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24.11.2000
 

Hallo, Taxi! (Riga)

Kolchose in der Nahaufnahme

Von Lasse Dudde

Die lettische Hauptstadt ist geprägt von Klassenunterschieden. Das gilt auch für die Taxis. Westliche Limousinen neben russischen Wolgas. Ein Fahrbericht.

Der Bodyguard mit der Wölbung unter dem Jackett hat mich in den vergangenen Tagen immer am Haupteingang empfangen und mich zum Lift begleitet. Denn mein Hotel, das von einer schwedischen Baufirma installiert worden ist, befindet sich über dem eigentlichen Hotelpalast in der Innenstadt.

Wortlos begleitet er mich jetzt zum bestellten Taxi. Den Preis hat er offenbar auch dem Fahrer gesagt, der meinen verschlissenen Hartschalenkoffer jetzt wie einen Wertgegenstand behandelt. "Good bye, Sir."

Baltische Metropole Riga: Volle Fahrt mit angezogener Handbremse
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GMS

Baltische Metropole Riga: Volle Fahrt mit angezogener Handbremse

Einstieg in Opas gute Stube: Der Beifahrersitz des Wolga als Sofa, Hilfe, ich ertrinke. Kein richtiger Sicherheitsgurt (eine Art Plastikband), dafür rosafarbene Plastikrosen in einer Plastikvase. Der Schalthebel könnte auch Teil eines Stellwerkes sein. Oder eines Kamins.

Ich schlage meine Tür zu. Blech. Ist das hier nicht ein Opel Kapitän? Neugierig-aufmunternd betrachten mich zwei Augen eines gutmütigen Bauerngesichts: Kolchose in der Nahaufnahme. Er fragt etwas, es klingt nach "Airport", sicherheitshalber mache ich die passende Bewegung dazu. Stutzt er jetzt?

Wir fahren. Nein, wir starten, beziehungsweise: Er, der Gutmütige, dreht sein Schlüsselchen, und ein paar Lämpchen flackern müde auf. Er murmelt. Zweiter Versuch. Geräusch, als sei irgendwo ein gespanntes Drahtseil gerissen. Hm. Abflug nach Kopenhagen in einer Stunde. Ich müsste eigentlich schon am Check-In stehen, verlangt man hier. Ich hätte auch eine Volvo-Stretch-Limousine haben können. Es eilt.

Dritter Versuch. Ich glaube, jetzt hat sich kurz etwas gedreht. Wir schauen uns an.

Minuten später. Der Bodyguard ist natürlich nicht mehr da, jetzt bräuchte ich ihn. Nicht als Waffenträger, sondern als Dolmetscher: Wann ist dieses Auto zuletzt gefahren? Wir stehen immer noch vor dem Hoteleingang. Es hat sich eine Schlange schwarzer Limousinen hinter uns gebildet, ganz hinten steigt jemand aus, um zu sehen, was da los ist.

Vierter Versuch. Langsam folgt der Motor dem durchgetretenen Pedal. Das ganze Auto wackelt, und mein Kolchosbauer strahlt über beide Backen: "Jaaa!", ruft er aus, als sei ihm soeben ein unglaubliches Experiment geglückt.

Lappen in der Hand

Abfahrt ohne Schalldämpfer, kann das sein? Die Tachonadel wippt sich zitternd in die Höhe, es knistert, rattert und klingelt aus allen Ecken. Das Alter des Wagens wäre Gesprächsstoff, wenn ich russisch oder lettisch könnte. Oder sein monatlicher Verdienst.

Altersschwach humpelt der russische Kapitän von einem Schlagloch zum nächsten, ich rolle auf meinem Beifahrersofa hin und her, die Scheiben sind beschlagen, erst hat er den alten Lappen in der Hand, auf Höhe der Ausfallstraße wischen wir gemeinsam.

Ich verstehe schon, was er mir sagen will mit seiner Gestik: Der "sowjetische Mercedes" ist zuverlässiger als jede Sanduhr.

Unser Einvernehmen ohne verbale Verständigungsmöglichkeit: ein schauderhaftes Wetter. Dabei hat er etwas Leutseliges: Sein gespanntes Erwarten meiner Grimassen, jedes Mal, wenn wir in eine Kurve fahren und es hinter uns etwas auf dem Asphalt schleift.

Ich vergewissere mich noch einmal und lasse meine Hand vom Schenkel aufsteigen. Habe ich Geräusche eines Flugzeugs nachgemacht? Seine Reaktion: War das ein Lachen oder Kopfschütteln?

Fünfundzwanzig Minuten bis zum Abflug. Ein Absterben des Motors an der nächsten Ampel, und ich säße fest. Warum sieht man in einer fremden Stadt dem Wetter an, dass das Wochenende naht?

Der vierte Gang ist übrigens überflüssig, zumindest wenn annähernd so etwas wie Beschleunigung gefragt ist. Oder fährt der Mann mit angezogener Handbremse?

Gardinchen mit Pokémons

Auf der Schnellstraße auswärts sehen wir wieder kaum etwas. Ich wische nicht nur meine Seite, sondern strecke meinen Arm bis über das voluminöse Lenkrad. Das heißt: Ich stemme mich aus dem Sofa, den Gurt-Ersatz um den Bauch.

Es ist nicht direkt kalt, zumindest nicht mehr an den Füßen, dumm ist das Fehlen eines Gebläses.

Jetzt sehe ich's erst: Gardinchen mit Pokémons an der Heckscheibe, zerschnittene Aldi-Tüten als Schonbezüge für die Rückbank. Sein Lächeln, als ich mich wieder nach vorne drehe und im Sofa ersaufe.

Am Terminal kann ich mein Glück kaum fassen: Eine Viertelstunde bis zum Boarden. Ich stecke ihm schnell den Schein zu, reiße ihm den Koffer aus der Hand und renne.

Erst an der Sicherheitskontrolle fällt es mir auf: Die Kamerausrüstung - ich habe sie auf der Rückbank vergessen! Achttausend Mark. Wie lange kann ein lettischer Taxifahrer vom Gegenwert leben?

Ich habe mich bereits mit dem Umstand abgefunden. Natürlich habe ich das Kennzeichen nicht notiert. Polizei wäre sinnlos. Wenigstens das Filmmaterial liegt gesichert im Koffer. Verspätung: Ich trinke einen Kaffee und blicke auf das triste Rollfeld.

Dann ein Uniformierter mit suchendem Blick, der dann wieder verschwindet, um einen Augenblick später mit meinem Taxifahrer zu erscheinen: Die Kameraausrüstung geschultert und außer sich vor Freude, dass der kopflose Fahrgast doch noch anzutreffen ist. Ich habe kein Bargeld mehr, nicht einmal Dollars. Er ist aber auch schon wieder weg. Er hat mir noch "eine gute Reise" gewünscht. Auf gebrochenem Deutsch.

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