Zu Fuß durch China Verwahrlosen für Fortgeschrittene

Vom Glatzkopf zum bärtigen Hippie in wenigen Sekunden: Im Zeitraffer zeigt das Video eines Münchner Studenten, wie ihn eine einjährige Wanderung durch China verändert hat. Eigentlich wollte er zu Fuß bis nach Deutschland - aber eine plötzliche Selbsterkenntnis ließ ihn aufgeben.

Von Doris Anselm


Das Zimmer ist leergeräumt, kahl. In der Mitte steht ein junger Mann und sieht mit ernstem Blick in die Kamera. Erwartungsvoll? Ängstlich? Auf jeden Fall entschlossen. Entschlossen, jahrelang auf Wanderschaft zu gehen - um zu Fuß von Peking zurück zu seinem Elternhaus nach Bad Nenndorf in Niedersachsen zu reisen.

"Ich habe meine Sachen per Seefracht nach Hause geschickt, den Schlüssel unter die Fußmatte gelegt und bin losgelaufen", sagt Sinologiestudent Christoph Rehage. Nach einem Jahr Sprachkurs in Peking hatte er keine Lust, sich ins Flugzeug zu setzen, und zog die Wanderschuhe an.

Dabei war er eigentlich kein Outdoor-Fan. Schrundige Füße und miefende Klamotten waren ihm eher ein Greuel. "Vorher habe ich immer behauptet, man müsste das wie ein englischer Gentleman machen, also selbst im Dschungel noch gepflegt aussehen. Aber dann sagte mein Nachbar in Peking: Lass doch den Bart einfach wachsen. Das war auch eine Herausforderung, mal so richtig wüst auszusehen."

Schnell war klar: Diese einmalige Verwahrlosung muss dokumentiert werden! Also packte Rehage auch eine Videokamera ein und hielt sie sich selbst jeden Tag kurz vor die Nase. Aus diesen Mini-Einstellungen hat er jetzt seinen Film montiert. Zuerst ist er fast immer allein im Bild, auf Landstraßen, vor grauen Hostels und im ersten Schnee.

Doch nach und nach turnen immer mehr Menschen hinter ihm herum, Kinder, ganze Dorfgemeinschaften. Und auf einigen Bildern auch seine Freundin aus Peking. Er sollte ihre Eltern kennenlernen, die im Landesinnern wohnten. Ein ziemliches Fiasko, wie er berichtet: "Bei denen kam mein bärtiges Äußeres überhaupt nicht gut an. Chinesische Eltern achten schon sehr auf eine gepflegte Erscheinung."

Sich selbst nicht mehr sympathisch

Er wanderte weiter, und das Filmen half auch gegen die Einsamkeit, die immer wieder kam, wenn er mit seinem kleinen Gepäckkarren durch öde Landstriche zog. "In dieser Eintönigkeit brauchte ich einfach was zu tun. Das regelmäßige Arbeiten, also die Bilder zu machen und zu planen, was daraus werden soll, das hat mir Struktur gegeben."

Nach und nach wurde das zur Routine: laufen, filmen, Reiseblog schreiben, laufen, filmen. Irgendwann fragte Rehage sich: Kann ich eigentlich noch aufhören? Langsam kam sich verbissen vor. "Und dann, ganz plötzlich, mitten in der Wüste, habe ich gemerkt: Ich bin mir selber nicht mehr sympathisch." In Ürümqi, der Hauptstadt der Provinz Xinjiang, hörte er auf, von einem Tag auf den anderen nach genau 4646 Kilometern. Nur zum Friseur ging er noch zu Fuß: Im Film sieht man, wie ein weiß bekittelter Chinese ihn von Haar und Bart befreit. Zurück zur Glatze - und doch sieht er ganz anders aus als auf den ersten Bildern.

Natürlich hat die Reise ihn verändert - aber noch viel mehr ihr plötzliches Ende, da ist sich Rehage sicher. Etwas bloß aus Prinzip zu tun, das kommt für ihn nicht mehr in Frage. "Ich stresse mich nicht mehr so, zum Beispiel an der Uni. Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, irgendwelche äußeren Umstände zu überwinden und ganz hart zu sein. Es geht darum, dass man sich immer ändern kann." Deswegen will er auch noch nicht sagen, ob er noch einmal losziehen will, um den Rest der geplanten Strecke zu laufen. Einen Hinweis darauf gibt es allerdings schon: Seit ein paar Monaten lernt er Russisch.

dor

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