Von Stefan Heijnk
Jürgen Runge, Bauleiter der Porr AG, wunderte sich nicht schlecht als er im Sommer einen Anruf der Hamburger Baubehörde bekam. "Die machten sich Sorgen wegen des Besucherandrangs, der hier auflief. Wir sollten einen Pförtner einstellen, damit die Baustellen nicht unbefugt von Touristen betreten werden können." Dazu kam es dann zwar nicht, weil ringsherum Bauzäune aufgestellt wurden. Der Neugier tat das keinen Abbruch.
Jetzt im Winter ist der Besucherstrom zwar dünner, aber selbst bei frostigen Minusgraden flanieren an den Wochenenden viele Schaulustige allein, zu zweit oder in Gruppen über das tiefgefrorene Gelände hinter der Speicherstadt. Was sie dorthin lockt, ist nicht irgendeine Baustelle, sondern eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas: Hamburgs neues Stadtviertel, die Hafencity.
Runges Kolonne baut hier seit Mitte September 2003 einige der ersten Wohn- und Geschäftshäuser in die direkte Nachbarschaft der berühmten Speicherstadt-Lagerhäuser. Wenn es nach dem Hafencity-Masterplan geht, dann haben er und seine Kollegen von den anderen Baufirmen in den nächsten Jahren noch einiges an Arbeit vor sich: Bis zum Jahr 2025 entsteht auf dem riesigen Areal zwischen City und Elbufer in mehreren Etappen ein komplett neuer Stadtteil in feinster Elbstrand-Lage. Allein 5500 Wohnungen sollen hier an die Elbufer gebaut werden, dazu Büros für 25.000 Arbeitsplätze, Restaurants und Parks, Einkaufszentren, Brücken, Museen, mehrere Marinas, ein Traditionsschiffhafen, ein Kreuzfahrtterminal. Und das alles keine 800 Meter entfernt vom Rathaus und nur gute zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof.
24-Stunden-Stadt, nicht Schlafstadt
Die Plan- und Zahlenspiele vernebeln allerdings, dass der neue Standort in Hamburg selbst in kräftigem Gegenwind steht. Viele Hanseaten sind skeptisch, aus unterschiedlichen Gründen: Die Einzelhändler in der Innenstadt befürchten ein Abwandern der Käufer, die Immobilienmakler kämpfen mit Rekordleerständen in Hamburgs Bürogebäuden. Das Kaufen und Mieten der neuen Wohnungen wird für Normalverdiener-Familien kaum erschwinglich sein, und die geplante U-Bahn-Linie ins Zentrum der Hafencity ist wegen gewaltiger Kosten heftig umstritten. Und ob hier ein wirklich lebendiger Stadtteil entsteht, lässt sich schwer vorhersagen.
Jürgen Bruns-Berentelg, als Chef der Gesellschaft für Hafen- und Standortentwicklung (GHS) für die gesamte Hafencity-Planung verantwortlich, betont deshalb gerne, dass keine Schlafstadt entstehen soll, sondern eine "24-Stunden-Stadt". Im Klartext: Nach 20 Uhr werden hier nicht die Bürgersteige hoch geklappt, stattdessen soll die Hafencity Raum bieten für Veranstaltungen und Freizeitvergnügen. Kulturelle, architektonische und touristische Attraktionen sollen die erforderliche Magnetkraft entfalten.
Immerhin wurden Ende 2003 nach langem Gezerre zumindest drei der geplanten Hafencity-Vorzeigeobjekte "im Grundsatz" beschlossen. Vor allem die beiden Kaispeicher-Gebäude A und B werden danach zu Kristallisationspunkten des neuen Elbufer-Viertels avanciert:
Auf dem Dach des Kaispeichers A wird künftig ein architektonisch beeindruckender Glasbau thronen. Das Gesamtensemble wird die neue Philharmonie beherbergen, samt Gastronomie, exklusiver Wohneinheiten und umlaufender Flaniermeile mit Panoramablick auf Hafen, Speicherstadt und Elbe. Das markante, ehemalige Lagergebäude für Kakao und Tabak ist quasi das Westtor der Hafencity, nur einen Steinwurf von den St.-Pauli-Landungsbrücken entfernt und liegt fast genau dort, wo einst der Pirat Klaus Störtebeker enthauptet wurde und ein entsprechend kopfloses Ende fand.
Ursprünglich sollte der Speicher dem Media-City-Port Platz machen, einem architektonisch nicht minder gewagten Glasbau für Unternehmen der New Economy. Das Ende des Internet-Hypes machte diesem Konzept allerdings einen finalen Strich durch die Rechnung - und der Senat entschied sich im Dezember 2003 "im Grundsatz" für die neue Philharmonie.
"Queen Mary 2" und das neue Kreuzfahrtterminal
In den Kaispeicher B wird 2005 das Internationale Schifffahrtsmuseum von Peter Tamm einziehen, eine weltweit angesehene Sammlung maritimer Exponate - von Waffen und Gemälden über die einzigartige Bibliothek (120.000 Bücher, 40.000 Konstruktionspläne, 2000 Filme) bis hin zum sündhaft wertvollen Goldmodell der Santa Maria. Der Kaispeicher B wurde 1878 errichtet, ist das älteste erhaltene Gebäude der Speicherstadt und liegt direkt an der Ecke Brooktor- und Magdeburger Hafen, dem künftigen Zentrum der Hafencity.
Beschlossen ist außerdem der Bau eines "maritimen Kultur- und Erlebnis-Bausteins". Gemeint sind damit ein Groß-Aquarium, ein Imax-Kino und ein Science Center, das dem Thema "Meere - der 6. Kontinent" gewidmet sein wird. Standort wird ebenfalls der Magdeburger Hafen sein.
Und wer in diesen Tagen am künftigen Überseequartier spazieren geht, wird feststellen, dass sich die Hafencity bereits jetzt auf hohen Sommerbesuch einrichtet: Am 19. Juli wird hier die gerade erst getaufte "Queen Mary II" erwartet, das weltgrößte Kreuzfahrtschiff. Das von den Kreuzfahrtreedereien ungeliebte, wellblecherne Kreuzfahrtterminal-Provisorium ist deshalb zum großen Teil schon abgewrackt und soll einem repräsentativeren Kreuzfahrtterminal-Provisorium weichen. Dass der Termin gehalten wird, steht wohl außer Frage. Ob das neue Provisorium dann aber einen wirklich gebührenden Empfang bereiten kann, wird sich noch zeigen müssen.
Unter den zwei, schon von weitem sichtbaren Stahlgittertürmen des Kesselhauses am Sandtorkai ist die Vision - in Miniatur - jedenfalls schon heute zu bestaunen: Ein etwa 20 Quadratmeter großes Holzmodell zeigt bis ins Detail, wie die Hafencity einmal aussehen soll, Und wer dort bei Kaffee und Kuchen durch die Fenster des Hauses nach draußen schaut, kann sich selbst ein Bild davon machen, wie das Ganze auf der anderen Straßenseite in die Wirklichkeit wächst.
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