In 21 Tagen durch Russland Rasur auf dem Rennrad

Niemand hat Russland schneller auf dem Fahrrad durchquert als der Österreicher Wolfgang Fasching. In drei Wochen legte er 10.000 Kilometer zurück und überwand 80.000 Höhenmeter.

Gregor Hartl Fotografie

Von Luzia Tschirky, Moskau


Wolfgang Fasching kippt Wasser aus einer Getränkeflasche in die Newa, den Fluss von St. Petersburg. 21 Tage zuvor und 10.000 Kilometer weit entfernt hatte er sie von Meereswellen des Pazifischen Ozeans vor Wladiwostok füllen lassen. Er wankt, sein Gang ist gestelzt, die Anstrengungen haben ihm Wetter und Sonne ins Gesicht gezeichnet.

Das Abenteuer, Russland in Rekordzeit auf dem Fahrrad zu durchqueren, ist vollbracht: "Ich kann das alles noch gar nicht verarbeiten", sagt Fasching, 47, gebürtiger Steirer. Von Wladiwostok, Irkutsk, Nowosibirsk nach Moskau fuhr Fasching mit höchstens drei Stunden Schlaf in der Nacht, durchquerte mehrere Zeitzonen. Im Schnitt legte er bei seine "Coast to Coast"-Tour 470 Kilometer pro Tag zurück, je nach Strecke auf dem Rennrad oder Mountainbike.

Russland habe ihn "sehr positiv überrascht", sagt Fasching. In seiner Heimat Österreich gebe es viele Vorurteile gegenüber dem Land. "Die Leute hier sind sehr herzlich, auch wenn sie hin und wieder ein bisschen finster blicken."

Löcher in den Straßen, unzählige Baustellen und schlechter Belag machten die Tour beschwerlich. Seine Hände schmerzen noch von den ständigen Schlägen. "Die Straße hat ständig große Konzentration erfordert, einfach so dahinzuradeln, war nicht möglich", sagt er.

"Russland ist definitiv kein Fahrradland"

Aber ans Aufgeben habe er nie gedacht: "Sah ich ein Loch in der Straße, war es auch noch so groß, bin ich einfach darüber hinweggefahren", sagt Fasching. Jede Kurve, jedes Ausweichen bedeutete Zeitverlust. Und Zeit ist zu kostbar bei einer Tour, die als Weltrekord angemeldet ist. Dafür hat er auch auf dem Rad gegessen, dabei meist Flüssignahrung mit vielen Kalorien zu sich genommen. Selbst zum Rasierer griff Fasching fahrend. Torturen kennt er: Zuvor hat er im Rekordtempo schon Australien und Nordamerika durchquert, außerdem die Seven Summits bestiegen, die sieben höchsten Berge der sieben Kontinente.

Mehr Mühen als die schlechten Straßen bereitete der russische Verkehr: "Hätte ich gewusst, was da auf mich zukommt, ich weiß nicht, ob ich losgefahren wäre", sagt Fasching. Die Fernstraßen zwischen Wladiwostok und St. Petersburg sind nicht für Fahrräder, sondern Schwerverkehr gebaut. "Russland ist definitiv kein Fahrradland", sagt der Extremsportler. Von Teilen der Strecke würde er Touristen abraten.

Bei einer Kreuzung wurde Fasching von einem Lada angefahren, trotz Vollbremsung konnte er einen Zusammenstoß und einen halben Salto nicht vermeiden und schürfte sich die Haut auf. "Ich wurde zuvor 'Superman' genannt, aber in Momenten wie diesem Unfall realisierst du, dass du als Mensch und nicht als Maschine auf dem Rad sitzt", sagt Fasching. Der Autofahrer habe Fahrerflucht begangen. Fasching hatte noch Glück: Wenige Tage nachdem er seine Tour am Pazifik gestartet hatte, wurde in der Nähe von Moskau ein US-Amerikaner auf einem Liegefahrrad von einem betrunkenen Lastwagenfahrer überfahren und starb.

Alleine loszuradeln wäre Fasching nicht in den Sinn gekommen. Zu hoch sei das Risiko. Ständig begleitete ihn ein zwölfköpfiges Team aus Ärzten, Physiotherapeuten, Fahrern und Fotografen. Um den Radfahrer vor dem Verkehr zumindest ein bisschen abzuschirmen, flankierten ihn mindestens zwei Begleitwagen. Während die Mehrtonner am Rad von Fasching vorbeibrausten, schlug ihm auf der Strecke bis zur Hauptstadt ein starker Gegenwind entgegen.

Aber für Fasching wäre es keine Option gewesen, die Strecke in die andere Richtung zu fahren, erklärt er: "Ich wollte von Asien in Richtung Heimat und Zivilisation, nicht umgekehrt." Am liebsten würde Fasching jetzt schon wieder aufs Rad steigen und jeden Tag zwei bis drei Stunden fahren. Erst so könne er sich richtig regenerieren. Das wird erst möglich sein, wenn er wieder zurück in Oberösterreich ist, bei seiner Frau und seiner Tochter.

Rückblickend auf sein Abenteuer sagt er: "Es war einfacher, als es aus der Distanz ausschaut. Ich möchte den Menschen mitgeben, dass jeder mehr erreichen kann, als er denkt."

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
yemanya 21.08.2014
1. So was von bescheuert!
Kann der nicht anders oder hat er sich rasiert, weil der Luftwiderstand in den Barthaaren ihn wertvolle Zeit gekostet hätte? Reine Effekthascherei, weil schon viele Fahrradtouren gefahren sind, auch vergleichbare, aber rasiert hat sich noch niemand auf dem Velo. Boulevards war mal ein Schimpfwort, heute ist es Mainstream.
Ivan Sorbas 21.08.2014
2.
Sympathischer Zeitgenosse. Und so aufgeschlossen!
alsi 21.08.2014
3.
wäre ja mal interessant mit wieviel Reifenpannen und Ersatzräder man da so rechnen muß wenn man nicht nur Asphaltpiste zu bewältigen hat
tentan 21.08.2014
4. Hut ab!
Gut gemacht! Hätte er russische Freunde gehabt, hätten sie ihm sowas ausgeredet. Jeder weiß, dass Russland kein Fahrradland ist. Vor allem im Fernen Osten (im Asiatischen Teil) wäre mir auch mein Auto zu schade. Zivilisation gibt es im Asiatischen Teil Russlands trotz schlecher Straßen. Aber wenn man auf dem Rennrad rasiert, kann kaum was anderes merken.
c00 21.08.2014
5.
Coole Aktion! Allerdings auch gefährliches Suchtverhalten (5 Stunden aufs Rad zur Regeneration, auch wenn das medizinisch plausibel erscheint). Was macht er, wenn der Körper nicht mehr so viel leisten kann?
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