Tauchen an der "Turkia": Mein Wrack! Mein Schatz!

Von Linus Geschke

Die Badewanne des Kapitäns, Rettungswesten und der Maschinenraum: In der "SS Turkia" bringt jeder Flossenschlag eine neue Entdeckung. Das gut erhaltene Wrack im Roten Meer ist ein Traum für Taucher und leicht zu erkunden - jedoch nicht leicht zu finden.

Wracktauchen im Roten Meer: Sonnenstrahl in der "Turkia" Fotos
Sven Peks

Vom Touristenmekka Hurghada aus stampft das Tauchsafarischiff seit endlosen Stunden stur gen Norden. Immer mit zehn Knoten Geschwindigkeit, in einem ständigen Auf und Ab, bis weit in den Golf von Suez hinein. Backbord zieht die Küste vorbei. Steuerbord riesige Containerschiffe, denen ein Kapitän nicht in die Quere kommen sollte, wenn das eigene Schiff nur 36 Meter lang und aus Holz gebaut ist.

16 Taucher sind an Bord. Sie möchten zu den Ersten gehören, die an der "SS Turkia" abtauchen, einem Versorgungsfrachter aus dem Zweiten Weltkrieg, dessen genaue Lage nur unter der Hand weitergegeben wird. "Du musst jemanden kennen, der jemanden kennt, der weiß, wo das Schiff liegt und es dir auch verrät", sagt Christiane Nedwed, Inhaberin von Seawolf Diving. In diesem Fall war es, wie so oft, ein Fischer.

Es gibt weltweit in für Sporttaucher erreichbaren Tiefen nur wenige Wracks, die kaum betaucht und nahezu ungeplündert sind. Sehr wenige. Sie sind für wahre Altmetall-Enthusiasten das, was für Gollum der Ring war: ein Schatz, den man hüten will.

Die Gegend, in der die "Seawolf Soul" am Ende ihrer Fahrt vor Anker geht, ist für Touristen normalerweise nicht interessant. In der Ferne sieht man einen kleinen Ort mit verstreut liegenden Hütten, auf denen Satellitenschüsseln stehen. Ein kümmerlicher Leuchtturm reckt sich trotzig dem Himmel entgegen, daneben verläuft eine einsame Landstraße. Das trostlose Szenario ist eingebettet in eine Welt aus Sand und Geröll.

Wolken aus Fisch

Doch der Schatz, den die Taucher suchen, liegt ja nicht an der Küste, sondern unter dem Kiel ihres Schiffes, in maximal 24 Meter Tiefe. Sie steigen in ihre Ausrüstung, ein letzter Check, dann folgt der Schritt vom Deck ins Wasser.

Schon kurz nach dem Sprung wird klar, dass sich jede einzelne der rund 14 Stunden der Anreise gelohnt hat. Die "Turkia" ist eine Arche des Lebens mitten im weiten Blau des Roten Meeres. Der gut 91 Meter lange und knapp 13 Meter breite Frachter ist dermaßen von Fisch umhüllt, dass man ihn stellenweise nicht mehr sehen kann.

Ein riesiger Schwarm junger Barrakudas umkreist die Aufbauten. Sie gleichen einer pulsierenden Wolke aus silbernen Leibern, die sich in die Laderäume ergießt, um dann in Richtung der Bugspitze weiterzuziehen. Begleitet werden sie von Abertausenden Streifen-Füsiliere, barschartigen Fischen, die manches Mal durch ihre schiere Masse sogar das Sonnenlicht verdecken.

Torpedorochen liegen träge auf den Decksplanken, Rotfeuerfische kämpfen gegen Nacktschnecken und Muränen um die Aufmerksamkeit der Fotografen. Wer eine Taucherlampe dabeihat, kann die Farben der Korallen aufblitzen lassen, die nahezu jede Stelle des Schiffsstahls bedecken: ihr leuchtendes Rot, Orange und Purpur.

Weichkorallen hängen von der Reling wie Weintrauben herab, während die Gorgonien mit ihren großen Fächern selbst in geöffneten Bullaugen wachsen. Doch an keiner Stelle wird die Unberührtheit der "Turkia" so deutlich sichtbar wie im Bereich der Kombüse.

Hier liegen noch Weinflaschen und Stiefel auf dem Boden, man findet Besteck, Teller und eine Rettungsweste, die mit dem Schiffsnamen versehen ist. Es sind Dinge wie diese, die den Unterschied zwischen einem Wrack und einem Schatz ausmachen. Dinge, die mit als Erstes entwendet werden, wenn die Plünderung einer Schiffsruine beginnt, an deren Ende eine seelenlose Hülle steht.

Vom Frachter zum künstlichen Riff

Im Mai 1941 sank die "Turkia" auf ihrer Fahrt von New York nach Piräus, als im dritten Laderaum ein Feuer ausbrach. Geladen hatte sie Reifen, Kabel und Munition für griechische Soldaten, die sich den Deutschen auf ihrem Balkan-Feldzug entgegenstellten. Was im Krieg unterging, ist heute ein künstliches Riff geworden sowie ein stählernes Zeugnis dafür, dass die Natur am Ende immer der Sieger bleibt - solange der Mensch ihr nicht ins Drehbuch pfuscht.

Die letzten Minuten des Tauchgangs führen zum Bug, das senkrecht nach unten zeigt. Abgerissene Fischernetze hängen an ihm herab und geben dem Wrack ein noch mystischeres Flair. Auf dem Anker, der fest in seiner Klüse sitzt, haben sich Anemonen angesiedelt, bewacht durch orangefarbene Clownfische mit weißen Streifen an den Seiten - Kerlchen von maximal 15 Zentimetern Länge, die sich jedem potentiellen Angreifer wagemutig entgegenstellen.

Irgendwann geht die Pressluft zur Neige. Während des Aufstiegs werden die Taucher von Makrelen begleitet, deren Bäuche rundgefressen sind durch das Überangebot an Nahrung. Dann folgt der Sicherheitsstopp in fünf Meter Tiefe und ein letzter Blick zurück: Die "Turkia" ist schon wieder verschwunden, unsichtbar geworden hinter einem Vorhang aus Fisch.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Mal wieder..
mg68 06.06.2013
ein "Linus-Geschke-Artikel" zum Wegträumen, herrlich!!! Danke für den kurzweiligen Artikel und die klasse Bilder! Bleibt zu hoffen, dass der Geheimtipp noch eine Weile einer bleibt! Ob man nun bei einer typischerweise 1wöchigen Safari wohl mind. 2 potentielle Tauchtage für die An-/Rückfahrt opfern mag, nunja, aber ein höchst sehenswerter Spot augenscheinlich allemal... Wenn´s nicht am Monatsende mit der S7S auf B-D-Fahrt ginge, würde ich (mal wieder) mit Meister Linus Jobtauschen wollen...:-)))
2. Navigation ohne GPS war problematisch
w.heinlein 06.06.2013
Die Position des Frachters scheint höchst geheim und kryptisch zu sein. Es ist mir völlig schleierhaft, wie man während einer Fahrt von New York nach Piräus im Roten Meer untergehen kann. Hätten sie mal den kürzeren Weg quer durchs Mittelmeer genommen...
3. Guter Artikel
UbuRoy 06.06.2013
und endlich mal ein Autor, der in der Lage ist, Begriffe wie Propeller und Klüse etc. korrekt anzuwenden. Sehr schön, danke! Ist leider selten bei SPON.
4. Die Lebenserwartung von Geheimtips
zappa99 06.06.2013
ist in den Zeiten des Internets dramatisch gesunken. Manche meinen sogar, sie seien ausgestorben. Zumal wenn alle erforderlichen Informationen in einem appetitlichen Spiegel-Artikel prominent serviert werden.
5.
mg68 06.06.2013
Zitat von zappa99...alle erforderlichen Informationen in einem appetitlichen Spiegel-Artikel prominent serviert werden.
Na allein Fahrzeit, Richtung und Geschwindigkeit und die knappe Küstenbeschreibung dürften kaum für ne Punktlandung reichen, eher wohl die Fotografen unter den Teilnehmern, die das Bild samt GPS-Daten abgespeichert haben...könnten, wenn sie wollten...
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