Blackpool - Im diesem Seebad, das in der Nähe von Liverpool und Manchester liegt, ist das Stadtbild grell wie das von Las Vegas, die Promenade kitschig wie eine Hollywood-Kulisse, die Architektur von prächtigem Jahrhundertwendecharme und die Skyline von Achterbahnsilhouetten geprägt. Kinder bauen keine Sandburgen, sondern reiten auf Eseln. Und obwohl hier eigentlich auch nicht gebadet wird, ist Blackpool das beliebteste Seebad Englands und das größte Europas: 17 Millionen Besucher kommen jährlich hierher - "mehr Touristen, als nach Griechenland reisen", weiß Bill Bryson, Autor des erfolgreichen Reiseromans "Reif für die Insel".
Die Entwicklung Blackpools verlief wie die vieler anderer Seebäder auch: Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Küste touristisch erschlossen wurde, stieg der kleine Ort zu einem wichtigen Reiseziel auf. 1863 wurde die erste Seebrücke, der "North Pier", gebaut. Ein Bauboom spätviktorianischer Architektur setzte ein, denn man wollte den Bedürfnissen nach Erholung und gesellschaftlicher Vergnügung gerecht werden. So entstanden bis zur Jahrhundertwende pompöse Bauwerke wie die zwei weiteren Seebrücken, das Grand Theatre, der Winter Garden Pavillon mit Veranstaltungssälen und dem Opera House und der Blackpool Tower, ein 155 Meter hoher Eiffelturm-Nachbau mit angeschlossenem Ballsaal.
Mit einem schicken Seebad wie Brighton hat Blackpool trotzdem ebenso wenig gemein wie mit den Jahrhundertwende-Badeorten auf Rügen oder Usedom an der Ostseeküste. Zwar existieren die alten Prachtbauten noch, doch hat sich das Bild gewandelt: Blackpool wurde schnell zum Reiseziel der Arbeiterklasse - bodenständig und schlicht. Was die Besucher wollten, war ein wenig Ablenkung vom Alltag und ein bisschen Spaß. Da auch das, was jeweils unter Spaß verstanden wurde, dem Zeitgeist unterlag, kamen immer neue Attraktionen hinzu.
Mit der Zeit wurden nicht nur 3000 Hotels errichtet, sondern auch Hunderte von Spielhallen, 56 Nachtclubs und ein "Sealife Center" mit Haien und Riesenkrabben. Entlang der über elf Kilometer langen Promenade wuchs der Vergnügungspark "Pleasure Beach" mit seinen Riesenrädern, Geister- und Achterbahnen. Darunter befindet sich auch die größte Achterbahn der Welt. "The big one" heißt sie und ist über 70 Meter hoch. Der Vergnügungspark ist Englands meistfrequentierte kostenlose Besucherattraktion.
Doris Thompson, deren Sohn das Unternehmen jetzt führt, hat es bereits von ihrem Vater übernommen. Inzwischen ist sie 98 Jahre alt und genießt die neuen Attraktionen immer noch, auch wenn sie inzwischen im Rollstuhl sitzt. "Blackpool erfindet sich immer wieder neu. Deshalb überlebt es", sagt Mike Chadwick vom Fremdenverkehrsamt.
Dass Altes und Neues nebeneinander existieren, macht den besonderen Reiz des Ortes aus. So sind die Traditionsgebäude nicht verschwunden, aber sie werden häufig anders genutzt. Der legendäre Tower Ballroom etwa ist noch für jedermann offen. Betritt man den verschwenderisch dekorierten Saal an einem Vormittag, ist man seltsam berührt und überrascht - so weit weg erscheint der Alltag. Auf der Bühne sitzt ein Mann neben einer weißen Wurlitzer-Orgel und haucht ins Mikrophon "Good morning, Ladies and Gentlemen, and now the ballroom tango!" Und dann schweben mitten am Tag ältere Paare über die Tanzfläche wie bei einer rauschenden Ballnacht - die Damen sorgfältig geschminkt und in großer Robe, die Herren mit Pomade im Haar und Lurex-Fliege zum Anzug. Fünf Musiker gibt es, die sich alle paar Stunden abwechseln: Dabei verschwindet einer samt Orgel im Boden, ein anderer taucht langsam auf einer Hebeplattform auf.
An anderen Stelle, beispielsweise in den Tanzsälen des Winter Gardens, werden auf dem Parkett heute Tagungen abgehalten, Floh- und Antikmärkte unter alten Kronleuchtern veranstaltet und Meisterschaften des Friseurhandwerks ausgetragen. Die Nachfolge des Zoos im Tower hat ein riesiges Kletterparadies für Kinder angetreten. Und wo einst Kabarettisten wie Freddie Frinton mit seinem legendären Sketch "Dinner for One" entdeckt wurden, geben jetzt auch Rock- und Popbands ihre Konzerte. An der Promenade findet man wie in früheren Zeiten Wahrsagerinnen, Zuckerwatteverkäufer und Buden zum Dosen-Werfen, zugleich gibt aber auch lärmende einarmige Banditen, Computerspiel-Terminals und Stände mit touristischem Schnickschnack.
Souvenirs spielen in Blackpool eine wichtige Rolle: Den Beginn machte ein Hütchen, auf dem "Küss mich schnell" stand. Es verkaufte sich so gut, dass in England all diese albernen Kopfbedeckungen heute "Kiss me quick"-Hüte heißen - und davon sind in Blackpool zahllose Varianten zu entdecken. Jedes Jahr wird ein bestimmtes Modell zum Saisonhit. Für Besucher gibt es noch ein Muss: die weiß-roten Zuckerstangen. Sie werden "Blackpool rock" genannt, und wer hineinbeißt, weiß auch warum. 10,5 Millionen Stück werden pro Jahr verkauft. Ein Symbol für Blackpool ist auch die Tüte mit "Whelks and Cockles". Während anderswo "Fish and Chips" angeboten werden, gibt es hier überwiegend Wellhornschnecken und Herzmuscheln. Sie werden aus der irischen See geholt und roh mit einem Spritzer Essig gegessen.
Die Stadt hat sich schon früh etwas einfallen lassen, um den Herbst in die Urlaubssaison einzubeziehen und den trüben Tagen etwas entgegenzusetzen: Jedes Jahr am letzten Augusttag wird der "Illumination Open Day" gefeiert. Laserstrahlen und 400.000 Glühbirnen erhellen dann mit bunten Lichterketten die Promenade. Unter der Liste der Prominenten, die das Spektakel eröffnen durften, findet sich auch Johannes Rau. Zu der Ehre kam er 1984, weil er als damaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen auch Repräsentant der Blackpool-Patenstadt Bottrop war. Am 1. November ist die Lichterschau und damit auch die Saison vorbei.
Anke Meyer-Hartmann, gms
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