Wracktauchen vor Curaçao Friedhof der Amischlitten

Korallen auf Kotflügeln, Feuerfische im Führerhaus, Schwämme auf Stoßstangen: Auf dem tiefen Meeresgrund vor Curaçaos Küste liegen Dutzende Autowracks aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Niemand weiß, wie und wann sie dorthin gelangten. Linus Geschke begibt sich auf Spurensuche.

Arne Richter

Sein ganzes Leben hat Louis Lopez Ramirez, den hier alle nur Manacho nennen, auf Curaçao verbracht. Er ist 53 Jahre alt, besitzt eine Autowaschstraße, eine Apartmentanlage und eine der besten Tauchschulen der Insel. Was auch immer Touristen über Curaçao wissen wollen, Manacho weiß es - wenn da nicht die Sache mit den versunkenen Autowracks wäre.

Rund 20 Minuten von der Hauptstadt Willemstad entfernt liegt eine kleine Bucht, Vaersenbaai, die geschützt wird durch Klippen, an deren Abhängen Kakteen wachsen. Ein einsamer Baum spendet Schatten, grobkörniger Sand knirscht unter den Füßen. Hier befindet sich der Tauchplatz "Car Wrecks", der zu den über 60 ausgewiesenen Tauchspots auf Curacao gehört. Dennoch wird er von den Tauchcentern nur selten angesteuert.

"Um von der Bucht aus zu den Autowracks zu gelangen, muss man erst knapp 20 Minuten an der Oberfläche gen Osten schwimmen, was vielen Tauchern zu anstrengend ist", sagt Ramirez. "Dazu kommt, dass die Wracks erst in einer Tiefe von 25 Meter beginnen und sich dann bis in über 50 Meter Tiefe erstrecken. Hier kann man nur mit erfahrenen Tauchern hin, und die sind selten." Wann und wie genau die Amischlitten dorthin gelangten, ist auch für Manacho ein Rätsel - und das ärgert ihn.

"Weder das Curaçao Tourist Board noch die anderen Tauchschulen haben genauere Informationen darüber", sagt er. "Man weiß nur, dass die Fahrzeuge aus den vierziger und fünfziger Jahren stammen und auf einem Leichter transportiert wurden, der von einem Schlepper gezogen wurde - mehr nicht."

Und so will sich Ramirez, während die Taucher ihren Tauchgang absolvieren, an das Telefon hängen und seine Kontakte spielen lassen. Und davon hat er viele: Auf der Antilleninsel mit ihren pastellfarbenen Häusern im Kolonialstil ist Manacho bekannt wie ein bunter Hund - wer etwas zu sagen hat, den kennt er. Wen Manacho nicht kennt, der hat auch nichts zu sagen.

Flötenfische auf dem Fahrersitz

Auf der Oberfläche markiert eine schwarze Boje den genauen Fundort. In 20 Meter Tiefe liegen dann die ersten Trümmerstücke herum, Reifen und Fahrgestelle, bevor kurze Zeit später komplette Autowracks folgen. Schwämme in Orange und Mint haben sich auf den Kotflügeln festgesetzt, durch zerborstene Windschutzscheiben wachsen Peitschenkorallen. Wo einst Fahrer und Beifahrer saßen, haben jetzt Flöten- und Feuerfische ihr Zuhause.

Die Natur hat die Fahrzeuge vollständig in Beschlag genommen und aus ihnen ein künstliches Riff geschaffen, welches von Jahr zu Jahr farbenprächtiger wird. Einzig ein paar verchromte Kühlermasken und Stoßstangen widersetzen sich noch dem Bewuchs.

Wie aufgestapelt liegen sie am Riffhang, die Buicks und die Dodges, die Limousinen und Pick-ups, hinter deren Fahrerhaus grüne Steinkorallen auf den Ladeflächen siedeln. 20 Fahrzeuge sind es sicher, vielleicht auch 30. Ein Pritschenwagen ist auf der Motorhaube gelandet, das Heck reckt sich fast senkrecht der weit entfernten Meeresoberfläche entgegen.

Er wirkt wie ein versunkenes Monument aus der Blütezeit der amerikanischen Automobilindustrie. Aus einer Zeit, als der Benzinverbrauch noch viel zu unwichtig war, um überhaupt im Herstellerprospekt erwähnt zu werden. Diese Fahrzeuge, perfekt restauriert - sie wären der Stolz jeder Automobilausstellung, ein Traum jedes Oldtimer-Fans.

Nicht weit entfernt liegt das Schiff auf seiner Steuerbordseite, welches die Plattform mit den Autos einst gezogen hatte. Warum ist es gesunken, was ist damals passiert? Die "Car Wrecks" der Vaersenbaai sind ein Tauchplatz, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Selbst der genaue Fahrzeugtyp kann oftmals nur noch von Experten bestimmt werden: Die Markenembleme sind im Salzwasser verrottet, viele Lenkräder und Details schon von Plünderern demontiert worden.

Gestohlenes Schmuggelgut?

Viel zu schnell mahnt der zur Neige gehende Luftvorrat die Taucher zum Rückzug. Über grobstollige Reifen, verbeulte Fahrzeugdächer und elegant geschwungene Hecks steigen sie langsam höher, tauchen zurück in Richtung der Bucht. Keine 50 Meter weiter stoßen sie auf ein weiteres Zeugnis des Untergangs: die Ladeplattform, deren oberes Ende in 20 Meter Tiefe beginnt und deren Ende sich in der Dunkelheit verliert.

Einer der Taucher ist Arne Richter, er hat das Schauspiel unter Wasser nur durch den Sucher seiner Videokamera erlebt. Der 28-Jährige lebt auf Curaçao und filmt dort meist Tauchanfänger bei ihren Kursen, die die Videos dann als Andenken mit nach Hause nehmen. Auch für ihn ist es der erste Abstieg zu den Autowracks. "Normal zeichnen sich die Tauchplätze rund um Curaçao ja eher durch ihre anfängergeeignete Beschaffenheit aus. Doch dieser Spot ist wirklich anders, vielleicht sogar das Spektakulärste, was ich bisher hier gesehen habe. Ein Tauchgang alleine ist viel zu wenig, um all die Eindrücke aufnehmen zu können."

An Land wartet schon Manacho und sein Gesichtsausdruck verrät nichts Gutes. Rund ein Dutzend ergebnisloser Telefonate hat er geführt und wenn jetzt noch jemand helfen kann, dann ist es Eric Wederfoort, der Besitzer der ältesten Tauchschule auf Curaçao. Der Senior mit dem Kranz schneeweißer Haare lebt in St. Michiels, nur wenige Fahrminuten von der Vaersenbaai entfernt.

Wederfoort hat zumindest zwei plausibel klingende Theorien zu bieten: "Entweder waren dies Schrottautos, die vor der Küste kostenlos entsorgt werden sollten. Oder es handelte sich - was ich eher glaube - um gestohlene Fahrzeuge, die man im Schutz der Nacht unbemerkt an Land bringen wollte. Sicher ist nur: Der Transportverbund geriet in einem Sturm und sank unweit der Küste."

Wann das passiert ist? Wederfoort ist seit 1966 auf der Insel und weiß nur, dass dies "vor meiner Zeit geschehen sein muss." Die Geschichte hinter den Wracks bleibt ebenso im Dunkel verborgen wie die Wracks selber; der Abstieg dorthin hat jedoch Suchtpotential: "Wenn es nach mir geht, könnte ich morgen schon wieder hin", strahlt Richter. "Und das Rätsel hinter den Amischlitten macht den Tauchgang für mich nur reizvoller."

Einzig Manacho wirkt nicht wirklich glücklich. Ein ungelöstes Rätsel auf seiner Insel? Das mag er so nicht stehen lassen. Er telefoniert schon wieder.



insgesamt 3 Beiträge
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mg68 26.11.2010
1. Spot kommt auf die "To-Do-Liste" :-)
Ein interessanter und -wie von Linus G. gewohnt- ein kurzweiliger Artikel zu einem Tauchspot, über den ich trotz entsprechender Curacao-Recherchen als potentiellem Urlaubsziel noch nicht gestolpert war. Sollte es mich auf die Insel verschlagen, wird dieser Spot ein "Must-Have"...Danke!
Hiddensee65 04.12.2010
2. Toller Bericht
Danke für den interessanten Tip und für die packende Geschichte: Bin im Frühjahr 2011 auf Curacao und der Platz kommt auf meine Wunschliste ganz nach oben! Auch schön, dass selbst SPON nicht jedes Rätsel klären kann: so empfinde ich die Wracks als noch spannender :-)
Brianelli 14.02.2011
3. Car-Wrecks, Curacao
Ganz netter Tauchplatz. Leider sind viele Autos schon sehr zerfallen und kaum noch als solche zu erkennen. Wer Interesse an Videoaufnahmen von den Car-Wrecks hat, kann sich diese unter folgendem Link anschauen: http://www.marinevideo.eu/video/1343/Car+Wrecks%2C+Vaersenbaai%2C+Curacao&media_edit=true
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