Work & Travel Australien erlebt Visa-Boom

Morgens Obst pflücken, nachmittags Windsurfen: Die australische Regierung hat eine Rekordzahl von Visa für Urlauber ausgestellt, die für mehrere Monate dort jobben wollen. Viele davon kommen aus Deutschland, die meisten allerdings aus Südkorea.


Australien bereitet sich auf einen Ansturm der Work-&-Travel-Gäste vor: Die Regierung rechnet mit einem jährlichen Anstieg der Besucherzahlen um acht Prozent, berichtet die australische Zeitung "The Age". Für das zurückliegende Jahr rechnen die Statistiker mit 145.000 Aufenthaltsgenehmigungen für Ausländer, die Urlaub und Job in Australien miteinander verknüpfen wollen.

Junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren erhalten in Australien eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis von bis zu zwölf Monaten. Sie arbeiten vor allem als Obstpflücker, Kellner, Schreibkraft oder Hilfsarbeiter, um ihre Urlaubskasse direkt vor Ort aufzufüllen und Kontakte zu knüpfen. Diese Visa-Regelung gilt weltweit für 19 Nationen.

Die meisten arbeitenden Backpacker kommen aus Südkorea: Australien bewilligte im zurückliegenden Finanzjahr 28.562 Visa-Anträge, sagte ein Regierungssprecher der Zeitung. Fünf Jahre zuvor kamen gerade einmal 3364 Südkoreaner in das Land. Der Grund dafür liege in der hohen Jugendarbeitslosigkeit im asiatischen Staat.

Beliebtes Ziel nach Abi oder Studium

Beliebt ist Australien weiterhin bei Jugendlichen in Großbritannien, wenngleich hier die Zahlen in den vergangenen zehn Jahren rückläufig sind. Auch viele Deutsche nutzen die Gelegenheit nach dem Ende ihrer Schulzeit oder dem Studium: Zuletzt flogen knapp 16.000 junge Leute pro Jahr aus der Bundesrepublik nach "Down Under" - sie sind die drittgrößte Gruppe der Work-&-Travel-Gäste in Australien.

Die andere Seite des Planeten ist seit vielen Jahren ein begehrtes Reiseziel für junge Leute. Eine von ihnen war Mira Bangel. Sie kehrte drei Tage nach dem Abitur ihrer Heimat Osnabrück den Rücken. Die heute 24-Jährige brach mit dem Flugzeug nach Australien auf - mit etwas Geld im Gepäck und jeder Menge Informationen über die Suche nach Arbeit- und Gastgebern. Die Auszeit bereitete sie auf eigene Faust vor: "Zum einen habe ich dadurch das Geld für eine Reiseorganisation gespart und zum anderen habe ich durch die Recherche- und Organisationsarbeit auch eine Menge gelernt", erzählt sie.

Planungs-Fallen: "Chaoten haben es schwer"

"Wer sowieso eine Veranlagung zum Chaoten hat, wird es schwer haben, das Vorhaben alleine durchzuführen", warnt Ramon Tissler vom Zentrum für Internationale Bildung und Karriere in Münster. Reisende müssten sich zutrauen, auch in schwierigen Situationen, etwa wenn sie länger keinen Job finden, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Bei der Planung des Auslandsaufenthaltes hilft vor allem das Internet: Hier erfahren künftige Work & Traveller zum Beispiel, dass sie sich ein Working-Holiday-Visum, eine Auslandskrankenversicherung und ein ausländisches Konto mit Kreditkarte besorgen müssen.

"Die Planung ist sehr einfach", findet Sabine Hopf aus Berlin. Die 52-Jährige pflegt das Online-Magazin "Reisebine", das sich auf Work & Travel-Aufenthalte in Australien spezialisiert hat. Informationen zur Flugbuchung, Jobsuche, Unterkunft und zum Gepäck werden auf der Internetseite durch Erfahrungsberichte von Menschen wie Mira Bangel ergänzt. "Ich selbst habe für meine Reise viele Menschen befragt, die mir aus ihren Erfahrungen berichten konnten", erzählt Mira. Nun gibt sie ihr Wissen gern weiter.

Angst vor erfolgloser Jobsuche fliegt mit

Sabine Hopf weiß aus Vorbereitungsseminaren, wovor sich die meisten zu Beginn der Reise fürchten: Ohne Job im Outback zu stehen. Um das Abenteuer mit einem beruhigenden Gefühl zu beginnen, rät sie, ausreichend Geld mitzunehmen. "So hat man nicht gleich Druck, wenn man erst keinen Job findet." Mira sieht die Jobsuche dagegen entspannt: "Das Land ist auf Reisende, die Arbeit suchen, eingestellt." An vielen Stellen finde man Aushänge mit Jobangeboten.

Work & Traveller können bis zu sechs Monaten bei einem Arbeitgeber bleiben. Sie verdienen umgerechnet etwa sechs bis neun Euro pro Stunde. Der Betrag variiert jedoch stark. Sabine Hopf rät angehenden Jobbern, beim Kofferpacken nicht nur an Badehose und Freizeitlook zu denken. "Für Aushilfsjobs in Restaurants zum Beispiel sollte man in jedem Fall ordentliche Kleidung und englischsprachige Bewerbungsunterlagen im Gepäck haben", rät Sabine Hopf.

Statt möglichst viel von zu Hause aus zu organisieren, sollte man besser nur grob planen, rät Mira: "Vieles ergibt sich dort von einem Tag auf den anderen." Wer seine Reise mit einer festgelegten Route beginnt und die Hostels bereits für ein halbes Jahr vorab gebucht hat, nimmt sich selbst Flexibilität. Das gilt auch für die Dauer des Aufenthalts: Ob man nun drei, sechs oder zwölf Monate wegbleibt, kann ruhig unterwegs entschieden werden.

Als Unterkunft empfiehlt sich meist das örtliche Backpackerhostel, was preislich und organisatorisch einer Jugendherberge ähnelt. "Hier findet man übrigens auch die besten Jobideen", verrät Mira. "Am besten ist es, wenn man im Waschraum auf seine Wäsche wartet und vielen Leuten erzählt, dass man einen Job braucht." Gerade in Australien, wo Sabine Hopf zufolge die meisten Work & Traveller unterwegs sind, fühle man sich schnell in einer Gemeinschaft. Mira: "Da tankt man neue Kraft für die nächste Etappe und wird mit Jobtipps und Geschichten versorgt."

reh/Stefanie Hiekmann, dpa



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