Selbstporträts auf Wolkenkratzern Auf Kante

Die Künstlerin Jun Ahn hat sich auf Selbstporträts über dem Abgrund spezialisiert. Auf den Dächern von Wolkenkratzern vollführt die Koreanerin waghalsige Sprünge und lässt die Beine baumeln. Ein Fotoprojekt nur für Schwindelfreie.

Jun Ahn

Von Anja Tiedge


Lebensmüde ist sie nicht, darauf legt Jun Ahn Wert. Waghalsig ist es aber schon, was die Koreanerin auf Wolkenkratzern treibt: Die 32-Jährige ist Fotografin, für ihre Serie "Self Portrait" geht sie auf Hochhausdächer und macht dort Aufnahmen von sich selbst. Dafür balanciert sie auf Dachkanten oder lässt im 34. Stockwerk ihre Füße vom Fensterbrett baumeln. Auf manchen Fotos sieht es aus, als würde sie zum Sprung ansetzen.

"Ich stelle die Kamera auf Serienaufnahme und mache so lange Fotos, bis die Speicherkarte voll ist", sagt sie. Meistens ist Ahn bei ihren Aufnahmen allein, die Kamera legt sie auf den Boden oder befestigt sie an einem Geländer. "Wenn es sehr windig ist oder der Winkel schwierig, drückt meine Schwester oder eine Freundin für mich den Auslöser."

Um möglichst spektakuläre Fotos zu schießen, reist Ahn in Großstädte auf der ganzen Welt. Bisher war sie auf mehr als einem Dutzend Gebäuden, unter anderem in New York, Hongkong und in ihrer Heimatstadt Seoul. Einfach irgendwo aufzutauchen und aufs Dach zu steigen, ist oft aber nicht möglich.

Die Vorbereitungen für ein Foto dauern daher zuweilen Monate, Ahn muss Anträge stellen und auf Genehmigungen warten. Einmal verging ein halbes Jahr, bis die südkoreanischen Behörden sie auf das Dach eines Wolkenkratzers in Seoul ließen. "Dort ist es generell schwierig. Ich denke, das liegt am Konflikt mit Nordkorea." Auch in den USA sei es kompliziert, an Genehmigungen zu kommen. "Ein Wachmann erklärte mir das mit der Angst vor Terroranschlägen."

Bergsteigerausrüstung zur Sicherung

Um Behördenärger zu vermeiden, bevorzugt Ahn Hochhäuser, deren Dächer frei zugänglich sind. Das sei zum Beispiel in Hongkong der Fall. "Dort ist die Tür zum Dach aus Sicherheitsgründen meist nicht verschlossen. Normalerweise geht aber niemand da hoch, weil viele Menschen Dächer uninteressant finden oder ihnen der Weg nicht geheuer ist." Nicht selten sei der Treppenaufgang zum Dach unbeleuchtet.

Ahn hält das nicht auf. Für Angst ist bei ihrer Arbeit ohnehin kaum Platz: "Wenn ich in den Abgrund gucke, bin ich natürlich angespannt und habe Angst. Ich verspüre aber auch Freude." Von Hunderten Bildern, die ihre Kamera automatisch schießt, verwende sie letztlich nur die, auf denen sie frei und entspannt aussehe.

In manchen Fällen kommt sie ohne Sicherung aber nicht aus: "Wenn ich Bilder von meinen Füßen mache, schnalle ich mich mit Bergsteigerausrüstung an, weil ich mich weit nach vorn beuge und die Ausrüstung schwer ist", sagt die zierliche Fotografin. "Bei Ganzkörperaufnahmen bin ich aber ungesichert."

Ihr erstes Abgrundfoto machte Ahn 2008, als sie in New York Fotografie studierte. "Ich saß auf der Fensterbank meines Apartments im 24. Stock und schaute über die Stadt, als mich das merkwürdige Gefühl überkam, dass meine Jugend zu Ende geht." Wie es nach dem Studium weitergehen würde, war für die damals 27-Jährige ungewiss. "Plötzlich passte alles zusammen: Das Gebäude hinter mir symbolisierte die Vergangenheit, die Skyline vor mir die Zukunft. Und der leere Raum unter mir war das Hier und Jetzt."

Das Foto, das sie daraufhin von ihren Füßen über dem Abgrund schoss, war der Beginn ihres Projekts. "Die meisten Menschen finden es toll, sich die Skyline einer Stadt von oben anzuschauen. Deshalb gibt es ja so viele hohe Hotels und Bürogebäude. Wenn sie aber nicht in die Ferne gucken, sondern direkt nach unten, bekommen viele Höhenangst."

Recherche mit Google Street View

Dieser Gegensatz fasziniert Ahn - und die Kunstwelt: Die junge Künstlerin hatte bereits Ausstellungen in Seoul, St. Petersburg, New York und Hongkong. Gerade wurde sie von einer chinesischen Zeitung zum "Asian Artist to Watch" gekürt.

Doch es gibt auch Kritiker. Einige behaupten, ihre Bilder seien mit Photoshop bearbeitet. Ahn bestreitet das. Ein Wachmann in einem Hongkonger Wolkenkratzer wollte sie nicht aufs Dach lassen, als er begriff, dass sie ihre Aufnahmen nicht manipuliert: "Als er hörte, dass ich mich tatsächlich auf die Dachkante setzen wollte, war er schockiert. Er dachte, ich mache ein Foto und bearbeite es dann digital."

Hat sie die oberen Etagen einmal erreicht, arbeitet sie meist ungestört. "Meine Arbeit ist eine Art Performance ohne Publikum." Passanten bemerkten sie in den seltensten Fällen. "Fußgänger in Großstädten gucken meist nicht nach oben. Dafür sind sie zu sehr mit dem Verkehr und sich selbst beschäftigt."

Welche Gebäude sich am besten für ihre Fotos eignen, kundschaftet Ahn per Google Street View aus. "Dort kann ich die Beschaffenheit von Dächern erkennen und ob sich die Umgebung für ein Foto eignet. Ich klicke mich Gebäude für Gebäude durch die Straßen."

Von einigen Wolkenkratzern ist Ahn aber auch ohne digitalen Spaziergang überzeugt. "Dubai als Stadt mitten in der Wüste wirkt auf mich wie eine wahr gewordene Phantasie." Deshalb will sie unbedingt auf den beiden berühmtesten Wolkenkratzern der Stadt ihre Selbstporträts schießen. "Fotos auf dem Burj Chalifa und Burj al-Arab zu machen - das wäre ein Traum für mich."

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
m.s.schneider 14.11.2013
1. ...
Na toll, danke schön. Beim Ansehen solcher Bildern reagiert mein Körper reflexhaft mit maximalen Selbsterhaltungsmaßnahmen und zieht flugs alles nach innen, was geht. Schön ist das nicht.
juergw. 14.11.2013
2. Nicht schlecht...
Zitat von sysopJun AhnDie Künstlerin Jun Ahn hat sich auf Selbstporträts über dem Abgrund spezialisiert. Auf den Dächern von Wolkenkratzern vollführt die Koreanerin waghalsige Sprünge und lässt die Beine baumeln. Ein Fotoprojekt nur für Schwindelfreie. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/wolkenkratzer-fotografin-jun-ahn-keine-zeit-fuer-hoehenangst-a-933204.html
vielleicht kann man da mit einer High Speed Kamera den freien Fall dokumentieren..!
felisconcolor 14.11.2013
3. Es sind schon
tolle Fotos. oder sollte ich besser sagen interessante? oder... Bei einigen hab ich auch gedacht, ohwei ganz schön hoch. Aber tolle Fotos sind es trotzdem
Kalle Bond 14.11.2013
4. Alles zieht sich zusammen ..
.. wenn ich die junge Frau am Abgrund sehe. Schutzreflex? Das letzte Foto hat mich erleichtert, ein fettes Sicherungsseil :)
Obi-Wan-Kenobi 14.11.2013
5.
Zitat von sysopJun AhnDie Künstlerin Jun Ahn hat sich auf Selbstporträts über dem Abgrund spezialisiert. Auf den Dächern von Wolkenkratzern vollführt die Koreanerin waghalsige Sprünge und lässt die Beine baumeln. Ein Fotoprojekt nur für Schwindelfreie. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/wolkenkratzer-fotografin-jun-ahn-keine-zeit-fuer-hoehenangst-a-933204.html
Macht es mich zu einem Kunstbanausen, wenn ich die Bilder langweilig finde? Das hat sowas von roofing-light.
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