Zeitz in Sachsen-Anhalt Geschichten aus der Unterwelt

Die unterirdischen Gänge von Zeitz erzählen eine verborgene Geschichte der Stadt. Wo im 15. Jahrhundert Bier lagerte, entstanden im Zweiten Weltkrieg Luftschutzbunker. Jetzt ist die kilometerlange Unterwelt eine Touristenattraktion – besonders beliebt sind Halloween-Touren.


Zeitz - Schals und Mäntel schützen an diesem Wintertag die Spaziergänger in der alten Bischofs- und Herzogstadt Zeitz vor der Kälte. Und doch fordert Andreas Wilke die Touristengruppe auf, sich der Jacken zu entledigen. "Sonst werden Sie in unserer Unterwelt schwitzen", sagt er. Wilke ist Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Unterirdisches Zeitz. In dieser Funktion wacht er über einen ganz besonderen Schatz der mehr als 1000 Jahre alten Stadt im südöstlichsten Zipfel Sachsen-Anhalts: Unter dem ältesten Viertel befinden sich zahlreiche Gewölbe und Ganganlagen, die seit 1992 für Touristen zugänglich sind.

Die unterirdische Welt entstand Historikern zufolge im 15. und 16. Jahrhundert. Die Tongewölbe dienten zur Lagerung des damaligen Hauptnahrungsmittels Bier. Der Gerstensaft wurde zum Reifen und Aufbewahren in den Sommermonaten in die feuchten, vor jedem Windzug geschützten Gänge gebracht. "Bier war anders als heute nicht nur Volksgetränk, sondern Grundnahrungsmittel", erklärt Wilke. "Damals war die Kartoffel in Europa noch nicht verbreitet, deshalb war Bier die Basis für zahlreiche Gerichte, etwa die Biersuppe."

Rund 9000 Meter unterirdische Ganganlagen entstanden in bis zu 30 Metern Tiefe. "Die Gänge wurden unter die Häuser getrieben", erklärt Wilke. "Um die Stabilität nicht zu gefährden, sind die Wege oft nicht breiter als einen Meter und nicht mehr als zwei Meter hoch angelegt." Teilweise verlaufen sie auch kreuz und quer auf bis zu drei Etagen. Ursprünglich sollen die meisten Gewölbe und Gänge isoliert voneinander errichtet worden sein. Vor allem im Zweiten Weltkrieg wurden sie zu Luftschutzkellern ausgebaut und miteinander verbunden. Zu DDR-Zeiten verfielen sie.

Unterirdisch zum Banktresor

Schon kurz nach der Wende, im Mai 1990, beschloss der Vorstand des neu gegründeten Vereins, das weit verzweigte System zu sichern. Stadt, Land und Bund stellten Mittel für die Restaurierung zur Verfügung. ABM-Kräfte räumten Schutt aus den unterirdischen Gängen. Neue Durchbrüche entstanden, Lichtleitungen wurden verlegt. Am 19. Juni 1992 wurde der erste Bauabschnitt zum 1025-jährigen Bestehen der Stadt eingeweiht.

Die Touristen, die Wilke rund acht Meter unter der Straße durch das Gangsystem führt, sind ihm dankbar für den Tipp, die Jacken abzulegen. Die Temperatur liegt unter der Erde bei 11 bis 13 Grad. Gelbe Regenmäntel schützen vor der Luftfeuchtigkeit und dem Schmutz der braunen, in den Buntsandstein getriebenen Wände. Angesichts von teilweise nur anderthalb Meter hohen Gängen sind die Besucher auch für die gelben Helme dankbar.

Rund 15.000 Besucher bestaunen jedes Jahr die unterirdische Welt. Sie erfahren von Andreas Wilke und seinem Team, dass das System direkt unter dem Tresor der Dresdner Bank verläuft. Der ist natürlich mit dicken Stahlplatten gesichert. "Die Bank musste bei ihrer Renovierung erhebliche Mehrkosten in Kauf nehmen, damit das unterirdische Zeitz keinen Schaden nahm", sagt Wilke. Zwar gebe es in anderen Städten Ostthüringens und Westsachsens Tiefkeller, doch diese seien nach Alter, Anlage und Zweck nicht mit denen in Zeitz vergleichbar.

Grusel-Touren an Halloween

Auch andere Sehenswürdigkeiten wie das Schloss Moritzburg und die älteste erhaltene Brikettfabrik der Welt locken in die Stadt an der Weißen Elster. Im Schloss aus dem 17. Jahrhundert ist unter anderem das Deutsche Kinderwagen-Museum untergebracht. Es spiegelt die große Geschichte von Zeitz als Zentrum der Kinderwagen-Produktion in Deutschland wider. Das alles wurde für die sachsen-anhaltinische Landesgartenschau 2004 aufwendig saniert.

Für die ganze Familie sind aber die unterirdischen Gänge wohl am spannendsten. Zudem lassen sich die Initiatoren immer wieder etwas Besonderes einfallen. So gibt es rund um Halloween Grusel-Führungen. Dann wird das Gangsystem zu einer Geisterbahn. Für Kinder organisiert der Verein auf Bestellung eine Schatzsuche in den Gewölben.

Der etwa 700 Meter lange Marsch unter der Stadt hindurch endet für die Touristen dort, wo er begonnen hat - in einem Bürgerhaus am Altmarkt. Zum Abschluss bietet Wilke seinen Gästen gern einen Schluck Grottenbräu an. Das Bier stammt zwar nicht direkt aus Zeitz, wird aber, wie Wilke betont, nach einem alten Zeitzer Rezept hergestellt. In Zeitz gibt es keine Brauerei mehr, die Brautradition der Stadt ist schon lange zu Ende. Überlebt hat nur das unterirdische Gangsystem.

Erik Nebel, gms



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