WM-Stadt Kapstadt Die Schöne und ihre Geheimnisse

Die WM-Gruppen sind ausgelost, in sechs Monaten strömen Fans aus der ganzen Welt nach Südafrika. SPIEGEL ONLINE porträtiert die Austragungsorte der Partien. Zu Beginn: Kapstadt - mit seinem von deutschen Architekten entworfenen Stadion.

Von Karl-Ludwig Günsche


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WM-Stadt Kapstadt: Vom Tafelberg bis zur Geheimtipp-Bucht
Über Kapstadts Highlights gibt es keine Diskussionen. Die weißen Traumstrände von Clifton und Camps Bay, die Gefängnisinsel Robben Island, das Kap, die Pinguine, die Waterfront, der legendäre District Six, die Touristenmeile auf der Long Street, selbst der botanische Garten "Kirstenbosch" - alles alt bekannte "must to see" für Besucher. Auch ein Ausflug in die Winelands mit den historischen Weingütern gehört seit Jahren zum festen Programm für jeden Kapstadt-Fan. Und dann ist da natürlich der Tafelberg. Jede Schlucht, jeder Grat, jeder Weg ist in Reiseführern beschrieben, von Millionen Touristen aus aller Welt erlebt und zum Teil erlitten. "Landmark" nennen die Briten ein solches Wahrzeichen, das das Gesicht einer Stadt prägt.

Doch inzwischen gibt es ein neues Wahrzeichen, das aus Kapstadts Silhouette nicht mehr wegzudenken ist, das dem Tafelberg zwar nicht ernsthaft Konkurrenz macht, die Postkartenmotive Kapstadts aber künftig mitbestimmt: das von dem deutschen Architektenteam Gerkan, Marg und Partner gebaute Green-Point-Stadion.

Keine andere Arena für die Fußball-WM 2010 war so umstritten. Zu teuer, sagte Helen Zille, als sie 2005 Oberbürgermeisterin wurde - und ließ das Projekt erst einmal stoppen. Zu umweltfeindlich, mahnten Naturschützer, die um die Erholungsflächen an Kapstadts Seepromenade fürchteten. Zu bürgerfremd, klagten Anwohner, die um ihren Golfplatz bangten. Zu gewaltig, mäkelten Ästheten, die das vertraute und weltweit bekannte Kapstadt-Panorama in Gefahr sahen. Es gab Auseinandersetzungen vor Gericht, Debatten in den Medien und Streit unter den Politikern. Doch nun steht das Stadion da, viel teurer als veranschlagt und viel schöner als erwartet. Und sogar Skeptiker und einstige Gegner geben zu: Es ist gut geraten.

Und es tut der Stadt gut. Die angrenzenden Viertel Sea Point, Green Point und Mouille Point - einst gesuchte Wohngegenden - waren im Laufe der Jahre heruntergekommen. Drogendealer und Prostituierte hatten sich angesiedelt, die Kriminalität blühte. Doch parallel zum Stadion-Neubau haben diese traditionellen Wohngebiete des Kapstädter Bürgertums langsam wieder zu sich selbst zurückgefunden. Die Häuser sind herausgeputzt. An der Seepromenade haben Restaurants und kleine Cafés aufgemacht. Skater und Jogger finden hier ein Eldorado. An Wochenende kommen bunt gemischte Familienclans zum Picknick auf die Wiesen. Noble Hotels geben Kapstadts "Seaside" neues Flair. Rund um das Stadion ist Leben zurückgekehrt. Die Immobilienpreise - immer ein sicherer Indikator für Aufschwung - sind steil in die Höhe geschossen.

Die Stadt hat noch ihre Geheimnisse

Auch wenn die Metropole am Kap jedes Jahr von Millionen Touristen kreuz und quer erkundet, erobert und erlebt wird: Kapstadt ist mehr als Sonne, Sand und Surfen, mehr als Tafelberg, Waterfront und - neuerdings - Stadion. Die Stadt hat immer noch ihre kleinen Geheimnisse, ihre versteckten Winkel.

Ursula Stephens kennt sie fast alle und plaudert bei ihren deutschsprachigen Rundgängen "Kapstadt zu Fuß" gerne aus dem Nähkästchen, erzählt über die Stadt und ihre Menschen. Das Viertel Bo-Kaap gehört immer auf die Agenda: malerisch bunt gestrichene Häuser; ein Gewürzladen, der alle Sinne anspricht; Cafés, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint; ein kleines Museum; zehn Moscheen. Die 1794 erbaute Alwal-Moschee gilt sogar als die älteste von ganz Südafrika.

Hoch oben am Signal Hill, kurz vor der Noon Gun, die jeden Mittag Punkt zwölf Uhr abgefeuert wird, hat Zani ihr Reich. Ihrer Familie, deren Ahnenreihe bis zu den ersten Sklaven am Kap zurückreicht, gehört der "Noon Gun Tea-Room", ein muslimisches Restaurant mit phantastischer Aussicht und kap-malayischer Speisekarte. Zani bietet im wahrsten Sinne Leckerbissen an: In ihrer kleinen privaten Küche kann man nicht nur lernen, wie ein richtiges kap-malayisches Curry entsteht, sondern vor allem wie Samosas zubereitet werden. Wer jemals versucht hat, die mit Gemüse oder Fleisch gefüllten Teigtaschen so zu falten, dass sie im siedenden Öl nicht wieder auseinander fallen, weiß, wie schwer es ist. Zani geht das leicht von der Hand - und spätestens beim dritten Versuch schaffen es auch ihre Kochschüler.

Auch Bakoven gehört (noch) zu den Geheimtipps. Nur einen Steinwurf von Camps Bays bevölkerten Palmenstrand entfernt, ist das eine Bucht, in der sich Anwohner zum Sundowner treffen. Familiär geht es zu. Kinder spielen am steinigen Strand, Hunde plantschen im Wasser. Es wird viel geredet und laut gelacht. Wenn die Sonne dann sinkt, werden die Sektflaschen rausgeholt. Alkohol am Strand ist in Südafrika streng verboten. In Bakoven schert das niemanden. Man kennt sich.

Der stilvollste Platz, den Sonnenuntergang zu genießen, ist derzeit allerdings das "Roundhouse" in Camps Bays Glenn - entweder bei einem Gourmet-Menü oder mit einem Picknickkorb mit hausgemachten Leckereien. 1756 ist das Anwesen als Jagdhaus für Lord Charles Somerset erbaut worden. In den vergangenen Jahren verfiel es immer mehr. Doch rechtzeitig zur Fußball-WM ist auch das Roundhouse in alter Schönheit erstanden.



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