Von Andrea Weisbrod
Der große Bahnhof im Süden von Paris ist ihr Lieblingsplatz - nettes Viertel und seriöse Fahrgäste, meist Geschäftsleute, die hier von den Flughäfen oder per Bahn aus dem Westen Frankreichs eintreffen.
Der Fahrer in der Reihe vor Blandine pennt. Eine Frau ist in sein Taxi eingestiegen, doch er schaut versonnen auf den Verkehr vor dem großen schwarzen Tour de Montparnasse. Blandine hupt ungeduldig und öffnet mir dann kopfschüttelnd die Tür. Sie ist eine der wenigen weiblichen Taxifahrer in Paris und fragt lächelnd zweimal nach dem Fahrziel. Ja, ich will wirklich ins 20. Arrondissement - auch wenn das am anderen Ende der Stadt liegt!
Es ist Montagmittag in Paris, der Verkehr ist mäßig. Die Stadt wirkt selbst hier in der geschäftigen Rue de Rennes, in die das Taxi jetzt einbiegt, beinahe ruhig. Blandines Fahrstil ist gemächlich. Keine Versuche, die Kreuzung bei Rot zu überqueren oder die obligatorischen Roller, die hier Scooter heißen und einen unglaublichen Krach machen, von der Straße zu drängen.
Nach den ersten hundert Metern hat sie noch nicht einmal die Hupe betätigt, obwohl sie weiß Gott Grund dazu gehabt hätte. Autos, die sich vordrängeln, Mütter mit Kleinkindern, die zielstrebig bei Rot die Straße überqueren, Ziehharmonikabusse, die aus engen Nebenstraßen bei Gelb auf die Kreuzung fahren und dort bis zur nächsten Grünphase festsitzen.
Blandine ist an den üblichen Wahnsinn gewöhnt und nimmt's gelassen. Ansonsten wäre wohl bei ihren Arbeitszeiten das Nervenkostüm auch schnell ruiniert. Samstags macht sie normalerweise frei, ansonsten fährt sie seit sieben Jahren an sechs Tagen die Woche zehn Stunden täglich. Der Kredit für das Taxi und das Einstiegsgeld in eine Taxikooperative wollen schließlich abbezahlt sein.
Am Boulevard St. Germain schaut Blandine heimlich in einen Plan de Paris. In Hamburg haben mich solche Chauffeure immer nervös gemacht, aber hier geht's wohl nicht anders. Die Stadt ist einfach zu groß, als dass man - selbst nach sieben Jahren - alle Straßen auswendig kennen könnte.
Am Boulevard St. Michel biegt Blandine plötzlich links ab. Halt! Geradeaus wäre doch viel praktischer gewesen, aber zu spät, bis runter zur Seine kann man nicht mehr rechts abbiegen. Die Taxifahrt wird jetzt ein bisschen zur Sightseeing-Tour. Vorbei an Notre Dame und dem merkwürdig isoliert stehenden Kirchturm von Châtelet zum Boulevard Sebastopol, in der Ferne schimmert schon der Gare du Nord durch den Abgasdunst. Wieder ein Blick in den Stadtplan - sollte ich jetzt nicht vielleicht doch eingreifen - und Blandine verkündet strahlend, dass sie ja nie in Paris leben könnte. Sie würde 50 Kilometer von Paris entfernt auf dem Land wohnen, die Ruhe dort bräuchte sie zum Ausspannen, und die weite Anfahrt würde sie dafür gern in Kauf nehmen. Dann biegen wir schwungvoll nach rechts in die Rue de Turbigo ein. Endlich stimmt die Richtung: Über Republique in den äußersten Nordosten der Stadt.
Dieser Teil von Paris gehört nicht zu Blandines bevorzugten Vierteln. Schon gar nicht abends, wenn Horden von Amüsierwilligen, die Viertel zwischen Bastille und Pigalle überschwemmen. Zu gefährlich, findet meine Chauffeurin. Wenn es sie trotzdem einmal am späten Abend hierhin verschlägt, schaut sie sich die potenziellen Fahrgäste genau an und lässt sie im Zweifel einfach stehen.
Bisher ist sie nur einmal um ihr Geld geprellt worden, anderes kennt sie nur vom Hörensagen. Geschichten von Taxifahrern, die überfallen und ausgeraubt worden sind, denen sogar das ganze Taxi abhanden gekommen ist. Bei einem der Kollegen soll sich ein vermeintlicher Fahrgast, während der Chauffeur sein Gepäck aus dem Kofferraum holte, ans Steuer gesetzt und davongefahren sein. Nachdem er das Taxi einige Tage benutzt hatte, ließ er es einfach irgendwo in Paris stehen.
Blandine schaut sich nicht nur abends die Fahrgäste genau an, sie zieht auch immer den Schlüssel ab, wenn sie Gepäck auslädt. Blandine ist besonders vorsichtig. Vielleicht findet sie deshalb Taxifahren in Paris nicht sonderlich aufregend.
Inzwischen sind wir in der Rue de Belleville angekommen. Die schmale Straße mit den vielen kleinen Geschäften und Restaurants trennt das 19. vom 20. Arrondissement und ist der Mittelpunkt des Viertels zwischen den schönen Parks von Buttes Chaumont und Belleville. Leute gehen auf der Straße, da auf den überfüllten Gehwegen kein Platz mehr ist, Geschäfte werden beliefert und Lastwagen blockieren hemmungslos die halbe Fahrbahn - Hupen zwecklos.
Manche Fahrgäste, erzählt sie, wollen nicht bei ihr einsteigen, weil sie eine Frau ist - sie fühlten sich nicht sicher. Andere wiederum wollten lieber mit einer Frau fahren und würden sogar warten, bis sie in der Taxischlange vorne angekommen sei. Sie denken, meint Blandine, Frauen seien flexibler und würden nicht einfach in einen Stau fahren, sondern nach Ausweichmöglichkeiten suchen.
Im Einbahnstraßengewirr um die Rue de Belleville versagt allerdings auch ihre Findigkeit. Langsam Zickzackfahren zwischen Fußgängern und Lastwagen ist jetzt angesagt, bis schließlich mein Ziel, die Metrostation Ecke Rue Jourdain, erreicht ist. Was sich wie eine 60 Mark Taxifahrt angefühlt hat, kostet dann doch nur die Hälfte. Nachdem ich ausgestiegen bin, wendet Blandine das Taxi mit einem eleganten Schwung und entschwindet in Richtung Innenstadt.
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