Kreativ-Trend Urban Sketching Mein Bild der Welt

Zeichnen auf Reisen macht glücklich - weil man die Umgebung viel bewusster wahrnimmt als beim eiligen Digitalkamera-Knipsen. Und weil dabei etwas Einzigartiges entsteht. Eine Liebeserklärung an Zeichenstift und Skizzenbuch.

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Abwiegen, quatschen, kassieren - kann dieser Mann nicht stillhalten? Ich versuche, ihn in meinem Skizzenbuch zu porträtieren, aber er, Fusselbart, Zopf und Basecap, macht seinen Job und wuselt hinter dem Obststand herum. Mal sehe ich sein Gesicht von vorn, mal von der Seite.

Die Fabrik, ein Kulturzentrum in Hamburg-Altona, ist gut besucht. Über dem Indoormarkt schwebt der Duft von Kaffee, Käse und Quiche, von der Bühne tönt "Over the Rainbow". Noch etwa 20 weitere Zeichner hocken auf Treppen, stehen an Bistrotischen oder lehnen sich an die Brüstung im ersten Stock. Sie skizzieren die alte Maschinenfabrikhalle mit den dicken Holzträgern, porträtieren Musiker, Verkäuferinnen und Samstagmorgen-Shopper. Sie alle sind zum Hamburger Urban Sketchers-Treffen gekommen.

Ich bin ein Smartphone-Junkie, meine Artikel sind normalerweise nur online zu lesen, und Tag für Tag sitze ich vor Bildschirm und Maus. Aber ich mag auch das Gefühl, wenn ein Fineliner über glattes Papier gleitet, ich mag das Kratzen der Feder im Skizzenbuch, das Rühren in Aquarellfarbnäpfen - und schnelle Skizzen. In Cafés, in Straßen, am Hafen, vor Landschaften. Am liebsten auf Reisen, am zweitliebsten in der eigenen Stadt und fast nie zu Hause. Andere machen Musik, joggen oder meditieren - ich zeichne. Seit zwölf Jahren.

So wie mich gibt es viele, die angefixt sind von Stift, Pinsel, Farben und dem Vor-Ort-Zeichnen. Die allein oder in Gruppen lernen, wie man Wolken wie Wolken aussehen lässt und wie sich Segelboote im Wasser spiegeln. Wir alle sind Anhänger dieses Hobbys mit leicht verschnarchtem Volkshochschulimage. Wie viele wir tatsächlich sind, macht seit ein paar Jahren die Urban-Sketchers-Bewegung sichtbar.

2007 rief der Journalist und Illustrator Gabriel Campanario in Seattle die Online-Community ins Leben, erst auf Flickr und dann als Blog. Für all jene, die "es lieben, die Städte zu zeichnen, in denen sie leben und die sie besuchen …immer vor Ort, niemals vom Foto oder aus der Erinnerung". Als Hunderte und dann Tausende ihre Skizzen posteten, gründete er eine gemeinnützige Organisation mit einem Acht-Punkte-Manifest (siehe Kasten). Ihr Motto: die Welt zeigen, Zeichnung für Zeichnung.

"Urban Sketching ist ähnlich wie Slow Food"

Urban Sketchers vernetzen sich über die sozialen Plattformen und treffen sich regelmäßig, lokal und global. 45.000 Mitglieder weltweit hat die offizielle Facebook-Gruppe heute, 68 registrierte Ableger gibt es. In Deutschland sind es mehr als tausend Urban Sketchers. Die Community wächst noch immer, sagt Brenda Murray, die in den USA für Kommunikation zuständig ist.

Viele Designer, Architekten und Künstler sind dabei, aber auch Freizeitzeichner wie ich. "Den meisten fehlt der Mut, allein in der Öffentlichkeit zu zeichnen", sagt Murray. "Unser Ziel ist es, integrativ zu sein. Die Gruppen sind offen für alle." Für mich sind solche Treffen Motivation, wenn ich im Alltag vergesse, wie gut mir Zeichnen tut. Und es ist großartig, Menschen zu treffen, die dasselbe lieben wie ich.

Warum aber erlebt das Zeichnen seit einiger Zeit eine Renaissance? Urban Sketching sei ähnlich wie Slow Food, sagt André Sandmann, Designer und Gründer der Schweizer Urban-Sketchers-Gruppe: eine Gegenbewegung zum schnellen Konsum, zum "massenhaften Bilderpflücken" mit der Digitalkamera.

"Die digitale Welt ist so brachial in unser Leben, auch unser Privatleben, hineingeprescht, dass wir uns an die Wand gedrückt fühlen", sagt Felix Scheinberger, Professor für Illustration an der Fachhochschule Münster. "Das Echte ist wieder gefragt, gerade weil das immer seltener und vieles austauschbarer wird. Zum Authentischen zählt Handgemachtes - Schreinern, Häkeln und bestimmt auch Zeichnen."

Der 47-Jährige begreift sich selbst nicht als Urban Sketcher. Sein Leitfaden "Mut zum Skizzenbuch" wirkt allerdings wie ein Lehrwerk für die Community und hat mit einer Auflage von 45.000 Exemplaren unerwartet großen Erfolg. Noch besser verkauft sich sein Nachfolgeband "Wasserfarbe für Gestalter".

"Kreativ zu sein befriedigt uns"

Scheinberger ist einer meiner Mutmacher, wenn die dreidimensionale Welt so gar nicht auf die zwei Dimensionen meines Blattes passen will, wenn ich Vorbilder und Inspiration brauche. "Die Muse küsst die, die sich trauen, eine schlechte Idee aufzuzeichnen", sagt er, "man muss die schlechte Idee weiterentwickeln. Das klingt nicht cool, ist aber so." Und voilà, die Angst vor dem weißen Blatt Papier schwindet.

Ein anderer Helfer in kreativer Not ist Danny Gregory, ein ehemaliger Werber aus New York. "Kümmere dich nicht um die Qualität deiner Zeichnungen", sagt er. "Mache deine eigenen Bilder, und du schaffst dir deine eigenen Erinnerungen." Jede Zeichnung sei eine Erfahrung. 2008 schon gab Gregory "An Illustrated Life" heraus, mit Auszügen aus Skizzenbüchern von Künstlern, Illustratoren und Designern. Vor zwei Jahren startete er mit der Niederländerin Koosje Koene die Online-Sketchbook Skool. Im Schnitt nehmen 1500 Schüler an einem bis zu sechswöchigen Videokurs teil, 17.500 waren es bisher insgesamt.

Warum Zeichnen so beliebt geworden ist? "Wir wollen nicht nur unterhalten werden", sagt Gregory, 55, "wir wollen etwas erschaffen. Kreativ zu sein befriedigt uns."

Urban Sketchers und Sketchbook Skool: Eigentlich stellen sie eine Gegenbewegung zum Digitalen dar, zugleich wurden sie erst durch das Internet möglich. Wie sie die Welt schrumpfen lassen und wie global die Sprache der Bilder verstanden wird - mich fesselt das: Wenn ich in einem Blog von Jan aus Neufundland lese, die 2000 Kilometer entfernt von einem Künstlerbedarf lebt und auf Schiffslieferungen warten muss. Wenn ich mit meinem Tablet stellvertretend durch viele Länder reise und miterlebe, wie die Urban Sketcherin Liz Steel Sydneys Architektur erkundet, Nina Johansson sich die Viertel von Stockholm aneignet und der Berliner Radfahrer Jens Hübner sich durch den Sudan zeichnet.

Jede Skizze eine Geschichte

Unterwegs sein und malen, dafür übe ich im Alltag. Zeichnend die Welt entdecken? Ein Traum. Skizzenbuch, Buntstifte und Aquarellkasten schleppe ich mit in jeden Urlaub, von Amrum bis Marokko und Vietnam. Kunst ist es vielleicht nicht, was ich mache, bestenfalls die Kunst, den Augenblick zu genießen. Denn wichtiger als die Dokumentation von Tempeln, Straßenleben oder Stränden ist mir der Moment des Zeichnens. Das Jetzt, das ich bewusst erlebe; all die Details, die ich nicht wahrgenommen hätte, würde ich vorbeischlendern und ein paar Fotos machen.

"Man schaut intensiver, weil man länger steht als beim Fotografieren", sagt Felix Scheinberger. Und in dieser Zeit passiere etwas: Jemand spricht einen an, eine Taube fliegt vorbei, ein Geruch weht herüber - was einen berührt, das krieche in die Skizze. "Ein Foto ist allgemeingültiger, objektiver", sagt er, "eine Zeichnung ist persönlich, eine individuelle Sicht."

Wenn ich mein Skizzenbuch vor mir habe und die Zeit vergesse, bin ich zufrieden. Ich gucke mir Linie für Linie die Welt ab, nehme mir die Freiheit, meine Version der Wirklichkeit zu erschaffen und meine eigene Zeichensprache zu entwickeln. Wie kann ich die Tiefe einer toskanischen Ebene glaubhaft zeigen oder das Dächermeer von Marrakesch? Auch wenn ich dabei allein bin, ist dies keinesfalls eine introvertierte Tätigkeit - so ein Skizzenbuch ist manchmal wie ein Hund: ein perfektes Mittel, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Niemand würde fragen, was ich in einem Café in mein Tagebuch schreibe, aber wenn ich male, ist das Interesse oft groß.

Als ich eine Tankstelle im Jemen skizzierte, wunderten sich unsere Beduinen-Fahrer. Als ich die Gesichtszüge einer Buddha-Statue in Sri Lanka zu erfassen versuchte, hatte ich einen Trupp kichernder Kinder um mich herum und viel Spaß. Zeichnung braucht keine Sprache, sie ist selbst Kommunikation. Und jede Skizze verspricht eine Geschichte, etwas, das hinter Strichen, Farbklecksen und Schattierungen liegt.

Das Urban-Sketchers-Manifest

1. Wir zeichnen vor Ort, drinnen oder draußen, nach direkter Beobachtung.
2. Unsere Zeichnungen erzählen die Geschichte unserer Umgebung, der Orte, an denen wir leben oder zu denen wir reisen.
3. Unsere Zeichnungen sind eine Aufzeichnung der Zeit und des Ortes.
4. Wir bezeugen unsere Umwelt wahrhaftig.
5. Wir benutzen alle Arten von Medien.
6. Wir unterstützen einander und zeichnen zusammen.
7. Wir veröffentlichen unsere Zeichnungen online.
8. Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung.

Im Video: Unterwegs mit Urban Sketcherin Nicola Maier-Reimer

Alexandra Frank / SPIEGEL WISSEN
Aus SPIEGEL WISSEN 2/2016
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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
GinaBe 26.05.2016
1. Wieso muss alles gleich zu einem
Soso, also urban sketching.... Gemalt und gezeichnet auf Reisen habe ich, als ich das noch konnte, früher IMMER. Etliche alte Skizzenbücher sind gelagert in den Regalen und ich kann die hier geschilderten Erfahrungen einfach nur fröhlich bestätigen. Die entworfenen Bilder sind Teil des Menschen und nicht Auswurf einer digitalen Linse- mehr oder weniger völlig austauschbar! Solch eine Reise lässt sich auch sehr gut in Begleitung- außer von Aquarell- naps --planen. Unvergessen bleibt die Szene, die ich immer noch bildlich vor mir sehe, wie ein Freund aus Italien und ich in kleinem Abstand auf einer Mauer am Collosseum saßen und pinselten. Dieses dort entstandene Bild liebe ich am meisten, denn wir waren nur ein paar Tage zusammen in Rom. Vielleicht ersetzt ja dieser neue Netz-Zusammenschluss von fahrenden Skizzierern die Reisegemeinschaft mit anderen "Künstlern"?
spellbound 26.05.2016
2. Schöne Idee..
wenn man diesbezüglich halbwegs begabt ist. Ich habe auch schon so oft versucht, meine Umgebung zu zeichnen/malen, allerdings bin ich so dermaßen unfähig, dass der Spaßfaktor bei dem kruden Geschmiere gleich Null geht. Aber gut, dass es für Menschen wie mich die Kamera gibt...
sonichmeinfreund 26.05.2016
3. Ach nee
Nach einem langen Urban trail mach´ ich lieber ein bisschen Urban shagging. Ist auch schön. Aber wenn schon sketching dann lieber rural als urban.
troy_mcclure 26.05.2016
4.
"Zeichnen auf Reisen macht glücklich - weil man die Umgebung viel bewusster wahrnimmt als beim eiligen Digitalkamera-Knipsen. Und weil dabei etwas Einzigartiges entsteht. Eine Liebeserklärung an Zeichenstift und Skizzenblock." Wenn man, wie ich, nicht zeichnen kann, dann gehen halt nur Fotos. In aller Regel machen ich aber kein "eiliges Digitalkamera-Knipsen" sondern nehme mir Zeit. Falles dafür noch keinen hippen englischen Namen gibt, schlage ich "urban (ist immer gut) slow (auch immer gut) photography" vor.
j.w.pepper 26.05.2016
5. Ist sicher wunderbar...
...wenn man die Begabung dazu hat. Ich habe sie nicht. Aber es gibt doch noch einen weiten Spielraum zwischen "extreme urban dauerknipsing" und dem Selberzeichnen. Gute Fotografie hat mit Massenselfies und "Hier ist meine Frau vor dem Eiffelturm"-Schnappschüssen weniger zu tun als mit Zeichnen und Malen. Allein schon die Auswahl des Motivs und Bildausschnitts und ggf. die Anpassung von Brennweite bzw. Zoomfaktor, Belichtung etc. verlangen schon Kreativität, wenn man eben keine 08/15-Werbeprospektbilder haben möchte. Ich fotografiere sehr gern und auch viel auf Reisen, aber nicht mit dem Handy. Und ich behaupte, gerade durch die möglichst sorgfältige Auswahl der genannten Kriterien prägt sich mir auch das Gesehene weit besser ein als durch bloßes Spazierengehen. Und zeichnen kann ich eben nicht, da brauche ich auch kein "urban sketching". Übrigens: Hieße das bei mir auf dem Lande dann "rural sketching" oder bleibt das Zeichnen den Stadtbewohnern und -besuchern vorbehalten?
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