Wandern in Südafrika Zeitreise am wilden Meer

Kein Strom, kein Fernsehen, kein Handy: Noch vor wenigen Jahren lebten die Menschen an Südafrikas Wild Coast abgeschottet von der Neuzeit. Heute lernen Wanderer hier immer noch eine ursprüngliche Gegend kennen, in der nun originelle Herbergen auf Gäste warten.

dpa-tmn

Nqileni - Grün, saftig grün, sind die Hügel, die landeinwärts bis zum Horizont reichen und zur See hin im tiefen Blau des Indischen Ozeans abrupt versinken. Die weiße Gischt der südafrikanischen Wild Coast, dem Küstenabschnitt zwischen East London und Durban, der seinen wilden Namen nicht von ungefähr hat, sieht man erst kurz vor dem Strand. Davor wartet immer noch mindestens ein verborgenes Tal, ein steiler Abstieg und ein schweißtreibender Aufstieg. Wer hier wandern will, braucht etwas Kondition - und kommt auch nicht immer trockenen Fußes weiter.

Unzählige kleine Flüsse haben sich auf ihrem Weg zum Ozean tief in das zerklüftete Gestein eingegraben. Hinter den Zäunen der Bauernhöfe, windschiefen Gebilden aus Stöcken und Draht, geht es dann meist schon wieder steil bergab. "Wenn man einen großen Hügel erklommen hat, sieht man erst, dass noch viele Hügel mehr zu erklimmen sind", hat Nelson Mandela einmal gesagt. Südafrikas Freiheitsheld und Friedensnobelpreisträger kommt von hier, sein Heimatdorf Qunu liegt ein paar Dutzend Kilometer von der Küste entfernt.

Auch Dave Martin ist hinter der donnernden Brandung der Wild Coast heimisch geworden. Von weitem unterscheidet sich sein Anwesen nicht viel von denen seiner Nachbarn. Neben seinem kleinen umzäunten Feld steht eine aus Lehm gebaute Rundhütte. Höchstens die Solarzellen auf dem Dach wirken ungewöhnlich, doch so selten sind die im ländlichen Südafrika des 21. Jahrhunderts auch gar nicht mehr. Doch Martin sticht heraus, weil der gebürtige Kapstädter weit und breit der einzige Weiße ist.

Ein Hostel für die Dorfgemeinschaft

Auf einer Wanderung entlang der Küste hat er vor elf Jahren seine neue Heimat gefunden. Doch das klingt weniger geplant, als es eigentlich war. Der 38-Jährige ist kein vagabundierender Hippie, der einfach hängen blieb, sondern studierter Betriebswirtschaftler. Auf dem Bett im Wohn- und Schlafzimmer der kleinen Hütte liegt sein Laptop, daneben ein Aktenordner. Als IT-Experte in London hatte er genügend Geld verdient, um seine Idee "einfach zu bauen". Der Plan, der längst realisiert ist, heißt "Bulungula Lodge", ein einfaches Hostel, das einer verarmten Dorfgemeinschaft nicht nur hilft, sondern ihr gehört.

"Für mich ist das hier der einzige Fleck in Südafrika, der wie der Rest von Afrika ist", sagt er heute. Was er damals suchte und fand, waren die Reste eines Brandy-Deals. Mit diesen oft sehr wörtlich zu verstehenden Geschäften ergaunerten sich weiße Südafrikaner bis in die neunziger Jahre hinein im Tausch für etwas Hochprozentiges von den lokalen Chiefs das Land für ihre illegalen Ferienhäuser.

Als Martin 2002 nach Nqileni kam, fand er eine Welt, wie sie in einem industrialisierten Schwellenland wie Südafrika in diesem Jahrhundert eigentlich unvorstellbar scheint. "Niemand hier hatte jemals zuvor Strom gehabt, es gab kein Fernsehen, kein Radio, kein Handy. Die Leute wussten nicht, wie man einen Wasserhahn benutzt", erinnert er sich.

Entsprechend schwierig gestaltete sich der Bau der Lodge. Niemand sprach Englisch, also konnte auch keiner ans Telefon gehen und die Buchungen entgegennehmen. Vieles fehlt noch immer, doch inzwischen ist das eher der Reiz dieses Ortes als ein Hindernis. Den Strom erzeugt mangels Netzanschluss eine Solaranlage. Die Dusche wird durch eine Tasse voll Parafin heiß, das in einer Metallröhre laut vor sich hin lodert.

Nur auf den ersten Blick ein Paradies

Das Leben habe sich geändert in Nqileni, sagt Andiswa Tshayiso. Die fröhliche junge Frau war 16, als die Rundhütten des Hostels gebaut wurden. "Ich hätte nie meinen Schulabschluss gemacht, wenn die Touristen nicht hier wären", sagt sie.

Die Provinz Eastern Cape ist das Armenhaus Südafrikas. Die ländliche Idylle kann den Charme der scheinbaren Ursprünglichkeit schnell verlieren, wenn man hinter ihre Fassade schaut. In Nqileni ist das gewollt. Hier dürfen Gäste die Dorffrauen in ihrem Arbeitsalltag zwischen Maisbierbrauen und Lehmsteinproduktion begleiten und selbst mit anpacken. Man kommt ins Gespräch und versteht, dass die Region aus mehr besteht als dem langen Sandstrand und der Felsenküste dahinter, an der Jugendliche Meerbrassen und Langusten fangen.

Ein einheimischer Angler nimmt Gäste mit an seine besten Stellen. Ein Medizinmann verrät die Geheimnisse seiner Heilpflanzen und erklärt, warum die traditionelle Medizin, die eng mit dem Glauben an die Kräfte der Ahnen verknüpft ist, fernab der überfüllten staatlichen Kliniken noch immer ihren festen Platz in der Gesellschaft hat.

Doch das ländliche Südafrika wandelt sich. Das ist auch dann noch unübersehbar, wenn man Nqileni verlässt und entlang der Küste nach Nordosten wandert. Die Regierung kommt hier voran mit der Schaffung des "besseren Lebens für alle", das Mandela 1994 versprochen hatte.

Eine Herberge für Aussteiger

Die Tagesroute von der "Bulungula Lodge" zum nächsten Backpacker Hostel, dem "Wild Lubanzi", ist geprägt von wunderschönen Aussichten. Spektakulär fällt die felsige Steilküste ins Meer, ein paar Kilometer weiter wird sie schon von breiten Stränden abgelöst. Weit und breit ist hier kein Fußabdruck im Sand auszumachen. Hinter der Brandung tauchen in regelmäßigen Abständen die Rückenflossen von Glattwalen auf.

Selbst vom Nachtlager des "Wild Lubanzi" ist das Donnern der Brandung hinter den Wellblechwänden noch gut hörbar. Das vom jungen Betreiber-Ehepaar, einer Schweizerin in zerschlissenen Jeans und einem sechstagebärtigen Südafrikaner, selbst zusammengezimmerte Hostel wirkt mit seinen Hunden, Katzen, Gänsen und Hühnern wie eine Mischung aus Bauernhof und Achtziger-Jahre-Backpacker-Unterkunft.

Gegessen wird gemeinsaman einem Tisch. Platz für Prätentiöses ist in dieser klassischen Aussteiger-Herberge nicht, bedeutendste Attraktion ist die Hängematte mit Meerblick, von der sich die vorbeiziehenden Meeressäuger beobachten lassen. Den Laden schmeißen neben den Betreibern drei Freiwillige: Ein US-Amerikaner, der das südliche Afrika mit dem Motorrad bereist und hier für ein paar Wochen Pause macht, eine Architekturstudentin aus Kapstadt und ein Rasta aus Johannesburg sind gerade da.

"Es geht um den Lebensstil, den ich mir ausgesucht habe, darum, so weit weg wie möglich von einer Stadt zu leben und mein eigenes Essen anzubauen", sagt Rahel Lawrence, die einst als Bürokraft in Bern gearbeitet hat. "Das ist wichtig. Wo ich bin, ist mir relativ egal." Vor der Aussicht auf den beständig gegen die Küste rollenden endlosen Ozean mit seinen vom Wind aufgepeitschten Schaumkronen wirkt die Aussage fast undankbar. Schlecht getroffen hat sie es jedenfalls nicht.

Christian Selz/dpa/sto



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