Wüste Rub al-Khali: Der Sandmann

Von Helge Sobik

Der Sand war ihr Sofa, ein Tuch ihr Tisch: Mit seiner Familie zog Ali al-Mansuri noch als Nomade durch die Rub al-Chali auf der Arabischen Halbinsel. Längst ist er sesshaft geworden. Doch er bleibt fasziniert von der größten Sandwüste der Welt - seiner Heimat.

Rub al-Khali: Windkunst im Wüstenmeer Fotos
Helge Sobik

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Beim Abendessen im Sand der Dünen gibt es nur noch zwei Geräusche. Das eine ist das Knistern des Lagerfeuers, das andere der Klang der Saiten einer Oud, eines bauchigen traditionellen Musikinstruments. Tagsüber war es nichts als ein Rauschen wie im Laubwald, das in der Luft lag - obwohl es hier in der Rub-al-Chali-Wüste keine Blätter gibt. Es war wie das Plätschern eines Wasserfalls - obwohl es hier außerhalb der Liwa-Oasen kein Wasser gibt.

Allein der Wind war schuld. Ständig sortierte er die Körnchen des Sandes neu, brachte sie zum Tanzen, saugte sie in den Himmel und ließ sie wieder fallen. Er rieb sie aneinander, scheuerte damit an den Zeltplanen und der vergessenen Mauer aus Lehm keine 200 Meter von der Feuerstelle des Abends. Nun ist der Wind gegangen und versucht sich für die nächsten paar Stunden nicht mehr als akustischer Illusionskünstler.

Ali al-Mansuriuri lauscht den tiefen Klängen der Oud, schaut versonnen in Richtung Feuerstelle und stochert mit einem Stock in der Glut. Der Mann mit dem pechschwarzen Viertagebart erinnert sich noch gut daran, als seine Eltern hier mit Kamelen und Zelten durch die Wüste zogen - und er in diesem riesigen Sandkasten weit im Hinterland von Abu Dhabi mit seinen Brüdern spielte und Tiere beobachtete: "Es gibt hier Gazellen, es gibt mancherorts sogar kleine Echsen. Die Wüste ist voller Leben. Noch heute, noch immer. Nur brauchst du einen Blick dafür - und du musst wissen, wo sie sich aufhalten."

Wie ein japanischer Ziergarten

Die Rub al-Chali ist die größte zusammenhängende Sandwüste des Planeten mit gut 650.000 Quadratkilometern Gesamtfläche. Sie reicht von den Emiraten bis weit nach Saudi-Arabien hinein, erstreckt sich bis in den Oman und nach Jemen, und sie bedeckt etwa ein Viertel der Arabischen Halbinsel.

Sie fühlt sich freundlich an, wenn sie zwischen den Fingern hindurch rinnt: kühl, fast ein bisschen klamm am Morgen, warm schon kurz danach, zu heiß am Nachmittag, um barfuß dort zu laufen. Der Sand wirkt wie geharkt, kunstvoll mit Ornamenten aus Kies versehen wie ein japanischer Ziergarten, gepflegt wie ein mit der Nagelschere gestutzter englischer Rasen: so akkurat hergerichtet, dass man die Dünen anfangs gar nicht betreten mag, um nur ja nicht das schöne Muster zu zerstören.

Dabei malt der Wind es beständig neu und überpinselt jede Fußspur in Minuten, radiert jeden Pfad einer Dromedar-Karawane binnen weniger als einer Stunde für immer aus. Er tut es mit nichts als dem Baumaterial dieser in ständiger Bewegung begriffenen Berge.

Mansuri fährt sich mit der rechten Hand über den Bart, nimmt noch einen Schluck kochend heißen Minztee mit viel Zucker, zupft seine schneeweiße Dschellaba zurecht und erzählt: "Diese Wüste ist mein Zuhause - früher ganz und gar, heute zumindest auf Zeit. Und immer im Geiste. Jedes Mal ist genauso wie damals, wie vor 30 Jahren an der Seite meiner Eltern. Als ich klein war und hier im Sand aufwuchs, spielten wir Fangen zwischen den Dünen, fuhren Achterbahn, und der Wagen war dabei der eigene Körper, wenn wir Anlauf nahmen und die Sandberge mit Karacho hinunterrutschten."

Er hat den extremen Zeitsprung binnen nur anderthalb Generationen am eigenen Leib miterlebt, den seine Heimat gemacht hat. Nomaden gibt es hier gut 250 Kilometer im Hinterland der Hauptstadt Abu Dhabi nicht mehr, und die Einheimischen sind längst in klimatisierte Häuser umgezogen. Die Orientierung verloren hat er dabei nicht - nicht als Mann der Wüste, der es gewohnt ist, keine Spuren zu übersehen und überall einen Weg zu finden. Auch den zwischen den Zeiten. Seine zwei Handys sind immer griffbereit, sein Zelt steht in der Wüste, seine Villa mit Pool in Abu-Dhabi-Stadt.

Navigieren wie auf See

Wenn Mansuri die Welt aus Sand verlässt, steigt er um in seinen 600er Mercedes, den er am Rande der Asphaltstraße bei einer Raststätte geparkt hat. Wenn er zu seiner Kamelfarm zwischen den Dünen will, sitzt er im Toyota Landcruiser. Und wenn er weiter reisen will in dieser gewaltigen Wüste, dann steigt er wieder um auf den Rücken eines Kamels. "Es ist wichtig, überall zu Hause zu sein und sich zurechtzufinden. Das erleichtert das Leben. Und es macht es vielfältiger."

Jene Täler dieser fast roten Dünen in der Rub al-Chali - der Name bedeutet "das leere Viertel" - waren das Wohnzimmer der Ahnen. Der Sand war ihr Sofa, ein ausgebreitetes Tuch aus dunkelrotem Stoff mit eingewebten Mustern der Tisch, der Sternenhimmel die Abendbeleuchtung.

Navigiert haben die Nomaden früher auf ihren Reisen zwischen all dem Sand wie auf dem Meer. "Wir haben die Karawanen anhand der Sterne gelenkt", erzählt Mansuri. "Und wenn du dich hier auskennst, dann bietet dir die Farbe des Sandes Hilfestellung, so wie der Seemann etwas aus der Farbe des Wassers über Tiefen und Untiefen und Strömungen herauslesen kann. Und die Grenze zu Saudi-Arabien erkennen wir an einer Pflanze, die schon immer nur dort wuchs und die wir al-Has nennen."

Was er heute beruflich macht? Ali hat seine Kamelfarm und beschäftigt drei afghanische Hirten, die dort in Jurten im Sand leben und sich um die Tiere kümmern. Manchmal ist Ali bei ihnen, übernachtet mit ihnen in der Wüste - am liebsten im Freien, um den Sternenhimmel zu sehen, ehe ihm die Augen zufallen.

Leerer, härter, schöner

Was Ali al-Mansuri besonders freut? "Immer wieder zuzuschauen, wie jetzt auch Fremde von weither unsere Wüste entdecken", sagt er. "Wie sie vorsichtige Schritte in den Sand machen. Wie sie die Körnchen durch ihre Finger rinnen lassen und mit dem Sand spielen. Sie sind zart zur Wüste. Weil sie beeindruckt sind von der Kraft dieser Landschaft."

Was Ali al-Mansuris Eltern heute am meisten erstaunen würde? Dass jetzt Tag für Tag Kinder in Badehose an der Stelle in einem gemauerten Swimmingpool spielen, wo sie einst ihr Lager aufschlugen - hier in der Wüste. Scheich Chalifa Bin Sajid Al Nahajan, Herrscher von Abu Dhabi, ist schuld.

Mit Multimillionen-Aufwand ließ er genau dort ein Hotel errichten, wo man am wenigsten damit rechnen würde: zwischen bis zu 200 Meter hohen Dünen, ganz im Stil einer alten Beduinen-Festung aus Lehm, mit Wachtürmen, Torbögen, mit kühlen Gängen, mit Brunnen. Und abweichend von der Tradition mit allem Luxus. Mit Schwimmbad und Feinschmecker-Restaurants. Die Phantasieburg in den Dünen der Rub al-Chali nahe der Liwa-Oasen hat tagsüber fünf Sterne und nachts Abermillionen am Wüstenhimmel.

Wenn es ruhig zugeht auf der Kamelfarm, dann ist Mansuri hier zu Besuch: um den Fremden von damals zu erzählen, als er hier in der Wüste aufwuchs. Manchmal begleitet er sie auf Ausflüge, setzt sich mit ihnen ans Lagerfeuer, isst mit ihnen gegrillte Lammspieße - und erzählt weiter.

Ist denn diese Wüste anders als andere? "Ja", sagt Ali al-Mansuri. "Nur diese ist meine." Er lacht. "Und sie ist leerer, einsamer. Härter. Und schöner." Wenn er sich entscheiden müsste zwischen gestern und heute, zwischen Zelt oder Villa, Wüste oder Stadt. Was wäre ihm lieber? "Beides", sagt er und schaut erst in die Glut des Lagerfeuers, dann auf die neue SMS im Displays des Handys.

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1. Ich kann nur...
Layer_8 30.04.2012
Zitat von sysopDer Sand war ihr Sofa, ein Tuch ihr Tisch: Mit seiner Familie zog Ali al-Mansouri noch als Nomade durch die Rub al-Khali auf der arabischen Halbinsel. Längst ist er sesshaft geworden. Doch er bleibt fasziniert von der größten Sandwüste der Welt - seiner Heimat. Wüste Rub al-Khali: Der Sandmann - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,830543,00.html)
...jedem raten mal in die Wüste zu gehen. Sahara, Takla-Makan, Namib oder Australien kenne ich ein bisschen. Macht erstmal den Kopf klar, leider dann manchmal auch empfänglich für Halluzinationen. Wüstenreligionen können dann so entstehen. Alles schon vorgekommen
2.
BoMoUAE 01.05.2012
Ein Freund von mir hat vor ein paar Monaten die Rub Al Khali zu Fuss und auf Kamelen durchwandert. Er folgte dabei dem englischen Abenteurer Sir Wilfred Thesiger, der diese Leistung Jahre zuvor ohne Absicherung von aussen vollbracht hatte. Wer mehr lesen moechte, schaut hier: http://www.adrianhayes.com oder http://http://footstepsofthesiger.com/
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