Ebbe durchs seichte Wasser. Hinter der Riffkante wartet der größte Schatz der Seychellen, und der sieht auf allen Inseln ähnlich aus: der große Fischreichtum.

Nasendoktorfische tauchen vor der Taucherbrille auf, gigantische Zackenbarsche in allen Farben und Punktierungen starren mit riesigen Augen aus ihren Höhlen. Wer Glück hat, entdeckt eine der Meeresschildkröten, die auf der Jagd nach Quallen mit langgezogenen, sachten Schlägen ihrer Vorderbeine über die Korallen rudern.

Wer sich an bunten Fischen sattgesehen hat, mehr über den Naturschutz erfahren und die Seychellen lieber oberhalb der Wasseroberfläche erkunden möchte, der sollte sich auf die westlich von La Digue liegende North Island bringen lassen und dort mit Linda Vanherck auf steile Gipfel wandern. Die Belgierin leitet das Renaturierungsprojekt auf der Insel und erzählt am liebsten unterwegs von ihrer Arbeit.

Giftköder gegen Nager

Mit dem Zusammenbruch der Kokos-Industrie war die unbewohnte ehemalige Plantageninsel völlig ihrem Schicksal überlassen. Giftige Nadelbäume, einst als Windschutz gepflanzt, und eingeschleppte Wucherpflanzen erwürgten die natürliche Vegetation, während kletternde Ratten die Gelege aus den Vogelnestern fraßen. Verwilderte Katzen, eigentlich gegen die Rattenplage auf das 201 Hektar kleine Eiland nordwestlich der Hauptinsel Mahé gebracht, labten sich lieber an den Seevögeln, und dazwischen suchten gar ein paar verwahrloste Kühe nach Fressbarem.

North Island schien von der touristischen Landkarte des Inselparadieses im Indischen Ozean für alle Zeiten verbannt. Doch 1997 begann ein südafrikanischer Luxustourismusanbieter mit dem Wiederaufbau des zusammengebrochenen Ökosystems. Fallen erlegten die streunenden Katzen, Giftköder die Nager. Mangels Beute fielen schließlich sogar die ebenfalls nicht heimischen Schleiereulen verhungert von den Palmen. "Es war nicht besonders human in diesen Tagen", sagt Vanherck heute. Die Biologin lebt und arbeitet seit 2005 auf North Island, dem Jahr, in dem die letzte Ratte verendete.

"Als wir damals durch die Wälder gelaufen sind, haben sie gestunken", erzählt sie. Schuld waren die Rattenkadaver. "Aber nachdem wir die nichtheimischen Arten getötet hatten, konnten wir mit dem schönen Teil beginnen." Die zierliche Frau mit den zum Zopf geflochtenen graublonden Haaren beginnt freudig zu strahlen. Sie erzählt, wie bedrohte Vogelarten ausgewildert werden konnten und Wasserschildkröten in den Süßwassersumpf der Insel zurückkehrten.

Mit einem Leuchten in den Augen zeigt die 49-Jährige später noch ihre Styroporbrutkästen, in denen gerade nicht einmal handtellergroße Meeresschildkröten schlüpfen. Vanherck hatte die Gelege vor dem Wegspülen mit dem jahreszeitlich immer stärker wandernden Strand gerettet.

Lektion unter Passionsfruchtranken

Finanziert wird der Weg zurück zur intakten Natur durch elf sündhaft teure Luxusvillen, die solventen Gästen auf der Privatinsel ein Robinson-Crusoe-Erlebnis in völliger Abgeschiedenheit bieten. "Rehabilitation ist phantastisch, aber jedes Stück, das man renaturiert, muss man auch unterhalten", sagt Insel-Manager Noel Cameron über das Geschäftsmodell und verweist auf die hohen Ausgaben für den Naturschutz.

Eine eigene Gärtnerei unterhält North Island dafür beispielsweise. Daneben suchen 85 der für die Seychellen so typischen Riesenschildkröten inzwischen wieder die Insel nach Fallobst ab. Doch es sind nicht nur solche Prestigeprojekte, die ins Geld gehen: Allein die Rattenfreiheit ist teuer erkauft, sämtliche Anlieferungen kommen in rattensicheren Boxen nach North Island und werden erst in einem Quarantäneraum geöffnet.

"Es geht nicht nur darum, die Vögel zurückzubringen, wir mussten natürliche Fruchtbäume pflanzen und überprüfen, ob wir genügend Bodenbewuchs für ausreichend Insekten haben", erklärt Vanherck. Mit ihrem Team schneidet sie deshalb wild wuchernde Passionsfruchtranken zurück, die in kürzester Zeit den Platz einnehmen, den gefällte Kokospalmen zurücklassen.

Das Privatreservat fügt sich damit ein in die Strategie der Regierung, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit zusätzlichen Reservaten und Schutzgebieten immer stärker auf den Naturschutz setzte. Wenn Linda Vanherck schließlich auf dem 110 Meter hohen Felsmassiv steht und ihren Blick über die tiefgrüne Insel schweifen lässt, wird in der luftigen Höhe auch ohne Worte klar, dass hier jemand sein Lebenswerk umsetzt. "Ein bisschen", sagt sie schließlich, "ist es so, als würde man Gott spielen."

Christian Selz/dpa/jus

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1. Ähnliches
auweia 02.01.2013
Zitat von sysopTMNGiftige Nadelbäume, eingeschleppte Wucherpflanzen und eine Rattenplage: Das Ökosystem von North Island war in den Neunzigern zusammengebrochen. Doch Umweltschützer machten aus der Seychellen-Insel wieder ein Paradies für bedrohte Vogelarten, Wasserschildkröten - und Touristen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/wie-umweltschuetzer-das-oekosystem-von-north-island-retteten-a-875393.html
nur nicht so schön tropisch soll ja jetzt im Südatlantik passieren. St. George Island wird hoffentlich auch rattenfrei.
2. Tristan Da Cunha...
ratz1967 02.01.2013
... auch im Südatlantik, hat dafür sogar einen Ratting-Day, in dem sich die ca. 260 britischen Inselbewohner zu Mannschaften organisieren und Ratten fangen. Prämiert werden die längsten und meisten gefangenen Rattenschwänze. Seit der Anlandung von Menschen auf dem Fregattvogel-besiedelten Eiland sind Ratten ständige Begleiter. Die Inselgemeinschaft ist ziemlich interessant, wer mal ein wenig stöbern will: www.tristandc.com
3. Verursacher all dieser Probleme ist der Mensch
stechapfel 03.01.2013
"Die Hummerbestände, gibt der Fischer zu, seien früher noch wesentlich größer gewesen, aber nachts, wenn sie aus ihren Felsspalten kriechen, könne man immer noch viele Krustentiere fangen." Jawoll, prima, weiter so, alles wegfangen, solange noch was da ist. Ratten kann man vergiften, Eulen aushungern, aber wer schützt die Insel vor der gierigen Menschheit? Genau wie auf Galapagos. Hunde einfangen und einschläfern, Ziegen abballern und sich grossartig fühlen. Aber nicht die Eier in der Hose, gegen den stetig wachsenden Zustrom von Neuansiedlern und die übermässige Vermehrung der Menschen dort nebst Umweltverschmutzung und Abwasserproduktion anzugehen. "Ein bisschen", sagt sie schließlich, "ist es so, als würde man Gott spielen." Traurig. Falsch im Beruf, würde ich sagen.
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