Wüste Thar in Nordindien Mein Freund, der Kranich

Die Bishnoi sind Tierflüsterer. Das Volk in der indischen Thar-Wüste pflegt Gazellen gesund und füttert Tausende Kraniche. Wer hier auf Jagd geht, bekommt den Zorn der Vegetarier und Baumschützer zu spüren.

Jutta Lemcke/ srt

Ein mongolischer Kranich weiß genau, wo er am liebsten seine Winterferien verbringt. Er breitet seine grauen Schwingen aus und fliegt in den Nordwesten Indiens, nach Jamba in die Wüste Thar. Dort lebt das Volk der Bishnoi. Sie sind die wahrscheinlich ältesten Naturschützer der Welt und bieten ihren fliegenden Freunden paradiesische Bedingungen.

Auf dem Dorfplatz im Örtchen Khichen verstreuen die Männer jeden Morgen kiloweise Hirse. Tausende von Kraniche kennen diesen Futterplatz und drängen sich dicht an dicht, um die begehrten Körnern aufzupicken. Wer will, kann sich das Spektakel von den umliegenden Hausdächern aus anschauen und muss den Kopf einziehen, wenn einer der großen Vögel einen haarscharfen Anflug auf das Gelände wagt.

Doch nicht nur die Kraniche genießen rund um Jamba besondere Zuwendung. Ganz oben auf der Liste der zu schützenden Tiere steht bei den Bishnoi die Gazelle. Wer ein Bishnoi-Haus sucht, braucht nur nach den zierlichen Vierbeinern Ausschau halten. Die sonst so scheuen Tiere grasen rund um die mit Kuhdung bestrichenen Hütten und schleppen sich sogar verwundet zu den Bishnoi, die sie gesund pflegen und bei Bedarf ins Krankenhaus in die Millionenstadt Jodphur bringen.

"Wir müssen das tun. Es ist eine der 29 Regeln, die unser Leben bestimmen", sagt Ramesh Bishnoi, der mit seiner Frau und zwei Kindern in Jamba wohnt und den Namen seines Volkes als Nachnamen trägt. "Wir sorgen für alle Tiere, sie sind unsere Gäste. In unseren Dörfern leben sogar Chinkara-Antilopen und Schwarzböcke, die sehr scheu sind und sich normalerweise vor Menschen verstecken."

Die Naturschützer profitieren von ihren Regeln

Aufgestellt wurden die 29 Gebote vor rund 500 Jahren von einem weitsichtigen Mann namens Guru Jambheshwar, der den Schutz allen Lebens in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellte. Jedes Tier, ja sogar jeder Baum, so befand Jambheshwar, müsse wie das eigene Kind behandelt werden. Die Religionsgemeinschaft der Bishnoi (übersetzt "29") folgten ihrem Guru und gingen für seine Regeln sogar in den Tod.

Amrita Devi vom Volk der Bishnoi und mit ihr 363 Dorfbewohner starben vor fast 300 Jahren, so erzählt die Überlieferung, weil sie sich schützend vor Bäume stellten. Der Maharadscha von Jodhpur wollte diese fällen lassen, um seinen Palastbau voranzubringen. Amrita stieg in die Äste eines Khejri-Baumes und weigerte sich, diesen Platz zu verlassen. Sie verharrte dort, bis die Schergen des Maharadschas ihr den Kopf abschlugen. Danach metzelten sie die anderen Baumschützer nieder. Diese Märtyrer für die Natur werden von den Bishnoi wie Heilige verehrt.

Bis in den Tod gehen die Naturschützer heute nicht mehr. Doch wer Tiere verletzt, bekommt ihren Zorn zu spüren. Wird in ihrer Gegend ein Tier erschossen oder auch nur verwundet, verfolgen sie den Wilderer, bis sie ihn gefasst und der Polizei übergeben haben. Die Bishnoi leben gut mit ihren 29 Regeln, die nicht nur den Schutz der Natur vorschreiben, sondern auch zur Hygiene, wie etwa einem täglichen Bad, mahnen.

Strenge Gebote, die in der unwirtlichen Wüstengegend von Jamba, in der das Thermometer im Sommer bis auf 50 Grad Celsius klettert und heißer Wind die Erde austrocknet, nicht immer leicht einzuhalten sind. Doch vor allem der Schutz der Khejri-Bäume hat sich über die Jahrhunderte als Segen erwiesen. Er stoppt das Ausbreiten der Wüste und beschert den Bishnoi eine bessere Ernte als ihren weniger naturliebenden Nachbarn. Außerdem halten die Bishnoi keine Ziegen und Schafe, so dass ihr Farmland vor Überweidung bewahrt bleibt.

Opium trotz Rauschmittelverbot

Denn eins versteht sich bei solch einer Tierliebe von selbst: Die Bishnoi sind konsequente Vegetarier und essen auch keine Eier. Auf gutes Essen müssen sie deshalb nicht verzichten. Ramesh Bishnoi zählt auf, was bei ihm zu Hause auf den Teller kommt: "Wir lieben Hirsebrot mit Buttermilch. Dazu essen wir Gemüsecurry aus Bohnen, Gurken, Kartoffeln und Paprika, alles in Senföl geschmort." Nach Sonnenuntergang bereiten die Bishnois keine Mahlzeiten mehr zu. "Das wäre gefährlich", sagt Ramesh, "denn es könnten Insekten ins Feuer fliegen und dabei umkommen."

Ramesh folgt wie sein Vater und sein Großvater ohne Murren allen 29 Regeln des Guru - fast allen. Auf Tabak kann er verzichten, auf Alkohol auch. Doch das Verbot von Rauschmitteln gefällt ihm, wie vielen anderen Bishnoi, gar nicht. Schon seit Jahrhunderten ist der Genuss von Opium in dieser Gegend eine feste Tradition, und das ist so geblieben. In diesem einen Punkt konnte sich der weise Guru nicht durchsetzen. Und so trinken die Bishnoi auch heute noch das aus Mohn gewonnene und in Wasser aufgelöste Opium als Willkommensgruß oder als Medizin gegen allerlei Wehwehchen.

Ausländische Gäste sind bei den Bischnoi willkommen. Ausgangspunkt für Besuche in Jamba ist in der Regel das auf einer Sanddüne errichtete komfortable Dera Dune Retreat mit Blick auf den Haupttempel der Bishnoi. Von hier aus geht es im Allrad oder ganz stilecht auf dem Kamel zu den Naturschützern, die ihre Besucher mit heißem, sehr süßem Tee empfangen und dann von ihrer Liebe zur Tieren, Bäumen und Blumen erzählen.

Jutta Lemcke/srt/abl

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
globalundnichtanders 16.03.2016
1. Hübsch
So viele Vögel.
Miere 17.03.2016
2. Ziege
Laut Artikel dürfen die Bishnoi keine Ziegen halten, aber auf einem der Fotos ist eine solche?
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