Trekkingtour in Zanskar Himmelhoch im Himalaja

Michael Martin

Im ehemaligen buddhistischen Königreich Zanskar liegen Dörfer und Klöster, die zu den abgelegensten im Himalaja zählen. Wer sie erreichen will, muss zu Fuß gehen - und erlebt eine spektakuläre Bergwelt.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
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"Julley!", begrüßt uns Tesering, ein freundlich blickender, vom Leben im Hochgebirge gezeichneter Mann. Er steht zwischen seinen acht Pferde, ohne die es hier kein Weiterkommen gäbe.

Wir sind nach zwei Autofahrtagen am Ende der Straße angelangt, die in Leh als Teerstraße begann und in Zanskar zu einer schmalen Schlaglochpiste wurde. Sie ist bis heute die einzige Zufahrt in das ehemalige Königreich im indischen Himalaja und dies auch nur im kurzen Sommer. Im Winter ist die Region fast vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten.

Unsere Trekking- und Fotoausrüstung wird auf die Pferderücken verteilt, außerdem das Kochzelt und die Essensvorräte. Meine Frau Elly und ich wollen auf einer einsamen Route durch Zanskar ziehen. Neben Tesering begleiten uns Rabyang als Guide sowie Koch Tensing und Hilfskoch Keseng.

Mittags setzt sich unsere Karawane in Bewegung und sofort geht es steil bergan. Wir kommen durch das Dorf Cha und blicken bald von einer kleinen Passhöhe auf den leuchtend blauen Tsarap, einen der beiden Hauptzuflüsse des mächtigen Zanskar-Flusses. Unser erstes Etappenziel ist das buddhistische Kloster Phuktal am Tsarap. 95 Prozent der knapp 15.000 Bewohner Zanskars bekennen sich zum tibetischen Buddhismus, der anders als im von China besetzten Tibet hier immer frei ausgeübt werden durfte.

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Trekkingtour in Zanskar: Durch Flüsse, über Pässe

Morgens um sechs Uhr sitzen wir im Gebetsraum und lauschen den Gebeten der Mönche. Ein Novize schenkt Buttertee aus, der in der Küche auf dem Feuer zubereitet wurde. Danach sammeln sich die jungen Novizen vor der winzigen Schule und lernen buddhistische Texte auswendig, später am Vormittag beginnt dann der weltliche Unterricht. Bis heute senden die meisten Familien in Zanskar einen Jungen zumindest für wenige Jahre ins Kloster, um ihn ausbilden zu lassen.

Den Nachmittag über folgen wir dem Tsarap-Fluss bis hinauf auf eine Hochfläche, wo die Pferde bis zum nächsten Morgen grasen können. Am nächsten Tag erreichen wir Shade, eines der einsamsten Dörfer im ganzen Himalaja. Noch bevor wir das Dorf betreten, rufen uns seine Bewohner aus den erntereifen Getreidefeldern: "Julley! Julley!"

Shade besteht aus einer Handvoll Lehmhäuser, die sich an einen Hang schmiegen, der wie ein Schiffsbug ein Tal teilt. Der karge Boden, der über Kanäle mit Schmelzwasser gewässert wird, gibt gerade mal eine Ernte pro Jahr her.

Da Zanskar im Regenschatten des Himalaja-Hauptkammes liegt, erhält es nur 70 Millimeter Niederschlag pro Jahr, der meist im Winter als Schnee fällt. So stellen Schneeschmelze und Gletscher die wichtigsten Wasserquellen dar. Doch die Gletscher schmelzen rapide. Wenn sie verschwunden sind, wird es nicht mehr genügend Wasser für die Landwirtschaft geben.

Am Morgen sind die Pferde verschwunden

Unsere Route führt über zwei hohe Pässe: den 5030 Meter hohen Gorena La und den etwas niedrigeren, aber umso steileren Lar La. Wir sind dankbar, ohne Gepäck laufen zu können, wenn wir auch nach einer Woche im Himalaja bereits ziemlich gut an die sauerstoffarme Luft adaptiert sind. Um die Kameras immer griffbereit zu haben, läuft ein Pferd direkt mit uns. Am Abend lagern wir bei Yak-Hirten aus Shade, welche während des kurzen Bergsommers 50 Tiere betreuen. Bald werden sie für den langen harten Winter mit den Yaks ins Dorf zurückkehren.

Wir folgen am nächsten Tag den in einer Schlucht fließenden Niri Chu und schlagen unser Lager wieder an einer der wenigen Stellen auf, an denen die Pferde genug Futter finden. Sie brauchen Kraft für den höchsten Pass der Tour, den 5160 Meter hohen Penang La. Am nächsten Mittag oben angelangt, beginnt es zu schneien. Wir steigen schnell ab und schlagen unser Lager nochmals am Niri Chu auf.

Der darauffolgende Tag bringt endlich den ersehnten Sonnenschein - doch die Pferde sind verschwunden. Es dauert vier Stunden, bis Tesering sie auf einer Hochweide wiederfindet. Elly und ich laufen schon mal vor. Es geht zwar leicht abwärts, aber zahlreiche Flussdurchquerungen kosten Zeit und Nerven.

Mittags hat uns das Team mit den Pferden eingeholt. Gemeinsam ziehen wir ins breite Tal des Zanskar-Flusses und rasten im Dorf Zangla. Wir sind schon sechs Stunden unterwegs und haben gerade die halbe Tagesstrecke geschafft. Die Route ist aber derart abwechslungsreich, dass wir weitere fünf Gehstunden bis zum Dorf Hanumil gut schaffen.

Kloster Lingshed leuchtet im Fels

Wir folgen anderntags weiter dem Zanskar-Fluss, dann geht es über zwei kleinere Pässe nach Norden, unserem Ziel, dem Kloster Lingshed, entgegen. Wir lagern an einem Steilhang mit nur wenig Nahrung für die Pferde, prompt sind sie nachts auf der Suche nach Futter wieder ausgebüchst. Tesering braucht wiederum Stunden, um sie zu finden. Elly und ich nützen den Vorsprung und kämpfen uns den letzten Pass, den 4720 Meter hohen Hanuma La nach oben.

Blick auf das Dorf Lingshed
Michael Martin

Blick auf das Dorf Lingshed

Auf der Passhöhe verschlägt es uns fast den Atem, als wir in eine Arena aus Fels blicken. In scheinbar greifbarer Nähe leuchtet das Kloster Lingshed in makellosen Weiß. "Six hours", murmelt leise unser wortkarger Guide Rabyang, was wir nicht glauben wollen. Sechs Stunden später sind wir klüger. Unter der Klosteranlage breiten sich die Felder und Häuser einiger Bauernfamilien aus. Gelb leuchten die Getreidefelder in der Nachmittagssonne. Wir schlagen unsere Zelte neben dem Kloster auf.

Zum letzten Mal packen wir morgens zusammen und satteln die Pferde. Nach drei Stunden erreichen wir das derzeitige Ende der Straße, die vom Indus-Tal Richtung Lingshed gebaut wird. Ein Bagger frisst sich laut ratternd durch die Steilhänge. Ähnliches geschieht entlang des Zanskar-Flusses wie auch südlich von Padum, dem Verwaltungszentrum von Zanskar.

Damit soll eine auch im Winter befahrbare Verbindung zwischen dem indischen Tiefland und Ladakh geschaffen werden, das wegen seiner Nähe zu Pakistan und China von großer strategischer Bedeutung ist. Damit werden wohl auch in Zanskar indische Militärs Einzug halten. Das bis heute traditionell geprägte Zanskar wird es dann nicht mehr lange geben.

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4 Leserkommentare
tomyum 01.10.2018
zephyros 01.10.2018
bronco8 01.10.2018
z&k ladakhi 16.10.2018

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