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19.03.2001
 

Hallo, Taxi! (London)

Kariertes Ben Sherman-Hemd

Von Roland Pietsch

Ost-London, Old Spitalfields Market, es ist Mitternacht und es regnet, wie die Engländer sagen, "Hunde und Katzen". Roland Pietsch nimmt sich deshalb ein Taxi - der Preis spielt zunächst keine Rolle.

Wenn es einen Ort gibt, der erst unter starken Regengüssen seine volle Romantik, oder besser seinen Mythos entfaltet, dann ist es Londons Eastend. Der Regen, die dunklen Straßen, bröckelnde Fassaden - es fehlt eigentlich nur noch der Nebel, und schon fühlte man sich in die Zeit zurückversetzt in der Jack the Ripper hier sein Unwesen trieb. Weil ich mich im Moment aber mehr nass als nach düsterer Ripper-Romantik fühle, halte ich nach einem Taxi Ausschau.

Taxi in London: Wahl zwischen zwei Welten
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AP

Taxi in London: Wahl zwischen zwei Welten

Wer in London ein Taxi sucht, steht vor der Wahl zwischen zwei Welten: zum einen sind da die weltbekannten Black Cabs, die für den Touristen zu London gehören, wie Big Ben und die roten Doppeldeckerbusse. Zum anderen gibt es aber auch die sogenannten Minicabs - das sind nicht etwa Kleinstwagen, sondern ganz normale Familienautos, meist japanischer Herkunft und des öfteren mit einer einseitig leicht herunterhängenden Heckstoßstange - Spuren des "Straßenkampfes" im Londoner Berufsverkehr.

Minicabs gehören zu kleinen privaten Taxiunternehmen - wenn man nach der Meinung der Regenbogenpresse geht, sind das allesamt semi-kriminelle Vereinigungen, bei denen Kleinkriminelle ihr Zubrot verdienen. Aber das müssen die Leute von "The Sun" und ähnlichen Blättern auch genau so darstellen, denn schließlich gehören ja die Black Cabbies zu ihren treuesten Lesern. Und die mögen die Minicab-Fahrer nicht sonderlich. Grundsätzlich kann nämlich jeder ein Minicab fahren, einen Taxischein wie die Black Cabbies braucht man nicht. Nach dem Gesetz dürfen Minicab-Fahrer nicht mal ihre Kundschaft auf der Straße aufgabeln, der Kunde muss sie anrufen oder in ihr Büro gehen. Das hat zur Folge, dass einen die Minicab-Fahrer auf der Straße konspirativ im Flüsterton ansprechen, als seien Drogen zu verkaufen.

Diesmal bin ich mittlerweile derart nass, dass ich kein preisgünstiges Minicab nehme, sondern ein schwarzes anhalte, das gerade an mir vorbeifährt. Mein Fahrer trägt einen Rolli anstelle der klassischen Black Cab-Mode: das karierte Ben Sherman-Hemd - egal wie kalt es draußen ist. Mein Blick fällt auf den Innenspiegel, ein Gewohnheitscheck meinerseits, um zu sehen, ob da ein Wimpel vom Fußballklub Chelsea London oder West Ham United hängt. Der leichteste Einstieg in eine Unterhaltung. Überraschenderweise hängt an diesem Innenspiegel der FC Arsenal London. Oft deutet das auf etwas mehr Weltaufgeschlossenheit hin. Wer allerdings echte Ost-Londoner Schnauze lernen will, den so genannten Cockney Slang, sollte nur in Cabs mit einem West-Ham-United-Wimpel einsteigen.

Ray, mein Fahrer, ist aber auch kein schlechtes Beispiel. Er hat ein paar gute Cockney-Reime drauf. Er wohnt in Plaistow - viel zu weit östlich für einen Arsenal-Fan, eindeutiges West Ham-Territorium. Irgendwie geht mir nun aber die Konzentration für ein vernünftiges Gespräch abhanden. Ich kann immer nur auf das tickende Taxameter schauen. Immer weiter klicken die Ziffern, immer bedrohlicher heran an den sich in meiner Hosentasche befindlichen Höchstbetrag. Noch nie wurde mir so deutlich: Zeit ist Geld.

Beim Minicab ist das leichter, da handelt man vor Fahrtbeginn den Preis aus - und muss nicht für eine staufreie Straße beten. Das nächste Mal nehme ich wieder ein Minicab. Um nicht in finanzielle Verlegenheiten zu geraten, sage ich Ray, dass er mich schon hier an der Straßenecke rauslassen kann. Wir halten. Ich reiche Ray den gesamten Inhalt meiner Hosentasche: "Stimmt so!" - "Cheers, mate!". Das Türschloss springt auf: Mir wird plötzlich klar, dass man in einem Black Cab eingesperrt ist, wie in einem Auto aus einem James-Bond-Film. Damit man nicht die Zeche prellt. Ich steige aus und wünsche Ray und Arsenal noch alles Gute für die Champions League.

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