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24. Juli 2017, 10:52 Uhr

Abenteuer Mongolei

So weit. So gut

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Unbequem ist es, dafür aber unvergesslich - auf einer Tour durch die Zentralmongolei erlebt man das riesige Land im Miniformat: stolze Reiter, herzliche Nomaden und eine Landschaft, deren Schönheit kaum auszuhalten ist.

Wie ein Monolith steht Norbu in der Talsohle und beobachtet - völlig ungerührt vom strömenden Regen - die anderen Fahrer und ihre Strategien, sich die mehrspurige Matschpiste hochzuarbeiten. Nur wer es über den Steilhang schafft, kommt in den Genuss eines Bades in den heißen Quellen von Tsenkher und einer warmen Mahlzeit im Jurtencamp. Selbst ein geländeerprobter Jeep schlingert und schwimmt für einige Minuten hilflos im Schlamm. Einige kehren um.

Norbu trifft eine Entscheidung: Sie führt ihn über den einzig verbliebenen Streifen Grün nach oben. Die durchnässte Touristengruppe steht wartend an der Ziellinie, klatscht und pfeift frenetisch. "Bei starken Regenfällen schwellen die Flüsse an und sind unpassierbar, und ich muss Ausweichrouten über Bergpässe nehmen", erklärt Norbu die Herausforderungen seines Berufs. "Ich spreche mich täglich mit den anderen Fahrern ab."

Norbu ist zusammen mit fünf Geschwistern in einer Jurte in der Zentralmongolei aufgewachsen. "Busfahren ist wie Reiten", sagt er und präsentiert grinsend seine Zahnlücke. Schon als Sechsjähriger ritt er ohne Sattel auf Wildpferden. Seit 2005 chauffiert er Touristen durch seine Heimat, umschifft mit seinem tarngrünen russischen Kleinbus Schlaglöcher, durchquert Flüsse, hupt Schaf- und Rinderherden aus dem Weg. Und kichert, wenn seine Insassen im schlecht gefederten Untersatz unfreiwillig mit dem Kopf an die Decke stoßen.

Den Anbieter gut auswählen

Nur rund 3000 Kilometer Straßen sind in der Mongolei asphaltiert, wenig für ein Land, das circa viereinhalb mal so groß wie Deutschland und mit fast drei Millionen Einwohnern extrem dünn besiedelt ist.

Wir sind mit Norbu zu einer sechstägigen Tour durch die Zentralmongolei verabredet. Auf der Route liegen in der Regel die Mini-Version der Wüste Gobi, die Sanddünen der Elsen Tasarkhai, Karakorum, die ehemalige Hauptstadt des mongolischen Weltreichs unter Dschingis Khan und der Bergsee Terkhiin Tsagaan im gleichnamigen Nationalpark auf über 2000 Meter Höhe. "Weißer See" heißt er, weil er von September bis Mai oft unter einer dicken Eisschicht liegt.

Neben Norbu sitzt Myagmarsuren, kurz Miga genannt, die im Sommer als Guide für das UB-Guesthouse arbeitet - nur eine von vielen Unterkünften in Ulan-Bator, die diese Tour wöchentlich anbieten. Reisende sollten bei der Buchung darauf achten, dass zusätzlich zum Fahrer ein englischsprachiger Fremdenführer dabei ist - keine Selbstverständlichkeit. Auch in Deutschland gibt es versierte Anbieter, zum Beispiel den Mongolei-Spezialisten Knut-Reisen.

Der Stolz der Reiter

Für die unbequemen und langen Fahrzeiten entschädigt der Blick aus dem Bus: Grüne Hügel und Schäfchenwolken schwimmen am Fenster vorbei. In der Weite der Grassteppe, die durch Flüsse unterbrochen ist, galoppieren Wildpferde und grasen Yaks.

Plötzlich staut es sich auf der Straße, Hupen ertönen, parallel zur Straße türmen sich Staubwolken, erzeugt von Hunderten Hufen. Mädchen und Jungen, etwa zehn Jahre alt, reiten auf Wildpferden um die Wette. Das Rennen gehört zu den drei Disziplinen des traditionellen Sommerfests in der Mongolei, des Naadam. Ein buntes Festival, ohne Bands allerdings: Die Stars hier sind korpulente Ringer mit kräftigen Oberschenkeln, die in bestickten Stiefeln und knappen roten oder blauen Hosen in einer Manege kämpfen, und Schützen, die mit kunstvoll verzierten Bögen ihre Treffkünste unter Beweis stellen. Dazwischen lassen festlich gekleidete Kinder Drachen steigen, an überdachten Essenständen gibt es süßes Gebäck und im Dampf gegarte Teigtaschen mit Lammfleisch, Buuz, übersetzt "Blume".

Und überall Pferde und stolze Reiter, die sich zwischen die Feiernden mischen. Ist Reiten in der Mongolei so selbstverständlich wie Fahrradfahren bei uns?, möchte man von Miga wissen, die in den Sommerferien als Guide für Touristen arbeitet. "Reiten? Also mir liegt das nicht im Blut", sagt die zierliche Frau Ende 30 mit dem sorgfältig geflochtenen Zopf und lacht. "Ich bin ein echtes Citygirl!".

In Ulan-Bator, der mongolischen Hauptstadt, ist sie aufgewachsen, heute arbeitet sie in der Eineinhalb-Millionen-Metropole als Englischdozentin an der Universität. Für Miga ist die Tour eine Auszeit vom Großstadtstress, das Schlafen in der Jurte genauso exotisch wie für uns Touristen.

Zu Gast bei einer Nomadenfamilie

In Dämmerung getaucht liegt die nächste Unterkunft. Nur noch als Silhouetten sind Ziegen und Rinder zu sehen, die in der weiten Steppe rund um die zwei Jurten einer Nomadenfamilie grasen. Deren zwei kleine Söhne wachen aufmerksam mit einem Fernglas über die Tierherden.

Norbu, der Fahrer, liegt unter seinem Bus und schraubt, während der Vater der Gastgeberfamilie in einem großen Plastikbottich mit einem Holzstab frisch gemolkene Stutenmilch rührt. Miga erklärt, dass daraus durch Fermentierung der "Wein" der Nomaden entsteht. "Airag" heißt das Getränk. Die Geschmäcker scheiden sich daran. Die einen erinnert es an Kefir, andere an abgelaufene Milch. Die Mutter bereitet in der Familienjurte das Essen vor: Reis, Kartoffeln, fettige Fleischstückchen vom Yak und ein Schuss Ketchup. In den unwirtlichen Weiten der Steppe geht es nicht um Sternekost, Gemüse ist hier eine Rarität.

Sechs einfache Pritschen mit dünnen Matratzen reihen sich um den mit Holz beheizten Ofen, dessen Abzugsrohr aus dem runden Dachkranz in der Mitte des traditionellen Rundzelts ragt. Vom Bett geht der Blick direkt in den Sternenhimmel. Pferde wiehern, Hunde bellen, der Wind reißt am weißen Außentuch, ganz leise hört man den Fernseher aus der Jurte nebenan - Satellitenschüsseln und Solarstrom gibt es auch in der Steppe.

Dem Himmel so nah

Das Highlight der Tour, bevor es nach Karakorum und zurück nach Ulan-Bator geht: zwei Nächte am Weißen See auf über 2000 Meter Höhe im Changai-Gebirge. Der Nationalpark dort ist beliebt zum Wandern, Baden und Zelten. Zeit, um endlich zu Fuß die Umgebung zu erkunden und den Ratschlag eines mongolischen Schriftstellers auszutesten, der im Hohen-Altai-Gebirge aufgewachsen ist. "Wer auf einem Berg steht, ist dem Himmel näher", schreibt Galsan Tschinag in seinem Buch "Im Land der zornigen Winde". "Man bringt Ordnung in die innere Welt. Und kommt zu der großen Ruhe, die man jeden Tag braucht."

Die Schönheit der Landschaft ist kaum auszuhalten: Überall grüne Hügel, die sich an den See schmiegen, darunter leuchten weiße Pünktchen am Ufer, die Jurtencamps, und ein Himmel, der die Farbe Blau im Malkasten neu erfinden könnte.

1500 Meter über dem Meeresgrund liegt die Mongolei im Durchschnitt, der Grund, warum sie auch "Land des blauen Himmels" genannt wird. Ohhhmmm! Tschinag hat recht - der Anblick allein birgt Glücksmomente, die besser als jede Yogastunde sind.

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