Von Carsten Walter
Chepstow Villas, Ecke Portobello Road. Rushhour. Ein heilloses Durcheinander. Die Busse scheinen - wie in einem Labyrinth - nach nirgendwo zu fahren. Und auch die Taxis und Minicabs eilen unbekannten Zielen entgegen. Dazu regnet es, wie die Engländer sagen, mal wieder "Hunde und Katzen".
Auf einen Wink hält eine schwarze Limousine älterer Bauart, reich mit Blumen verziert: Wer das seltene Glück hat, in einem "Karma-Cab" durch die innerstädtischen Häuserschluchten zu reisen, für den ist plötzlich all das hektische Treiben vergessen: Wie in einer fernöstlichen Zeitkapsel, betört vom schweren Duft indischer Räucherstäbchen, ist der Fahrgast der Außenwelt voll und ganz entrückt.
"Ich hatte eine Eingebung, als ich vor zwei Jahren im Himalaja war", sagt Taxi-Besitzer Tobias Moss, als wir in die Essex Road einbiegen. "Erst wollte ich gar nicht mehr zurückkehren, aber dann dachte ich: Wenn ich schon zurückgehe, dann bringe ich etwas von der Magie Indiens mit nach London."
Folge: Der Mann kaufte in Bombay drei "Ambassador"-Limousinen. Die indische Firma Hindustan-Motors baut diese Wagen noch heute nach dem Vorbild des Morris Oxford aus den vierziger Jahren. Letztes Jahr kam er damit zurück nach Notting Hill - und von diesem Moment an begann sich die Sache zu entwickeln. Künstlerfreunde nahmen sich der schmucklosen Karossen an und erschufen die Karma-Cabs.
Äußerlich fast unverändert, ist heute im Interieur von der Serienausstattung nicht mehr viel zu erkennen. Eher fühlt man sich wie in einen prachtvollen indischen Tempel versetzt. Tobias erklärte eine Parkbank an der Portobello Road zu seiner Firmenzentrale und wartete fortan auf Fahrgäste. Mit großem Erfolg.
Ralph Fiennes, Naomi Campbell oder der Musiker Seal sind schon mit dem Karma-Cab auf einen Trip gegangen - nur auf einen Anruf von Madonna, die seit einigen Monaten im Bezirk wohnt, wartet Tobias noch vergeblich.
Eine Fahrt im Karma-Cab ist zwar ein wenig teurer als ein normales London-Taxi. Dafür ist aber "Ganesh", die indische Elefantengöttin, stets mit an Bord und trägt das ihre zum ganzheitlichen Trip bei. Außerdem kommen spezielle indische "Musk"-Öle zum Einsatz - zur Reinigung der Luft und zur Verbesserung der feinstofflichen Aura.
Inzwischen gibt es zu jedem Wagen einen passenden Karma-Driver. Wie Tobias haben sich auch die Kollegen auf Zen-Buddhismus spezialisiert. Jessie ist der "Karma Lover Driver". Sein eigentlicher Beruf ist zwar Mode-Designer, doch seine Mission lautet Karma-Cab. Der Name seines Wagens lautet "Sish-Mahal", der Spiegel-Palast: "Er bringt die Menschen dazu, aus sich herauszugehen - einfach, weil er so einzigartig ist. Sie werden illuminiert - wir verkaufen ihnen einen Platz im Nirwana - und ewige Erleuchtung", so die Auskunft seines leutseligen Fahrers. In einem weiteren Karma-Cab wird Tiefenentspannung geboten. Und zwar mittels der von Fahrer Sasha selbst komponierten Meditationsmusik.
Angeblich kann die Nachfrage an den meditativen Taxis kaum befriedigt werden, weshalb der Chef in Bombay einen Ambassador zur Stretchlimousine umbauen lässt. Für Tobias ist es Karma, für andere nur Kitsch - eins ist sicher - ein Trip im Karma-Cab gehört zu den angenehmeren Formen, im großstädtischen Stau zu stehen.
Oder ins Koma zu fallen. Eine amerikanische Touristin, die im "Sish-Mahal" eine längere Tour ins East End machte, war zuletzt dermaßen entspannt, dass sie von Piccadilly Circus und Big Ben nichts mehr mitbekam. Sie war in einen tiefen Schlaf gefallen.
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