Von Hanne Egghardt
Istanbul - Der Taxifahrer Mustafa ist ein cooler Typ. Im Menschengewühl vor dem Flughafen Istanbul lässt er seinen gelben Murat 124 vor mir ausrollen. Ein kurzer Blickkontakt, eine lässige Handbewegung Richtung Stadtzentrum, und schon sitze ich im Fond seiner Klapperkiste.
Auf der Uferstraße schnalzt Mustafa leise mit der Zunge und hebt das Kinn an. "Danke, Schwester", unterstreicht er diese verneinende Geste mit einem bedauernden Unterton, "ich rauche nicht." Ich ziehe die Hand zurück, mit der ich ihm Zigaretten hingehalten habe. Mustafa fährt zielbewusst über eine Kreuzung, deren Ampel gerade auf rot steht.
Dann legt er eine Erklärung dafür nach, warum er die Zigarette abgelehnt hat: "Du musst nämlich wissen, Schwester, das Einzige, was mich im Leben interessiert, sind Frauen."
"So ein Glück ", sage ich mit ehrlicher Freude. "Dann bist du genau der Mann, den ich brauche. Du kannst mich zu den schönsten und aufregendsten Frauen bringen, die es in Istanbul gibt. Ich bin nämlich da, um Bauchtänzerinnen zu interviewen." Mustafa strahlt. Aber nicht lange. Denn ich spreche ihn auf Sulukule an. Das ist ein Zigeunerviertel an der alten Stadtmauer.
Dort soll Nacht für Nacht die Hölle los sein. Musik von Trommeln, Pfeifen und Geigen, die intravenös in den Blutkreislauf einschießt. Üppige Zigeunermädchen, die tanzen wie der Teufel.
"Fährst du mich nach Sulukule?", frage ich Mustafa. Vor Schreck bremst er abrupt und überlässt wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben einem Rechtskommenden den Vorrang. Heute Abend kann er nicht, sagt er. Da muss er seine Schwiegermutter vom Spital abholen. Aber morgen. "Ich komme um 20 Uhr zum Hotel", sagt er. "Ehrenwort."
Dann ist Mustafa die Wolke. Und der Mann an der Rezeption des Divan Oteli schüttelt energisch den Kopf, als ich ihn bitte, mir ein Taxi nach Sulukule zu organisieren: "Nichts zu machen. Dorthin fährt kein Mensch freiwillig."
Also bleibt mir nichts anderes übrig, als auf den nächsten Abend zu warten. Tatsächlich erscheint Mustafa um 20 Uhr. Er ist voll Tatendrang. Im Auto nimmt er sofort die türkische Taxifahrer-Haltung ein: linke Schulter vorgezogen, linker Ellbogen am Fenster, linke Hand an der Hupe, rechter Fuß ohne Unterbrechung am Gaspedal.
So gelangen wir vom Taxim-Platz hinunter ans Goldene Horn und stechen Richtung Aksaray-Platz durch.
Mustafa kennt ein "Gazino", in dem Bauchtänzerinnen auftreten. Er hat es eilig, dort hin zu kommen. Das macht ihn zum König der Straße. Wenn er zum Überholen ansetzt, und es kommt auf der Schnellstraße gerade ein Esel entgegen, lässt er sich nicht beirren. Er hat gehupt, das muss reichen. Soll der Esel ausweichen.
Das Gazino "Gar" ist Restaurant und Music Hall in einem. Im Lokal ist Platz für 300 Personen. Sie sitzen an langen Tischen im Halbrund um die Bühne. Busladungen Touristen. Einheimische sieht der Chef des Lokals, ein Gynäkologe, nicht gern. Wenn sie einmal mit dem Raki anfangen, meint er, werden sie unberechenbar.
Pünktlich erscheint die erste Bauchtänzerin auf der Bühne. Nilgün trägt ein lachsfarbenes Kostüm. Sie tanzt exakt zehn Minuten, lässt die langen Fransen an der Hüfte und am Busen rotieren, bewegt sich mit der Sicherheit einer Schlangenfrau. Während das Publikum noch applaudiert, ist sie schon backstage.
In der winzigen Garderobe schlüpft sie in Jeans und Lederjacke. In einer halben Stunde hat sie ihren nächsten Auftritt in einem Hotel. Für ein längeres Gespräch ist keine Zeit. "Sorry", sagt sie. "Time is money." Inzwischen ist Ayla aufgetreten. Groß, schlank, trauriger Blick. Jede einzelne Bewegung sitzt perfekt. Von den Zimbelschlägen der Finger bis zur Drehung der Hüfte. Ayla ist jetzt 25. Lange wird sie nicht mehr tanzen können. Für diesen Beruf muss man sehr jung sein. Vielleicht wird sie heiraten. Mustafa spitzt die Ohren. Und verfällt gleich wieder. Es müsste aber ein Künstler sein. Ein anderer Mann würde ihr das Tanzen übel nehmen. Schließlich lebt sie in der Türkei.
Professionelle Bauchtänzerinnen gibt es in der Türkei zu Tausenden. Viele von ihnen stammen aus Sulukule. Einmal oben, können sie es weit bringen. Viele haben Terminkalender wie Manager. Sie werden mit Privatjets zu Veranstaltungen geflogen, scheffeln für Auftritte in Feriendörfern oder Luxushotels riesige Summen. Mit dem sozialen Ansehen ist es schwerer. Denn der türkische Mann verehrt die Bauchtänzerin, aber er ehrt sie nicht.
Weit nach Mitternacht erklärt sich Mustafa doch noch bereit, mich nach Sulukule hinauszufahren. Als wir die alte Stadtmauer erreichen, herrscht im Wagen gespanntes Schweigen. Plötzlich eine stockfinstere Straße. Rechts von uns die ausgerissenen Umrisse der byzantinischen Mauer.
"Türen verriegeln", ruft Mustafa, als die ersten düsteren Straßenlampen auftauchen. Sie beleuchten eine Reihe niedriger, schäbiger Häuser. Am Straßenrand flackern Feuer. Finstere Figuren werfen lange Schatten. Musik von Trommeln und Pfeifen weht von weit her.
Wir kommen zum ersten Haus. Aus dem Eingang stürzen Menschen. Sie werfen sich auf das Auto, reißen an den Türen. "Eine Journalistin", ruft Mustafa einer alten Zigeunerin zu. "Die will nur mit euch reden." Die Alte kommt ganz nah an sein Fenster. "Ich gebe dir einen Rat, mein Sohn", zischt sie. "Verschwindet, so schnell ihr könnt."
In Sulukule habe ich keinen Bauchtanz gesehen. Dafür weiß ich jetzt, dass der Taxifahrer Mustafa nicht nur ein cooler Typ, sondern auch ein weiser Mann ist.
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