Gerade geht die Sonne auf. Die Luft ist klar, Taxifahrer lehnen an ihren betagten Taxis. Schwer bepackt verlassen wir das Flughafengebäude von Windhuk, der Hauptstadt Namibias. Zurück in Afrika.
Nach 70 Reisen ist mir der Kontinent sehr vertraut. Im Fotoprojekt "Planet Wüste" will ich Eis- und Trockenwüste vergleichen, was mich in den vergangenen Monaten schon nach Island, Spitzbergen und Grönland geführt hat (siehe Fotostrecken in der linken Spalte). Jetzt steht eine Trockenwüste auf dem Programm, die Namib.
In Grönland und Spitzbergen war Fahren auf dem Motorrad unmöglich. Umso mehr freue ich mich, in der Namib wieder damit unterwegs zu sein. Der Fotograf Jörg Reuther begleitet mich mit einem angemieteten Toyota-Pick-up, sein Knie wurde gerade operiert. Wir besorgen Vorräte für ein paar Tage, tanken voll und verlassen Windhuk schon am Vormittag.
Unser Ziel: die Dünen der Namib.
Auf der C26 geht es nach Westen. Der Teerbelag endet an der Stadtgrenze. Die Piste führt in 1600 Meter über Meereshöhe durch das einsame Hochland. Weidezäune begrenzen riesige Farmen, auf denen extensive Rinderhaltung betrieben wird. In diesen trockenen Gebieten braucht ein Rind mehr als 50 Hektar, um satt zu werden.
Nach zwei Stunden zügiger Fahrt erreichen wir den Gamsberg-Pass. Hier bricht das Hochland zur Namib hin steil ab. "Was für ein schönes Land", sagt Jörg beim Blick nach Westen, wo jenseits der Wüste der Atlantik schimmert.
Frischer Apfelkuchen in der Wüste
In engen Kurven schraubt sich die Piste hinunter und stößt nach einer weiteren Fahrstunde auf die C14. Sie führt am Ostrand der Namib entlang und gehört zu den landschaftlichen schönsten Strecken in Namibia. Die Piste ist gut zu fahren, der warme Ostwind sorgt für tiefblauen Himmel und angenehme Temperaturen.
Die Sonne ist schon gleißend hinter den weit entfernten Dünen untergegangen, als wir Solitaire erreichen. Der Ort besteht aus einem einzigen Anwesen. Eine Tankstelle und ein Laden sichern die Versorgung in einem Gebiet von der Größe Bayerns. Verstaubt und durstig steige ich vom Motorrad und freue mich auf ein Wiedersehen mit meinem alten Freund Mouse. "Michael, welcome back again!"
Ich hatte Solitaire vor 18 Jahren zum ersten Mal an genau jenem Tag besucht, an dem Mouse aus Schottland gekommen war, um seiner Schwester mit der Tankstelle und dem Laden zu helfen. Auch wenn der winzige Ort nicht mehr im Besitz von Mouses Familie ist, hat er doch seinen Charakter behalten. Wer erwartet schon inmitten der Einsamkeit der Namib frischen Apfelkuchen und selbstgebackenes Brot? Der Ruf der Ware reicht inzwischen so weit, dass Mouse neben der Tankstelle eine eigene Bäckerei eröffnen konnte. Seine Herzlichkeit macht Solitaire für viele Reisende zu einem Höhepunkt.
Geisterartige Baumstümpfe in der toten Pfanne
Wir übernachten auf dem kleinen Campingplatz, ich ohne Zelt - und werde mit einem wunderschönen Sternenhimmel belohnt. Die Milchstraße der südlichen Hemisphäre ist noch viel schöner als die über Europa. Es gibt kein Streulicht, die Winterluft ist klar. Namibia bietet im Südwinter fast immer wolkenlosen Himmel.
Wir sind schon wieder auf der Piste, als die Sonne hinter den Naukluft-Bergen aufgeht. Nach 80 Kilometern erreichen wir den Ort Sesriem am Eingangstor zum berühmten Sossusvlei, der Salz-Ton-Pfanne, ergattern einen der raren Zeltplätze und machen uns auf zur 60 Kilometer entfernten Attraktion. Sie liegt am Ende des Tsauchab-Flusses, der aus den Naukluft-Bergen kommt und manchmal so viel Wasser führt, dass die Fluten das Sossusvlei erreichen. Früher war das Naturwunder nur alle paar Jahre oder gar Jahrzehnte zu sehen, zuletzt aber öfter.
Nach einer Stunde Fahrt finden wir das Sossusvlei trocken und stark versandet vor. Jörg und ich wenden uns gleich einem meiner Lieblingsplätze in der Namib zu - dem Dead Vlei südlich des Sossusvlei, eine halbe Gehstunde entfernt hinter einer Düne.
Diese Düne verhindert, dass das Wasser vom Sossusvlei in die "tote Pfanne" weiterfließen kann, so dass die dortigen Bäume seit Generationen von der Wasserzufuhr abgeschnitten sind. Heute sind die trockenen Äste vor den gelben Dünen eines der spektakulärsten Fotomotive der Namib.
Flug über Dünenketten
Morgens darauf empfängt uns um 6 Uhr der junge südafrikanische Pilot Gerhardt am Flugfeld von Sesriem. "Perfekte Bedingungen!", ruft er. Wir hängen das Seitenfenster aus und klettern in die sechssitzige Cessna. Es geht zur Namib-Küste. In nur 50 Meter Höhe fliegen wir über die Kämme der Dünen.
Bald bitte ich Gerhardt durch Handzeichen, höher zu fliegen, um die Dünenketten besser fotografieren zu können. Das Sandmeer der Namib ist 34.000 Quadratkilometer groß, fast ein Zehntel der Fläche Deutschlands. Der stete Wechsel von südlichen und östlichen Winden hat die Dünen zu Ketten aufgetürmt, die von Norden nach Süden verlaufen.
Als wir in 300 Meter Flughöhe die Küstenlinie erreichen, verschlägt es uns die Sprache - so schön ist der Blick aus der Vogelperspektive auf Brandung und Dünen.
Nach eineinhalb Stunden landen wir wieder in Sesriem, mit mehr als tausend Bildern und 30 Minuten Film. Jetzt geht es per Motorrad und Pick-up weiter zur Küste. 300 Kilometer Piste liegen noch vor uns.
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