Zigarrenroute auf Kuba Einatmen, anfahren, staunen

Wer das typische Kuba-Feeling einatmen will, muss Zigarre rauchen. Nach wie vor sind Cohiba und Co. Nationalsymbole des sozialistischen Landes - wie Salsa, Cuba Libre und Che Guevara. Die erste offizielle Tabakroute führt zu Fincas und Fabriken und durch eine sagenhaft schöne Landschaft.

Von Martin Cyris

Martin Cyris

Ein Streichholz landet im Staub. Eine flüchtige Rauchfahne verkündet das Ende seiner Bestimmung. Und da ist er wieder, dieser verwegene Macho-Blick in Hectors Gesicht. Die Augen zu Schlitzen zugekniffen, den stoischen Blick nach Irgendwo gerichtet. Wie ein Cowboy beim einsamen Ritt. Hector Luis Prieto wirkt abwesend und versunken und ist doch hochkonzentriert. Ein Zustand der Meditation. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt diesem einen Moment: dem ersten Zug von seiner Sonntags-Havanna. Hector atmet tief ein. Still und präzise. Er hält inne.

Die Augen beginnen runder zu werden. Aufreizend langsam entlässt Hector den Rauch aus seinem Mund. Dieser umhüllt sein gebräuntes Gesicht unter seinem Strohhut. Der Qualm verteilt sich im Raum. Nach und nach scheint Hector wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Was bleibt, ist eine fein gezeichnete, männliche Aura: fokussiert und präsent, in der Mitte ruhend. Neben ihm steht sein Kumpel Miguel. Er tut dasselbe, und mit ihm passiert dasselbe.

Man muss kein Zigarrenliebhaber oder gar ein Streiter für die Rechte der Raucher sein, um die Feinheit und Anmut dieses Moments zu würdigen. Eine feine, handgerollte Cohiba oder Montecristo im Anbaugebiet ihrer Bestandteile zu genießen, kommt manchem einem religiösen Ritual gleich. Zigarren unterstreichen die Lebensart der Kubaner. Sie sind Folklore. Wie Salsa, Cuba Libre und Che Guevara. Wer sich intensiver mit ihnen beschäftigt, wer reinschmeckt, atmet Kuba sprichwörtlich ein.

Ruta zum besten Tabak der Welt

Touristen müssen künftig keine größeren Anstrengungen mehr in Kauf nehmen, um dem Mythos Zigarre nachzuspüren. Etwa auf Hectors Finca. Denn jetzt gibt es die erste offizielle Tabakroute, die ruta del tabaco. Angestoßen wurde das Projekt auf höchster Ebene von der kubanischen Regierung. Rund zwei Dutzend Betriebe kooperieren und öffnen ihre Tore für Besucher: Zigarrenfabriken, Farmen und Lagerhäuser. Geplant sind außerdem ein Besucherinformationszentrum sowie Souvenirstände und Raststätten. Die Verpflegung der Besucher soll schließlich nicht nur aus Cohiba und Co. bestehen.

Die Route wird momentan in der Provinz Pinar del Rio im Westen Kubas installiert, knapp zwei Autostunden von Havanna entfernt. 2012 soll alles abgeschlossen sein. Die Strecke führt von der Provinzhauptstadt Pinar del Rio über Santa Maria nach San Juan y Martinez, El Rosario, San Luis und Consolacion del Sur. Vorbei an Tabakfeldern und -fincas. Aber auch vorbei an Plakatwänden mit revolutionären Parolen, an Eselskarren, Oldtimern und Lkw mit Passagieren auf der Ladefläche. Nach Meinung vieler Experten wächst in der Region Pinar del Rio der beste Tabak der Welt. Verantwortlich dafür sind perfekte Anbaubedingungen für die heikle Tabakpflanze: ein ideales Klima und ein idealer Boden, nämlich die berühmte kupferrote Erde.

Besuche in Fincas und Zigarrenfabriken waren in der Region bisher zwar auch schon möglich. Etwa mit lizenzierten Reiseveranstaltern oder auf eigene Faust. Gute Spanischkenntnisse vorausgesetzt - und genügend Entdeckergeist, denn individuelle Überraschungsbesuche hatten zwar den spannenden Charme des Improvisierten, aber auch einen solchen Charakter.

Die offizielle Tabakroute gibt dem Ganzen nun einen professionelleren Anstrich. Da weiß der Besucher, was er hat. Nämlich eine Art Wein- oder Burgenstraße auf Kubanisch. Dazu gehören auch Selbstverständlichkeiten wie Hinweisschilder mit einem einheitlichen Erscheinungsbild, die man bisher vermisst hat. Vorarbeiter erhalten derzeit Schulungen im Umgang mit ausländischen Besuchern. Tourismusministerium und Tabakindustrie erhoffen sich von den Maßnahmen einen Schub für ihre jeweiligen Interessen.

China fragt Raucherware nach

Nach wie vor sind Zigarren ein Nationalsymbol, ein Exportschlager. Und ein wirtschaftliches Lebenselixier für das sozialistische Land. Dabei fürchteten Kubas Zigarrenmacher die strengeren Rauchergesetze in Europa wie Nichtraucher ein verqualmtes Bierzelt. Und tatsächlich, die Absatzzahlen in der EU sanken spürbar. Doch die vermehrte Nachfrage im Nahen Osten und in China nach kubanischer Raucherware glich die Verluste aus. Der Absatz von Zigarren stieg 2010 sogar um zwei Prozent an. Es ist nicht etwa nur ein Tropfen auf den heißen Stein für Kubas marode Wirtschaft, sondern der Tropf, an dem vieles hängt. Denn die Glimmstengel sind, nach Nickel, einer der wichtigsten Devisenbeschaffer für den Karibikstaat.

Professionell gewickelte Stumpen stehen daher noch immer hoch im Kurs. Und das, obwohl Kubas Maximo Lider Fidel Castro, einst maximaler Zigarrenraucher und ehemaliger Generalsekretär der Kommunistischen Partei, dem Paffen längst abgeschworen hat. Die besten Zigarrenroller, die torcedores, sind landesweite Berühmtheiten. Etwa José Castelar, genannt Cueto. Als er im Mai während der Touristikmesse FitCuba in der Hauptstadt Havanna vor Schaulustigen die mit mehr als 81,8 Metern längste Zigarre der Welt vollendete, herrschte ein Aufmarsch der Funktionäre wie bei einem kleinen Parteitag. Pressefotografen drängelten sich fast handgreiflich um die besten Plätze, nur um dem 67-jährigen Cueto auf die goldenen Hände zu schauen.

Die Tabakblätter für seine Rekordzigarre bezog Cueto übrigens von Hector Luis Prieto. In San Juan y Martinez bewirtschaftet der 41-Jährige die finca de bolado - eine kleine, aber feine Tabakplantage. Außerdem betreibt er ein casa del tabaco, ein Tabakhaus. Was so simpel klingt und von außen so unscheinbar, fast baufällig wirkt, ist in Wirklichkeit ein kleines Labor: Anbau und Aufbereitung der Blätter, die Trocknungs- und Fermentierungsprozesse, sind eine Wissenschaft für sich.

Mit dem Tabak verheiratet

Eine, die Hector ganz besonders gut beherrscht. Aus den Blättern seiner Pflanzen werden allerfeinste Zigarren gedreht: Cohibas, Montecristos, Romeos y Julietas. Für seine innovativen Anbaumethoden erhielt er 2008 den prestigeträchtigen Titel "Havanna-Mann des Jahres" - als jüngster Preisträger aller Zeiten.

"Ich bin mit dem Tabak verheiratet", sagt der Zigarrennarr in Anlehnung an ein kubanisches Sprichwort. Demnach muss man mit dem Tabak einen heiligen Bund eingehen, um ihn erfolgreich kultivieren zu können. Durch die Tabakroute hofft er künftig auf mehr Besucher: "Es ist toll, dass ich den Touristen zeigen kann, wie viel Arbeit und Leidenschaft in einer Zigarre steckt."

Auf und abseits der Tabakroute kommen Touristen aber auch in den Genuss einer sagenhaften Landschaft. Ausgedehnte Pinienwälder wechseln sich mit Tabak- und Bananenplantagen ab. Unterbrochen von bewachsenen, höckrigen Kalksteinfelsen, den sogenannten mogotes. Sie sind eine Glanzleistung der Natur und ein Wahrzeichen der Region.

Folklore, Nationalsymbol, Exportschlager, Wahrzeichen - kubanische Zigarren sind nicht unbedingt das Rückgrat Kubas, aber eine wichtige Rippe. Die Errichtung der Tabakroute fällt daher wohl nicht ganz zufällig in eine Zeit, in der Kuba im Begriff ist, den tropischen Sozialismus neu zu erfinden. Erst im April billigte die Kommunistische Partei Kubas (PCC) die Wirtschaftsreformen von Staatschef Raul Castro. Die Planwirtschaft wird nach wie vor vorherrschen, doch die Kubaner dürfen künftig auch selbständig arbeiten - zur Verbesserung der Produktivität. Auch in den Tabakfincas.

Zigarrennarren dürfte das alles recht sein, solange am Ende der Produktionskette allerfeinste Sonntags-Havannas stehen.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
kalle blomquist 14.06.2011
1. Nützlicher-Idioten-Artikel
Der Autor hat vergessen zu erwähnen, dass Cuba eine Diktatur ist, dass die Einwohner in Angst vor der Geheimpolizei leben, dass 98% von ihnen nie das Geld hätten, um eine Havanna zu kaufen und dass es den Leuten schlicht dreckig geht. Mag sein, dass die Havannas fachkundig gewickelt werden. Eingewickelt werden aber vor allem ausländische Reporter, die wenig Ahnung vom Land haben, sich von regimetreuen Funktionären ein paar Tage lang nett durchs Land kutschieren lassen (ein kubanischer Normalbürger hätte größte Schwierigkeiten, eine solche Reise auf eigene Faust zu unternehmen) und die dann einen immanent-unkritischen Werbeartikel der vorliegenden Art hinpfuschen, mit ein paar Stereotypen (Salsa usw.) angereichert. So haben es Diktaturen immer gemacht. Die UdSSR als Arbeiterparadies, Nazideutschland als Land fröhlich-begeisterter blonder Turner usw. Und immer finden sich ein paar Reporter, die sich einwickeln lassen, ins aromatische Deckblatt der jeweiligen Tyrannei. Mit Bauchbinde.
twocent 14.06.2011
2. Die Fotos sind enttäuschend
Da wird der Artikel mit "sagenhaft schöne Landschaft" angerissen und dann solche unterdurchschnittlichen Fotos? Jeder Amateur müsste ja selbst durch Zufall bessere Bilder hinbekommen. Die Fotos sind enttäuschend.
kurtwied, 14.06.2011
3. "Kuba Feeling"
Kuba feeling ist vor allem die Folter in kubanischen Gefängnissen - aber da berichtet man lieber über Waterboarding in Guantanamo. Hier mal ein kleiner Bericht über die Zustände im "schönen" Cuba. http://www.openpr.de/pdf/234363/Kuba-Kein-Ende-grausamer-Folter-in-kubanischen-Gefaengnissen.pdf
amarildo 14.06.2011
4. meinung
Zitat von sysopWer das typische Kuba-Feeling einatmen will, muss Zigarre rauchen. Nach wie vor sind Cohiba und Co. Nationalsymbole des sozialistischen Landes - wie Salsa, Cuba libre und Che Guevara. Die erste offizielle Tabakroute führt zu Fincas und Fabriken und durch ein sagenhaft schöne Landschaft. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,767973,00.html
Smoking KILLS. Egal wo der Tabak herkommt.
BesserwisserMichel 14.06.2011
5. Breathing kills... breeding too
Zitat von amarildoSmoking KILLS. Egal wo der Tabak herkommt.
so what, meine täglche Portion Krebs bekomme ich schon durch das Atmen in der nähe einer Biogasanlage, als ob es da noch auf die paar Raucher ankommt.
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