Kunstszene von Yogyakarta: Pinselstrich für die Zukunft

Aus Yogyakarta berichtet Simone Utler

Ateliers, Galerien, Performances im Off-Theater: Die Kunstszene in Yogyakarta boomt und stellt die der Hauptstadt längst in den Schatten. Während das traditionelle Schattenspiel Indonesiens Vergangenheit konserviert, erzählen junge Künstler von den heutigen Problemen auf Java.

Kunst in Yogyakarta: Von der Tradition zur Moderne Fotos
Simone Utler

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Bayu Widodo kann in Yogyakarta ganz er selbst sein. Er sitzt im Garten einer Kunstgalerie, zieht sich seinen langen, leicht verfilzten Zopf über die linke Schulter, schiebt die Sonnenbrille auf den Kopf und deutet mit dem bärtigen Kinn auf seine tätowierten Arme: "In meiner Heimat auf Sumatra gilt immer noch das Vorurteil, dass nur Verbrecher Tattoos tragen."

In Yogyakarta hingegen sind inzwischen viele junge Menschen mit Tätowierungen zu sehen - insbesondere in der Kulturszene, zu der Widodo gehört. Der 33-Jährige ist einer der inzwischen international bekannten Künstler Indonesiens. In Sydney und Melbourne hat er seine Werke schon gezeigt, im vergangenen Jahr präsentierte er seine erste Ausstellung in Europa, im Pariser Espace Culturel Louis Vuitton.

Yogya, wie die 500.000-Einwohner-Stadt im Süden der Insel Java gern genannt wird, steckt nach Ansicht vieler Kunstkenner die indonesische Hauptstadt Jakarta als Kulturmetropole inzwischen locker in die Tasche. "Jakarta ist zu sehr Hauptstadt, da fehlt der Kontakt zu den Menschen", sagt Widodo, der seit 1997 in Yogya lebt und arbeitet. "Hier herrscht eine besonders kreative Atmosphäre, es gibt eine der besten Kunsthochschule des Landes, zahlreiche Künstlerkolonien, die miteinander in Kontakt stehen und sich gegenseitig befruchten."

Die Arbeiten der zeitgenössischen Künstler sind in den zahlreichen Galerien der Stadt zu sehen. Mehrere Dutzend sind es, hinzu kommen diverse Off-Theater, Kreativzentren und Kunsttreffs. Seit 2008 bringt ein großes Kunstforum der Stadt einen speziellen Plan heraus, die "Yogyakarta Contemporary Art Map", die seit vergangenem Jahr auch im Internet zu finden ist. Ziel ist es, Yogyas "wahre zeitgenössische Kulturerfahrung" bekanntzumachen und Locations vorzustellen, die nicht in Reiseführern zu finden sind.

Im Südwesten der Stadt - unmittelbar südlich der Mauern des Sultanspalastes und in der Nähe des touristischen Zentrums um die Jalan Prawirotaman - liegt das Herzstück der modernen Kulturszene. Hier leben viele Künstler. Wichtige Kultureinrichtungen, wie die Langgeng Art Foundation, sind hier beheimatet. Die Stiftung bietet jungen Künstlern helle und luftige Ausstellungsflächen in einem futuristischen Bau. Neben wechselnden Ausstellungen finden hier Lesungen, Buchpräsentationen und andere Veranstaltungen statt. An diesem Nachmittag sind Widodo und zahlreiche weitere Kunstschaffenden für eine Podiumsdiskussion über Kultur in Yogyajakarta hier.

Tanzperformance und Schattenspiel

Auf derselben Straße, nur wenige hundert Meter weiter östlich, liegt das Kedai Kebun Forum. Die von Künstlern betriebene Einrichtung ist Galerie, Restaurant, Kunstshop, Aufführungsort und Begegnungsstätte in einem. Wer den dicht bewachsenen Garten betritt, wird schon von Musik und lebhaften Gesprächen begrüßt, Künstler treffen sich hier gern zum Austausch. Der hinter der Restaurantküche gelegene große Raum ist Spielstätte für experimentelles Theater, Lesungen oder Tanzperformances. Hier trat auch schon der landesweit bekannte Puppenspieler Slamet Gundono auf, der eine besonders moderne und teilweise recht provokante Form des Wayang präsentiert. In seine Shows integriert er auch gern mal Kondome.

Yogyakarta gilt als Hochburg des Wayang-Spiels, des traditionellen javanischen Schattenspiels. Vor allem die älteste Form, das mit flachen Lederpuppen vor einer Leinwand inszenierte Wayang Kulit, wird regelmäßig in Museen und anderen Kultureinrichtungen aufgeführt. Die teilweise mehrstündigen Aufführungen, die traditionell mit javanischem Gesang und Gamelan-Musik begleitet werden, wirken allerdings sehr anachronistisch, fast schon verstaubt.

Trotzdem sehen viele der heutigen Kulturschaffenden ihre Wurzeln irgendwie in Wayang und Gamelan. "Aufgrund der langen Kunsttradition ist der Boden in Yogya besonders gut bereitet", sagte Ajish Dibyo. Der junge Filmproduzent veranstaltet jedes Jahr im Dezember das Jogja Asian Film Festival. "Wir versuchen damit einen Treffpunkt für Filmemacher aus dem ganzen Land zu schaffen, eine Art Schmelztiegel. Und dafür ist Yogya perfekt."

Die 1755 gegründete Sultansstadt gilt als das geistige und kulturelle Zentrum der Insel Java, Reiseführer schwärmen vom "märchenhaften Zauber des fernen Orients", vom "Relikt der monarchischen Vergangenheit" Javas. Noch heute ist das Herz der Stadt der königliche Kraton, die alte, von einem Wall umgebene Hofstadt, in der der Sultan mit seiner Familie lebt. Rund um den Palast durchzieht ein labyrinthisches Gassengewirr den Kraton. Zwischen den Ruinen der einstigen Lustgärten hängen die Menschen heute ihre Wäsche auf, spielen Kinder Fußball, suchen Katzen ihre Beute.

Galerien als Kreditgeber

In der Stadt werden nicht nur Kunstwerke geschaffen, sondern auch die Grundlagen dafür: In Yogya gibt es verschiedene Schulen für Malerei, Design, Musik und Film, hier wurde 1955 die erste Kunsthochschule Indonesiens gegründet. Wer das Indonesian Institute of the Arts (Institut Seni Indonesia - ISI) besucht hat, steht meist am Anfang einer vielversprechenden Karriere. "Am ISI gewesen zu sein, ist schon ein Qualitätsmerkmal - selbst wenn man keinen Abschluss dort gemacht hat", sagt Pius Sigit Kuncoro. Der schlaksige 37-Jährige hat an der renommierten Kunsthochschule Grafikdesign studiert und danach mit Theater- und Video-Performances experimentiert. Seit vergangenem Jahr arbeitet er vor allem mit Wasserfarben auf Papier.

Kuncoro sitzt an einem hellen Holztisch vor dem "ViaVia", einem Restaurant in der Jalan Prawirotaman, das regelmäßig zeitgenössische Kunst ausstellt, und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Er steht unter Strom, weil er mit der Vorbereitung seiner nächsten Ausstellung deutlich im Verzug ist. Im Mai 2011 zierten seine Werke die Wände des "ViaVia", Kuncoro verkaufte fast alles, was gezeigt wurde. Vier bis fünf Millionen indonesische Rupiah (knapp 330 bis 420 Euro) bekam Kuncoro pro Gemälde.

Die in Yogya lebenden Künstler stellen häufig auch in eigenen Räumen aus. So ist auch Widodos Haus, das ganz in der Nähe der wichtigen Kultureinrichtungen liegt, eine Art Multifunktionsgebäude. Der vordere Raum des einstöckigen Hauses ist zu einem kleinen Shop ausgebaut worden, in dem T-Shirts, Taschen und andere Kunstprodukte verkauft werden. Im hinteren Raum sind die Bilder des Künstlers ausgestellt, daran schließt sich das Atelier an, in dem Widodo an diesem Nachmittag mit drei Freunden Brainstorming für ein gemeinsames Projekt macht.

Die Wände sind voll mit Widodos Bildern, weitere Leinwände stehen hintereinander gestapelt am Boden. Die meist sehr düsteren Gemälde zeigen überwiegend Gesichter und Figuren, die teilweise bedrohlich wirken. Seine Arbeiten handeln vom Leben der Menschen, vom Zustand der Umwelt, von Problemen des Stadtlebens und berücksichtigen immer aktuelle Geschehnisse, wie beispielsweise den Ausbruch des Vulkans Merapi 2010. "Die Kunst aus Yogya ist dafür bekannt, dass sie den Schwerpunkt auf soziale Themen und kritische Ansätze legt", erklärt Widodo.

Der 33-Jährige kann inzwischen gut von seiner Kunst leben. "Der wirtschaftliche Boom macht auch die Kunst größer", sagt Widodo. "Viele reiche Menschen haben inzwischen nicht nur große Häuser und dicke Autos - sie leisten sich auch Kunst."

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1. Ohjesses!
Layer_8 23.05.2012
Zitat von sysopAteliers, Galerien, Performances im Off-Theater: Die Kunstszene in Yogyakarta boomt und stellt die der Hauptstadt längst in den Schatten. Während das traditionelle Schattenspiel Indonesiens Vergangenheit konserviert, erzählen junge Künstler von den heutigen Problemen auf Java. Yogyakarta: Tour durch Galerien für moderne Kunst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,833039,00.html)
Yogya, erstmalig 1990 Freaks, Ganja, Wayang Kulit (geht ne ganze Nacht, das Ramayana), Reistafel, Sate Ayam, Batik, Borobudur, Prambanan, und dann bin ich auch noch den Merapi hoch, mit Bauhelm auf dem Kopf wegen eruptierter und dann herabfallender Gesteine, Schwefelgeruch. Und jetzt kenne ich noch andere ganz spezielle Orte auf Java. Nur verrate ich die hier nicht ;) Indonesien und auch Indien sind immernoch meine bevorzugten Reiseländer
2.
Celestine Trueheart 23.05.2012
"Inzwischen" ist falsch: Jakarta war noch nie die Kulturmetropole Indonesiens. Schon immer reisten sogar Touristen entweder nach Yogyakarta oder nach Ubud auf Bali, wenn sie indonesische Kunst sehen wollten. btw. Walter Spies, Emil Nolde und der schweizerische Maler Theo Meier lebten und arbeiteten schon auf Bali; die meisten indonesischen Künstler in der bedeutenden Soekarno Collection des ersten indonesischen Präsidenten kommen aus Mittel-Java.
3. Yogyakarta
überzwerg 23.05.2012
Zitat von sysopAteliers, Galerien, Performances im Off-Theater: Die Kunstszene in Yogyakarta boomt und stellt die der Hauptstadt längst in den Schatten. Während das traditionelle Schattenspiel Indonesiens Vergangenheit konserviert, erzählen junge Künstler von den heutigen Problemen auf Java. Yogyakarta: Tour durch Galerien für moderne Kunst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,833039,00.html)
Am Sonntag gerade noch mal aus Yogya zurückgekommen, eine ganz wunderbare Stadt, immer wieder eine Reise wert. Im Gegensatz zu Bali vom Tourismus noch relativ unberührt und authentisch.
4. Jakarta...
Layer_8 23.05.2012
Zitat von Celestine Trueheart"Inzwischen" ist falsch: Jakarta war noch nie die Kulturmetropole Indonesiens. Schon immer reisten sogar Touristen entweder nach Yogyakarta oder nach Ubud auf Bali, wenn sie indonesische Kunst sehen wollten. btw. Walter Spies, Emil Nolde und der schweizerische Maler Theo Meier lebten und arbeiteten schon auf Bali; die meisten indonesischen Künstler in der bedeutenden Soekarno Collection des ersten indonesischen Präsidenten kommen aus Mittel-Java.
...eigentlich ein Horror. Das ehemalige Batavia. Abgase, Moskitos und abscheulich aussehende Monumente. Gleich erstmal nach Bogor flüchten ist dann immer meine Devise, lol. Und Ubud auf Bali ist absolut besch*ssen geworden. Genauso wie Kuta. Ich würde da mich lieber noch weiter nördlich oder östlich wagen, weg von Bali... mehr sag ich jetzt nicht mehr
5.
Kamillo 23.05.2012
Zitat von Celestine Trueheart"Inzwischen" ist falsch: Jakarta war noch nie die Kulturmetropole Indonesiens. Schon immer reisten sogar Touristen entweder nach Yogyakarta oder nach Ubud auf Bali, wenn sie indonesische Kunst sehen wollten. .
"Parijs van Java" nicht zu vergessen: Bandung
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Bevölkerung: 239,871 Mio. Einwohner

Fläche: 1.910.931 km²

Hauptstadt: Jakarta

Staats- u. Regierungschef:
Susilo Bambang Yudhoyono

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