Buschtour zu den Koalas Das Eukalyptus-Matriarchat

Janine Duffy ist so etwas wie Australiens Jane Goodall für Koalas. Touristen zeigt sie die wilde Welt der Beutelsäuger - in der Weibchen das Sagen haben.

Echidna Walkabout Nature Tours

"Wahrscheinlich nur Wallaby-Shit", sagt der Ranger mit schwarzem Hut und Fernglas. Er streckt Koalaforscherin Janine Duffy einen durchsichtigen Plastikbeutel entgegen, in dem ein brauner Klumpen liegt. Die Chefin nickt. Lieber als der Kot eines kleinen Kängurus wäre ihr die Spur eines Koalas gewesen. Duffys Smartphone piepst. Per Whatsapp meldet sich ein anderer Mitarbeiter aus dem Dickicht des You-Yangs-Naturpark. Und tatsächlich. Auf dem mitgeschickten Foto ist ein Koala zu sehen. Ein dominantes Männchen? Duffy lacht aufgeregt. Zusammen mit der Touristengruppe nimmt die 47-jährige Koalaforscherin die Fährte auf.

Rund 100 Beutelsäuger leben in der 5000 Hektar großen Wildnis südwestlich von Melbourne. Ihr Revier ist ein Labyrinth aus dünnen Eukalyptusstämmen und toten Ästen, die unter den Fußsohlen brechen. Entdecken Duffy und die Ranger einen Koala, markieren sie seinen Standort mit einer rosafarbenen Schleife.

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Buschtour in Australien: Auf den Spuren der Koalas

"Achtet auf den Boden", warnt Duffy. Der Biss der Bulldoggenameisen fühle sich an wie ein elektrischer Schock. Auch auf ein spezielles Unkraut sollen die Besucher achten. Duffy bückt sich, zupft ein paar Blätter samt flacher Wurzel aus dem Boden. "Das ist Boneseed, eine invasive Pflanze aus Südafrika, die den Koalas das Leben schwer macht", sagt sie. "Sie breitet sich schnell aus, erschwert Koalas die Fortbewegung und gefährdet das Ökosystem." .

Sex hält die Gesellschaft zusammen

Plötzlich kommt das gesuchte Männchen in Sicht. Sein Fell ist goldfarben, der Kopf groß. Er sitzt hoch oben auf einer dünnen Astgabel und umklammert den breiten Stamm eines Eukalyptusbaums. Duffy kniet sich vorsichtig auf den Boden, richtet ihre Kamera mit Teleobjektiv auf den Baumbewohner und redet ihm in leisem Singsang zu. "Ganz ruhig, genieß das Leben."

Duffy kennt jeden einzelnen Koala im Park und dessen Biografie. Bei Revierkämpfen habe sich dieses Koalamännchen einmal so stark verletzt, dass es gefangen und ins Krankenhaus gebracht werden musste. Duffy flüstert: "Er war so sauer, er hat um sich gebissen. Diese Tiere sind nicht zahm."

Bis auf zehn Meter dürfen sich Touristen ihnen nähern. Koalas sehen zwar aus wie Teddybären, doch sie können sehr aggressiv sein, vor allem in den Nächten zwischen Oktober bis März. Dann ist Brunftzeit und die Männchen stoßen laute, tiefe Lockrufe aus. Je dunkler die Laute, desto attraktiver das Männchen. "Sie müssen keine Autos reparieren, ihr einziger Job ist Sex. Ihr Penis hat zwei Eicheln", sagt Duffy. "Sex hält die Gesellschaft zusammen".

Dennoch hätten auf den Bäumen die Weibchen das Sagen. "Hier herrscht das Matriarchat!" Wenn Duffy lacht, bebt die Erde. "Will ein Weibchen nichts von einem Männchen wissen, dreht es ihm den Rücken zu. Wird der Verehrer trotzdem aufdringlich, bekommt er schnell die rasiermesserscharfen Krallen zu spüren."

Bedrohte Koalas

Wer mit Duffy im Park unterwegs ist, lernt Erstaunliches über die Welt der Koalas. Die autodidaktische Koalaforscherin mit dem breiten Cowboyhut ist nicht nur Rangerin für Touristen, denen sie mit ihrem Ökounternehmen Echidna Walkabout auf Tagestouren die Welt der Koalas zeigt. 2015 hat die lebenslustige Australierin außerdem die "Koala Clancy Foundation" zum Schutz der Tiere gegründet.

"Das hier war einmal das Paradies. Heute sind die Koalas bedroht vom Klimawandel", sagt sie. Der Park, in dem Duffy seit 25 Jahren arbeitet, gehört zum trockensten Teil des Landes südlich der Great Dividing Range, Australiens bedeutendster Gebirgskette, die das Wasser für fast den ganzen Kontinent liefert.

Um 47 Prozent hätte sich ihre Population im Park innerhalb von zehn Jahren reduziert, sagt Duffy. Gegen einen weiteren Schwund kämpft sie mit ihrem 16-köpfigen Team. Ihre Koala-Begeisterung währt schon lange. Ihren ersten Koala traf Duffy als Fünfjährige - das Tier hatte sich in einen Supermarkt verirrt. Seitdem bestimmen die Tiere ihr Leben.

Auf der Tagestour "Koalas und Kängurus" trifft die Gruppe auch den Promi unter den Beuteltieren im You-Yangs-Naturpark: "Clancy!" "Dieser Junge ist ein Superstar, ein sanfter Gigant", sagt Duffy, nimmt ihr Fernglas herunter und zeigt auf den stämmigen Koala. "Sein Beispiel zeigt, dass Charisma und Dominanz vereinbar sind. Wie bei Barack Obama oder Dalai Lama".

"Clancy" hat sogar einen eigenen Instagram-Account. Er war das erste Tier, dessen Lebenslauf Duffy akribisch dokumentierte: Im Mai 2010 geboren, am 28. November der mütterlichen Beuteltasche entschlüpft, im Dezember 2011 aus dem Elternhaus ausgezogen, "Ngardang" kennengelernt, und seit Januar 2016 Vater des Jungen "Wurdi".

Beratung bei der Namensgebung

Duffy kennt nicht nur Lebensläufe, sondern hat 1998 auch entdeckt, wie man einzelne Tiere am besten unterscheiden kann: an der Nase. Was bei uns Menschen der Fingerabdruck ist, der jeden eindeutig identifiziert, ist beim Koala das individuelle Muster rund um die Nasenlöcher. 2014 wurde Duffys Entdeckung in dem US-Wissenschafts-Journal der amerikanischen Organisation "The Wildlife Society" veröffentlicht.

Dass der Park nicht nur aus Dickicht besteht, zeigt Duffy nach einer kurzen Fahrt mit dem Jeep: Big Rock heißt der Aussichtspunkt, der auch bei Radfahrern und Wanderern beliebt ist. Eine Hochzeitsgesellschaft macht gerade einen Fotostopp.

Ein Felsenmonolith erstreckt sich wie ein Sprungbrett in die Weite. In den Granitstein sind flache Löcher, einst Wasserstellen der Aborigines, eingekerbt. "Deren Verbindung zum Park ist bis heute nie abgebrochen. Wir arbeiten mit drei Aborigines zusammen, die im Park als Ranger arbeiten. Auch bei der Namensgebung der Koalas beraten uns die Wathaurong People." Ngardang etwa heißt Schwester, Wurdi ist der Name eines von Aborigines errichteten Bauwerks in der Nähe des Parks.

Die Arbeit in Einklang mit den Ureinwohnern, mit der Natur und den darin lebenden Tieren ist Duffy wichtig. Die Wildnis bleibt wild - und das ist wohl auch das Erfolgsgeheimnis ihrer Tour.

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insgesamt 2 Beiträge
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murksdoc 31.01.2018
1. Ask the Aborigine
Was sagen nochmal die Australier über die berühmte "Koalaforscherin"? "Janine Duffy machte ihre Liebe zu Tieren zum Beruf: Als Veranstalterin für nachhaltige Reisen und Ausflüge in Australiens Nationalparks bringt sie Besuchern die einzigartige Natur des Kontinents näher". http://de.visitmelbourne.com/Insider-Tipps/Janine-Duffy-Melbourne
thequickeningishappening 31.01.2018
2. Wissenschaft und Kommerz
1. Die Ameisen heißen Bull Ants ( Da ist kein Dog drin) 2. Wer Koalas sehen will Der faehrt nach Cobram (jetzt ist die richtige Jahreszeit) und geht am Murray spazieren!
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