Yogaferien im Ashram Eine Kobra muss sich häuten

Der Weg zur totalen Entspannung führt über kuriose Körperstellungen, alternative Atemtechniken und sorgsames Toilettenschrubben. Zwei Wochen Yoga-Ashram in Südindien definieren den Begriff Urlaub neu. Autorin Uta Leidenberger war mit Leib und Seele dabei.


"Und jetzt die Wirbelsäule langsam nach hinten biegen und die Fußsohlen zur Stirn bringen." Schlangen mochte ich noch nie. Dass ich nun selbst eine formen soll, fällt mir deshalb nicht unbedingt leicht. Stöhnend liege ich mit dem Bauch auf meiner Yogamatte und versuche mich an der Königskobra: eine fortgeschrittene Variante der Kobra-Stellung.

"Ihr müsst Euch immer an das Unmögliche wagen – sonst erreicht ihr es nie!" Nalesh, der schlaksige Zwei-Meter-Yogi mit dem betörenden Kokosnussduft läuft durch die Reihen der Yogahalle und korrigiert. Wem Rückwärtsbeugen schwer fallen, den blockieren Lebensängste, die sich im unteren Rücken angestaut haben - jaaa – der sollte sich seinen Problemen einmal ganz bewusst stellen. So viel habe ich schon gelernt. Aber das hilft mir gerade nicht viel weiter. Nalesh greift meine Füße und bringt sie meinem Kopf ein deutliches Stück näher. Das reicht für heute, morgen wieder ein Stück mehr.

Seit Tagen schon verbiege ich meinen Körper im Sivananda-Yoga-Ashram bei Madurai in Südindien. Das Wunderbare: Ich fühle mich beweglich wie noch nie. Das Schreckliche: Zum ersten Mal in meinem Leben zeigt mir mein Körper deutliche Grenzen. Und das Wunderbare am Schrecklichen: Ich lerne sämtliche Muskeln, Bänder und Sehen endlich einmal aus der Innenperspektive kennen. Ich spüre die Einzelheiten an mir, die kleinen körperlichen Details.

Keine Störung durch die Realität, bitte

Yogaurlaub im Ashram ist eine Art Ferienlager. Nur gibt es tagsüber keine Badeausflüge und abends kein Lagerfeuer mit Gitarrenmusik. Denn es gibt noch Schöneres: In einem indischen Ashram ist man einzig, um zu sein. Man selbst sein, bei sich selbst sein, für sich selbst sein. Ein Ashram ist für Besucher einer dieser wunderbar friedlichen Orte, von denen es eigentlich viel zu wenige auf der Welt gibt.

Für die bis zu hundert Gäste, die hier außerhalb der festen Kurswochen an- und abreisen können, wie sie wollen, steht nur ein internetfähiger PC im Büro. Die Telefonleitung leidet noch immer an den Sturmschäden des vergangenen Monats, und auf dem ganzen Gelände herrscht Handyverbot. Was in der Welt draußen passiert, ist mir deshalb schon am zweiten Tag so unwichtig, dass ich es vergesse. Gut so – denn ich bin schwer damit beschäftigt, mich um Körper, Geist und Seele zu kümmern. Und möchte dabei nicht von der Realität gestört werden.

Verantwortung trage ich hier nur für mich und meinen eigenen kleinen Seelenfrieden. Und genau das wird zur großen Herausforderung. Bald schon bin ich zu aufgewühlt, um abends einzuschlafen und träume schlecht. Am Schlafsaal liegt es sicher nicht, denn die anderen 30 Mädchen und Frauen, mit denen ich die aus Stein, Schilfrohr und Palmblättern gebaute Hütte teile, scheinen um 21 Uhr problemlos in einen Soforttiefschlaf zu fallen.

"Don't worry, das ist ein gutes Zeichen. Eine Kobra muss sich häuten, um wachsen zu können. Genauso muss dein Geist Vergangenes verarbeiten und sich reinigen, bevor er weiter wachsen kann!" Swami Govinda, der den Ashram der Sivananda-Organisation leitet, hat für alles eine gute Erklärung.

Tiefer innerer Friede

Swamiji, wie ihn die meisten liebevoll nennen, meditiert mit uns um 5 Uhr morgens und um 7 Uhr abends. Er singt mit uns Kirtans (Sanskrit-Lieder) und erklärt in den Mittagsstunden die vedische Philosophie. Dazwischen sitzt er in seiner ausgeblichenen orangefarbenen Leinenbekleidung am liebsten unter dem Schatten des uralten Mangobaums und plaudert mit den Urlaubsyogis.

Und er strahlt: Durch die großen dunklen Augen von irgendwo ganz tief innen heraus. So, wie das jeder von uns eines Tages gerne können möchte. Tatsächlich habe ich noch nie eine derartige Verkörperung von Ruhe und Ausgeglichenheit gesehen. Nun gut, er verbringt mit seinen etwa 45 Jahren schon fast die Hälfte seines Lebens in einem Ashram, das prägt. Während meiner zwei Wochen Urlaub kann ich zumindest theoretisch erfahren, woher dieser tiefe innere Frieden kommt und ein wenig hineinschnuppern in diese Welt der Wunder.

Das Tagesprogramm ist streng. Dass man bei allem dabei ist, wird vorausgesetzt. Yogaunterricht findet zweimal täglich für zwei Stunden statt. Zwischen Brunch und Philosophieunterricht steht außerdem jeden Tag eine Stunde "Karma Yoga" auf dem Plan: der selbstlose Dienst für die Gemeinschaft, damit der Ashram sauber bleibt. Denn es gibt weder Zimmermädchen noch Hausmeister.

Diese Woche wurden mir also die Damentoiletten zugeteilt, nächste Woche werde ich helfen, den Tisch zu decken. Nein, pardon, wir essen ja auf dem Boden. Im Schneidersitz auf einem dünnen, ausgerollten Teppich, solange die Knie eben durchhalten.

Das Abspülen danach muss jeder selbst übernehmen: Aluteller und Wasserbecher, gegessen wird mit der rechten Hand. Das aktiviert die fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Ether, die je ein Finger repräsentiert. Mit diesem Bewusstsein lerne ich schnell die beste Technik des kleckerfreien Fingerschaufelns und genieße umso mehr jede einzelne Ladung des vegetarischen Potpourris.

Prana-Energie statt Nahrung

Ich merke schnell, wie gut es tut, nur zwei Mahlzeiten pro Tag zu mir zu nehmen. Mein Hungergefühl hat sich bereits nach wenigen Tagen zurückgezogen, und langsam beginne ich, die Kraft des Nicht-Essens zu spüren. Was der Körper braucht, bekommt er natürlich. Aber durch all die Yogaübungen, die wir täglich stundenlang praktizieren, gibt sich der Körper mit immer weniger materieller Nahrung zufrieden. Die Energie – eine leibhaftige Erfahrung - nimmt mein Körper verstärkt auf anderem Wege auf: Sie heißt dann Prana und wird durch verschiedene Atemtechniken bewusst.

In der zweiten Woche wage ich es dann, auf den Chai zu verzichten, der in einer riesigen Alukanne für uns Urlauber bereitgestellt wird. Nach strenger Yoga-Diät steht Schwarztee auf der Raja-Verbotsliste: Er wirkt zu anregend für den Geist, macht unruhig und erschwert die Meditation. Doch so weit bin ich wohl noch nicht und spüre schnell, dass ein kleiner Teein-Schuss immer noch nötig ist, um regelmäßig einen regen Wachzustand zu erleben.

Das sind dann übrigens auch die etwas hilflosen Momente, in denen ich durch den kleinen Laden des Ashrams schleiche und nach den süßen Sesamriegeln schiele. Aber tapfer verlasse ich ihn wieder, um nicht meine gesunde Yoga-Ernährung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Schließlich sind wir mit frischen Kokosdips, Couscous-Salaten und Mungbohneneintopf immer gut versorgt. Früchte gibt es zuhauf, Milchshakes auf Bestellung, und viele Gemüsearten reifen auf dem Ashramgelände im Selbstanbau.

Abwarten und Chai trinken

Die Tage reihen sich aneinander, immer im gleichen, mittlerweile schon so einverleibten Rhythmus. Nichts wirkt entspannender als Vertrautes. Fliegt die Zeit oder fliege ich? Ich nehme mir Zeit, darüber zu meditieren… Der Geist, der Geist kontrolliert Emotion und Körper. Zu viel Kontrolle blockiert. Klingt simpel, ist aber für Westler eine neue Erfahrung.

Ein Leben lang trainieren wir Gehirn und Geist und schleifen an der Schärfe unseres Verstandes. Und hier? Ausschalten! Lasst die Gedanken fließen: wegfließen, mit dem Strom des heiligen Ganges, auf dass uns die Gedankenflut nicht mehr den Kopf zerbricht. Volle Konzentration auf den einen einzigen Gedanken an unsere Seele. Bis wir dann mal irgendwann im Zustand der glückseligen Meditation landen.

Kurz darauf fliege ich tatsächlich – wieder nach Hause. An der Königskobra übe ich noch immer. Ich versuche sie beinahe täglich und komme unterdessen alleine gleich weit wie mit Naleshs Hilfe. Falls es tatsächlich noch restliche Lebensängste sind, die verhindern, dass ich meine Fußsohlen auf der Stirn abstellen kann, so muss ich eben abwarten, bis die Kobra sich oft genug gehäutet hat. Abwarten und Chai trinken.



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