Wintertour in der Mongolei: Flammenwerfer am Motor

Von Michael Martin

Wer echte Einsamkeit abseits der Touristenpfade sucht, sollte über einen Roadtrip in der Mongolei im Januar nachdenken. Im kältesten Monat des Jahres  trifft man bei minus 40 Grad garantiert kaum andere Reisende - muss aber zu ungewöhnlichen Methoden greifen, um den Automotor zu zünden.

Mongolei: Wintertour durch die Schneehölle Fotos
Michael Martin

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Landeanflug auf die mongolische Hauptstadt Ulan Bator. Ich blättere in meinem Reisepass, betrachte die vielen Visa und Stempel und lese auf der letzten Seite den kleingedruckten Hinweis "Zur Erhaltung der Funktionalität insbesondere...keinen extremen Temperaturen...aussetzen". Der Pilot der Aeroflot-Maschine gibt in diesem Moment die Morgentemperatur auf dem Flughafen von Ulan Bator bekannt: minus 40 Grad Celsius. Mein Pass lässt sich vom mongolischen Einreisebeamten trotzdem in den Computer einlesen, das Visum wird abgestempelt.

Der Taxifahrer ist ein warmherziger Mann und erkundigt sich in gebrochenem Englisch neugierig nach dem Ziel unserer Reise. Als ich ihm davon berichte, die Wüste im Gobi im kältesten Monat mit dem Motorrad bereisen zu wollen, sagt er nur: "Very cold." Wie auf fast allen anderen Reisen haben wir auch diesmal kein Hotel gebucht, nachdem diese im Winter in Ulan Bator sowieso leer stehen. Weder ausländische Experten noch Touristen wagen sich im Januar in die frosterstarrte Mongolei. Während der folgenden zwei Wochen sollten wir dann auch keinen einzigen anderen Reisenden treffen - und das in einem der schönsten Länder der Erde.

Um 9 Uhr ist das viele Gepäck in einem Mittelklassehotel verstaut und es wird endlich hell. Mit einem Taxi geht's zum Containerbahnhof, wo mein Motorrad seit einer Woche lagert. Es ist in den letzten beiden Monaten in einem Container der Pan-Europa-Spedition mit der Transsibirischen Eisenbahn von Baden-Württemberg nach Zentralasien gerollt. Die Abholung des Motorrads dauert keine halbe Stunde, dann ist die BMW-Maschine auf einem Kleinlaster verstaut und es geht zurück zum Hotel.

Bereit für die Kälte

Nun heißt es zwei wintertaugliche, geländegängige Autos für meine beiden Freunde Jörg Reuther und Ralf Leistl finden, die mich als Fotograf und Kameramann begleiten. Das erste Teilstück bis zum Rand der Wüste Gobi werde ich in einem der Autos mitfahren, es muss also auch noch Platz für das Motorrad haben.

Die beiden in Ulan Bator schon viele Jahre ansässigen Reiseagenturen Nomadstours und Mongolia Expeditions haben bald zwei Fahrer gefunden, die trotz der extremen Temperaturen bereit sind, uns in ihren russischen "Furgon"-Bussen durch die winterliche Gobi zu fahren. Außerdem vermitteln sie uns den deutsch sprechenden Übersetzer Tulga und den ortskundigen Guide Jaya.

Nachdem das Motorrad mit einigen Mühen in einem der Busse Platz gefunden hat, sind wir am Abend unseres ersten Reisetages bereits startklar. Wieder einmal zeigt sich, dass man auch komplizierte Reisen nicht unbedingt von Deutschland aus planen muss. Vor Ort lassen sich die Verhältnisse viel besser einschätzen. Nur bei der Ausrüstung haben wir nichts dem Zufall überlassen. Ohne warme Schlafsäcke, sturmsichere Zelte und arktiserprobte Kleidung würde unsere Reise zu einem Horrortrip werden. "Ihr wisst, was euch erwartet?", fragt Helge Reitz, der deutsche Inhaber von Nomadstours, noch einmal besorgt nach.

Ulan Bators neuer Wohlstand

Abends haben Jörg, Ralf und ich endlich Zeit, Ulan Bator ein wenig zu erkunden. Wie hat sich dieser Ort verändert! Als ich 1982 als Abiturient auf dem Schienenweg von Peking nach Ostberlin fuhr, erlebte ich Ulan Bator als das Herz der Finsternis. Die Mongolei war von der seit 1921 andauernden sowjetischen Besatzung geprägt und war ähnlich isoliert wie heute Nordkorea.

Im Jahr 2002 kehrte ich in die Mongolei zurück und erlebte ein Land, das sich wirtschaftlich langsam erholte und seinen Platz in der Staatengemeinschaft suchte. Heute zeugen moderne Wolkenkratzer, schicke Cafés und Geschäfte von neuem Wohlstand, der auf die Ausbeutung der enormen Kohle- und Kupfervorräte zurückzuführen ist. Allein die nächstes Jahr anlaufende Förderung in der größten Kupfermine der Welt soll das Bruttosozialprodukt der Mongolei um 30 Prozent steigern.

Die Infrastruktur kann mit dem Wirtschaftswachstum nicht mithalten. Während es landesweit kaum Straßen gibt, bricht der Verkehr in Ulan Bator jeden Tag aufs neue zusammen, die vielen Kohlekraftwerke nehmen den Bewohnern der Hauptstadt im Winter den Atem.

Am nächsten Morgen verlassen wir Ulan Bator in der Morgendämmerung und nehmen die Piste nach Dalandzadgad, 500 Kilometer südlich am Ostrand der Gobi gelegen. Die Sonne geht gerade auf, als wir die Stadt hinter uns lassen, die Landschaft ist schlagartig traumhaft schön: Die sanften Hügel sind verschneit, der Himmel leuchtet blau, die orange strahlende Sonne hat die Temperatur auf minus 35 Grad steigen lassen.

Ein Auto pro Stunde

Den ganzen Tag fahren wir in einer schmalen Schneespur nach Süden, es ist kaum zu glauben, dass wir auf einer wichtigen Überlandverbindung unterwegs sind. Mehr als einem Auto pro Stunde begegnen wir nicht, Ortschaften gibt es keine, nur ab und zu stehen Jurten im Schnee, um die herum Schafe und Ziegen im Schnee grasen. Nachmittags sehen wir zum ersten Mal Kamele, die Wüste Gobi beginnt.

Abends haben wir 200 Kilometer geschafft und erreichen bei Einbruch der Dunkelheit den kleinen Ort Delgertsogt. Unser Führer Jaya hat dort einen Freund, in dessen Jurte wir zu siebt auf dem Boden schlafen können. Ein stählerner Ofen sorgt für T-Shirt-Temperaturen, umso brutaler empfinden wir die Außentemperaturen am nächsten Morgen.

Die beiden Fahrer Gerle und Tsseren liegen unter den Fahrzeugen und versuchen bei unter minus 40 Grad eine Stunde lang die Motoren anzuheizen. Als die Sonne aufgeht, laufen endlich die Benzinmotoren und wir fahren weiter Richtung Süden. Die beiden Furgons ziehen trotz schwerer Beladung ihre Spur durch den Schnee, der umso spärlicher wird, je mehr wir in die Wüste Gobi eintauchen.

Ab und zu pausieren wir in Jurten, wo Familien Speisen und Betten anbieten. Wir sind froh, uns aufwärmen zu können, denn die Heizung der Busse ist viel zu schwach. Ich kann mir noch nicht recht vorstellen, wie ich unter diesen Bedingungen Motorrad fahren soll. Am Abend in Dalandzadgad angekommen, parken wir die Autos samt Motorrad in einer geheizten Werkstatt. Das Motorradabenteuer "Gobi im Winter" soll am nächsten Morgen beginnen.

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1. Ultimative Reisetipps
Ylex 30.01.2012
Zitat: „Wer echte Einsamkeit abseits der Touristenpfade sucht, sollte über einen Roadtrip in der Mongolei im Januar nachdenken. Im kältesten Monat des Jahres trifft bei minus 40 Grad garantiert kaum andere Reisende...“ Ehrlich nicht? Hätte ich ja nicht gedacht. Das sind so diese ultimativen Reisetipps, auf die man gerade noch wartet – ich kauf‘ mir demnächst ne Schubkarre mit Außenbordmotor, dazu ein paar Jutesäcke und dann ab in die Sahara, Sand holen.
2.
Ausfriedenau 30.01.2012
Zitat von YlexZitat: „Wer echte Einsamkeit abseits der Touristenpfade sucht, sollte über einen Roadtrip in der Mongolei im Januar nachdenken. Im kältesten Monat des Jahres trifft bei minus 40 Grad garantiert kaum andere Reisende...“ Ehrlich nicht? Hätte ich ja nicht gedacht. Das sind so diese ultimativen Reisetipps, auf die man gerade noch wartet – ich kauf‘ mir demnächst ne Schubkarre mit Außenbordmotor, dazu ein paar Jutesäcke und dann ab in die Sahara, Sand holen.
Super Kommentar; herzlich gelacht! Die Mongolei ist wirklich eine Reise wert. Ein wunderschönes Land, aber eine selten blöde Idee, dieses im Winter mit dem Motorrad zu durchqueren.
3. Gute Idee
panzerknacker51 30.01.2012
Zitat von YlexZitat: „Wer echte Einsamkeit abseits der Touristenpfade sucht, sollte über einen Roadtrip in der Mongolei im Januar nachdenken. Im kältesten Monat des Jahres trifft bei minus 40 Grad garantiert kaum andere Reisende...“ Ehrlich nicht? Hätte ich ja nicht gedacht. Das sind so diese ultimativen Reisetipps, auf die man gerade noch wartet – ich kauf‘ mir demnächst ne Schubkarre mit Außenbordmotor, dazu ein paar Jutesäcke und dann ab in die Sahara, Sand holen.
Noch besser ist Resozialisierungstrip für jugendliche Straftäter: Sand FEGEN, genug gibt's da ja...
4.
leser008 31.01.2012
Zitat von AusfriedenauSuper Kommentar; herzlich gelacht! Die Mongolei ist wirklich eine Reise wert. Ein wunderschönes Land, aber eine selten blöde Idee, dieses im Winter mit dem Motorrad zu durchqueren.
Wirklich lesenswert der Artikel. Aber ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, warum man im Winter in der Mongolei Motorrad fahren muss. Vielleicht weil es sonst keiner macht ? Ich bin früher mit dem Motorrad mehrere Winter komplett durchgefahren. Praktisch jeden Tag. Alles über 10 km und unter 5 Grad Minus ist ziemlich ungesund.
5. Auch mit Mountain Bike ein unvergessliches Erlebnis
wolfgang minderjahn 31.01.2012
Zitat von YlexZitat: „Wer echte Einsamkeit abseits der Touristenpfade sucht, sollte über einen Roadtrip in der Mongolei im Januar nachdenken. Im kältesten Monat des Jahres trifft bei minus 40 Grad garantiert kaum andere Reisende...“ Ehrlich nicht? Hätte ich ja nicht gedacht. Das sind so diese ultimativen Reisetipps, auf die man gerade noch wartet – ich kauf‘ mir demnächst ne Schubkarre mit Außenbordmotor, dazu ein paar Jutesäcke und dann ab in die Sahara, Sand holen.
Von Resident in Thailand:Nicht unbedingt im Winter aber auch im Juni war die menschenleere Mongolei ein unvergessliches Erlebnis fuer Rudi Bermuehler und mich ....aber auf einem MTB quer durch die Berge > mehr siehe https://picasaweb.google.com/109482321855113880256/MongoliaMTBParadise
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Zur Person
Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de

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