Von Roland A. Wildberg
"¿Adónde?" Tja, eigentlich nur zwei Straßen weiter, in die Calle Hiniesta. Elena hatte gestern eingeladen. Zu Fuß sind das fünf Minuten von der Calle Feria, aber nicht mit Vanillesoße. "Mach doch deinen Apfelkuchen, der war neulich schon so lecker!", hatte sie am Telefon geflötet. Nett von mir, dass ich daran gedacht habe. Nur muss ich nun die Taxe nehmen, um Kuchen, Vanillesoße (Spanier haben so etwas nicht im Haushalt) und natürlich die obligatorischen Blumen sicher zu transportieren. "¿Que es esto? - Was ist das?", fragt der stoppelige Sevillaner am Steuer mit leuchtenden Augen. "Ah, pastél de manzana, Apfelkuchen", er leckt sich demonstrativ die Lippen. "Soy Javier - ¿todo va bien (alles klar)?" Na klar doch - Tür zu und Javier tritt aufs Gas, der kleine weiße Seat schießt los.
Macarena saust schemenhaft vorbei, die bunten Geschäfte, die Punks, die verwitterten Kirchen. Der ursprünglichste Stadtteil von Alt-Sevilla ist bei Autofahrern vor allem gefürchtet für seine berüchtigten, extrem engen Gassen; Kapillaren im Geäder der Hauptstadt Andalusiens. Außer sevillanischen Taxistas kommt hier keiner mehr durch. Peinliche Vorstellung, mit beiden Seiten fest zu hängen und, im eigenen Auto gefangen wie eine eingedoste Makrele, auf den Blechöffner zu warten. Die erste Engstelle, Javier ignoriert die Bremse, kneift die Augen zusammen, nimmt Maß. Kunststück - das waren ja noch mindestens zehn Zentimeter rechts und links der Spiegel. "...la vida es loca", jault es aus dem Radio, das Leben ist schon verdammt verrückt. Javier beschleunigt noch einmal. Schnell muss es gehen, Ehrensache.
Haarscharf wischt er wie der Kampfstier am Torero an einer dicken andalusischen Mama mit Kinderwagen vorbei, biegt quietschend um eine Kurve. Wieso links? Zu Elena geht es doch nach rechts! "¡Mira! Schau doch, alles Einbahnstraßen hier!", erklärt Javier augenrollend. Er muss also einen großen Bogen fahren, um sich im Gewirr der "Calles sin salida" (Straßen ohne Wiederkehr) an mein Ziel heranzupirschen. Einen sehr großen Bogen...
Vorbei geht es an der Alameda, Sevillas Flohmarktmeile, wo die Straßenhändler gerade ihren Trödel aufsammeln. Fast kollidieren wir mit einem klapprigen Dreirad voller Ölkrüge. Dahinter parkt jemand ein, der sich viel Zeit nimmt.
Zehn Minuten. Ein Fluch, ein Hupen, dann weicht Javier gestikulierend in eine Seitengasse aus. Zwei-, dreimal biegt er ab, jetzt habe auch ich die Orientierung verloren.
Straßenschilder befinden sich hoch oben an Sevillas dreistöckigen Altbaufassaden, manchmal fehlen sie auch ganz. Vor blauem Himmel blinken metallvergitterte Fenster, davor grünt es von schiefen Balkonen, an denen Kanarienvogel-Käfige baumeln. Unter uns Kopfsteinpflaster. Die Sonne versteckt sich hinter Häusergebirgen. Und Javier visiert wieder - noch so ein Nadelöhr. Wie viel Zentimeter waren da noch Platz, wie schnell fuhrst du, Javier? Madonna weiß auch keine Antwort - an der Mittelkonsole hängt sie, wie immer mild lächelnd, mit bunten Leuchtdioden aufgepeppt. Sie tröstet auch Protestanten.
Javier scheint die Problematik voll auszukosten
15 Minuten. Javier biegt wieder ab - und tritt brutal mit voller Wucht auf die Bremse. Ein Zementmischer versperrt die Durchfahrt, sein Spiegel hängt schon im Fenster der gegenüberliegenden Bar. Davor stehen drei Bauarbeiter - jeder mit einem Bier in der Hand - sie und der Kneipenbesitzer tragen einen gut gelaunten, aber dennoch unnachgiebigen Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit des Fahrers aus. Jeder macht andere Zeichen, das Ungetüm bewegt sich keinen Meter von der Stelle, stößt aber rhythmisch Abgasschwaden aus. Eine Weile brütet Javier über der Szenerie, scheint die Problematik voll auszukosten. Dann haut er den Rückwärtsgang rein.
"Tío, Onkel, das war die einzige Einbahnstraße nach Süden in diesem Viertel." Ich fürchte, jetzt wird mein Apfelkuchen kalt. 20 Minuten. Wir erreichen den alten Stadtwall aus maurischen Zeiten und biegen mit heulendem Motor in den Altstadtring ein. Es wird schon dunkel, überall glimmen bunt die Leuchtreklamen der Bars und Restaurants. Darüber erhebt sich stolz die Giralda, das Wahrzeichen von Sevilla.
Ich habe nicht genug Geld
Auf den rund 800 Jahre alten Glockenturm fährt Javier zu, fegt durch einen Kreisverkehr, landet wieder im Gewirr der Kapillaren. Die Summe auf dem Taxameter ist mittlerweile vierstellig, und das will was heißen in Spanien - nirgendwo fährt man billiger Taxi als hier. Nur ich nicht. Dafür ist mir die Vanillesoße schon zum dritten Mal über die Schuhe geschwappt. Javier dreht sich ab und zu zum Apfelkuchen um und wedelt genießerisch die Nase. Da kommt mir die Gegend auch schon bekannt vor - Macarena, und gleich die Kirche San Luis.
25 Minuten. Ich habe bestimmt nicht mehr genug Geld. Mit einem letzten eleganten Schwung hält Javier in der Calle Morgada, Nummer 40, stellt den Taxameter auf Null. "Gib mir 500, Tío, ist schon o.k. - Hauptsache, deinem Apfelkuchen ist nichts passiert." Ich verstehe - gut, dass ich ihn schon vorhin geschnitten habe. Ein Teil kann ich anbieten. Verzückt schiebt sich Javier das ganze Stück in den Rachen, ich mach die Tür zu, er rast in die enge Gasse und um die Ecke. Netter Kerl. Licht hat er immer noch keins an - aber das ist eine weitere Alltäglichkeit in Sevilla.
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